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Freitag, 28. Oktober 2016

Führung in der digitalen Transformation übernehmen wollen - und digitale Tools gleichzeitig ablehnen?

Vor einigen Tagen hatte ich die Gelegenheit, bei einer spannenden Veranstaltung von Kollegen eine „disruptive“ Keynote zum Thema Führung in der digitalen Transformation halten zu können. 170 Führungsmenschen aus allen Teilen der Wirtschaft saßen im Publikum und folgten meinen Folien, auf denen ich die inzwischen selbst in den Altmedien diskutierte deutsche digitale Malaise darlegte. Schlechte Versorgung mit Breitband, mangelhafte Nutzung aktueller Kommunikations- und Kollaborationstools, digitaler Analphabetismus und die in Schrecken vor der Digitalisierte erstarrte zweitälteste Bevölkerung der Welt sind die Haupthindernisse im Umgang mit der digitalen Transformation.

In den danach stattfindenden Debatten offenbarte sich für mich dann ein weiteres Hindernis, das wir in deutschen Führungsetagen zu überwinden haben. Es ist die unglückselige Kombination von weit verbreiteter eigener Überheblichkeit („Ich wollte mein Leben lang Menschen führen“) mit Ignoranz und Unwissenheit selbst über elementare Basics digitaler Tools, die verhindern, dass deutsche KMUs - in der Breite - erfolgreiche Player der weltweiten Digitalisierung sein können.

"Ich wollte schon immer Menschen führen"
Da werden in unkritischer Weise die Meinungshäppchen der Altmedien wiedergekaut, die wir alle aus der Diskussion kennen; Internet wird gleichgesetzt mit fehlenden Datenschutz, HateSpeech, Diktatur der Minderheiten, Agitation, Missbrauch von Partizipationsinstrumenten. Es wird das altbekannte und pauschalisierende Vorurteil des twitternden Kaffeetrinkers hervorgekramt, das nur einmal mehr deutlich macht, dass die Person, die dies als „Weisheit“ von sich gibt, keine Ahnung hat, wovon sie eigentlich redet. Da sie aber ja eine Führungskraft ist, glaubt sie, im Besitz der Wahrheit zu sein. Wie sagte doch der Alexander Kluge vor kurzem in einer Veranstaltung: „Man kann Twitter nicht erklären. Der Nutzen wird erst im Gebrauch sichtbar“.

Im Umgang mit der digitalen Transformation werden dann altbekannte Steuerungslogiken und -fragen genutzt, um sich ein Bild von diesem „neuen“ Trend zu verschaffen, um diesen Trend irgendwie fassbar zu machen ("Meine Kinder starren immer nur noch auf WhatsApp. Ich kann damit ja nichts anfangen. Jetzt soll ich das bei der Arbeit nutzen?"). Da wird nach Studien und Kennziffern gefragt, mit denen man messen könne, ob sich Digitalisierung überhaupt „lohne“, ob die Produktivität „tatsächlich“ gesteigert werde. Als ob wir noch eine Wahl hätten. Als ob diese tradierte Steuerungslogiken in digitalen Zeiten eine Bedeutung hätten.

Was mich persönlich erschreckt hat: Menschen, die von sich selbst behaupten, anderen Menschen „führen“ zu können (mir geht die Schafherde nicht aus dem Kopf), wagen nicht voranzugehen. Schlimmer: Sie sind mit Blick auf den Kenntnisstand der allgemeinen Bevölkerung oder auch speziell des Nachwuchses inzwischen Nachzügler und bremsen uns alle aus. Oder kennt ihr einen einzigen Dax-Vorstand oder Firmenlenker, der in den sozialen Medien ansatzweise dieselbe Bedeutung hätte wie Musk, Zuckerberg und Co.?

Aber es gab auch positiv überraschende Momente. So wagten sich gleich zwei Führungsmenschen einer großen deutschen Elektronikfirma aus der Deckung und berichteten sehr offen und ehrlich von den Erfahrungen ihrer Firma mit Shitstorms in China. Sie erzählten uns von der erst behäbigen Reaktion der Leitung der Firma und den dann verspätet einsetzenden kommunikativen Reaktionen der Firma, die letztlich dazu führten, dass diese Firma verstärkt Personalressourcen in Kommunikations- und Forschungsabteilungen einsetzte.

Diese Stärke zur Offenheit ist es, die die Menschen auszeichnet, die erkannt haben, dass „Führung“ in digitalen Zeiten nicht mehr Verbot, Informationsasymetrie und Einzäunung bedeutet sondern den offenen Angang interner Probleme. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob die Mehrheit der Führungsmenschen dies bereits erkannt hat.