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Montag, 18. April 2016

Von der Freude am Fahren zur Freude am Surfen

Foto: Ole Wintermann

Seien wir doch mal ehrlich: Autofahren ist öde, oder? Wer nicht nur privat sondern auch regelmäßig beruflich mit dem Kfz unterwegs ist, weiß, dass Autofahren heute in Deutschland wenig mit Freude (am Fahren) zu tun hat sondern vielmehr mit der schlichten Notwendigkeit, in einer bestimmten Zeit von A nach B zu kommen. Dazwischen liegen etliche ungewisse Autobahnkilometer, auf denen man nicht im Vorhinein weiß, ob man dieses Mal ohne Stau ans Ziel kommt. Ja, man ist manchmal auch selbst der Stau, den man fürchtet. Wenn man dann mal abends nach der langen Autofahrt aus Versehen (Stichwort "zielgruppenunscharfe Ansprache") Werbung für die Blechkarossen schaut, wundert man sich, dass selbst Städte in diesen Werbungen komplett menschenleer zu sein scheinen; Sinnbild für die sinnentleerte Werbung für überkommene Statusgüter?

Es gibt Dienstreisen, für die man beim besten Willen keinen Zug nutzen kann, da der Zeitaufwand signifikant höher ist als bei der Nutzung eines Kfz. Und dann sitzt man für Stunden in diesem Kfz, schaut auf den nassen Asphalt, versucht, ausreichend Abstand zur Vorderfrau zu halten, keinen Vorfahrtsfehler zu begehen, schaut auf die öden Wände von vorbeiziehenden Lkws und Häuserwänden in dicht besiedelten Gegenden des (tiefen) Westens.

Jahrzehntelang hat es die Autoindustrie geschafft uns einzureden, dass wir für diese Tätigkeit 1.000sende von Euro pro Jahr ausgeben und jede noch so kleine Anpassung einer Modellreihe als revolutionäre Innovation anzusehen. Noch ein paar Zentimeter längerer Radstand, blaues statt weißes Abblendlicht, ein noch lauteres Radio (im Preis inbegriffen!) und noch etwas mehr Brumm Brumm unter der Motorhaube. In den letzten Jahren sind dann elektronische Spielereien dazu gekommen, die aber nicht vom Nutzer aus gedacht sind sondern nur das Bedürfnis befriedigen, mehr Lichter blinken zu sehen als der Nachbar in seinem Auto.

Die deutsche Ingenieurskunst hat versucht, uns eine softwarebasierte Steuerung des Cockpits schmackhaft zu machen. In manchen Autos ist der Drehkopf größer, in anderen ist er kleiner. Egal aber, wie groß der Knopf ist, die Steuerung des Klangs des Autoradios ist in den Tiefen der Steuerung  und eines Menüs versteckt, das nach wie vor an das Nokia 6310 (stellvertretend) erinnert.

Die Kompliziertheit dieser Cockpitsteuerung erinnert an den verzweifelten Versuch von Nokia, die technisch zunehmende Vielfalt der Möglichkeiten der Smartphones in der klassischen Baumstruktur, wie sie beim 6310 benutzt wurde, unterzubringen. Inzwischen empfinde ich die Komplexität und offensichtliche Schrott-Anmutung des UI und der Nutzerführung angesichts dessen, was bei Smartphones möglich ist, geradezu als Beleidigung und Zumutung für die Autofahrer.

Es ist aber Rettung in Sicht. Wenn man ab und an an der rotem Ampel in die Nachbarautos schaut, fällt einem auf, dass die Wartezeiten (gleiches trifft für die Situation im Stau zu) immer öfters dafür genutzt werden, um auf dem Smartphone eine Nachricht abzusetzen, Nachrichten oder Mails zu lesen oder die Länge des Staus bei Google Maps abzuschätzen.

Diese Beobachtung ist für mich Indikator, dass etwas in den Köpfen der Autofahrerinnen geschieht: es erfolgt zur Zeit eine Verschiebung der Vorstellung dessen, was mit der eigenen Zeit angefangen werden sollte, wenn die Wahl zwischen Autofahren und "im Netz surfen" besteht. Die Fahrerinnen entscheiden sich immer häufiger und immer dort wo es möglich ist für das Smartphone. Grob vereinfacht gesagt: Freude am Fahren wird ersetzt durch Freude am Surfen.

Fahren wird damit zur Nebensache. Hätte man die Wahl, würde wahrscheinlich die gesamte Fahrtzeit für das Surfen im Netz verwendet werden. Autofahren wird immer häufiger als verschwendete Lebenszeit betrachtet. Damit aber würde perspektivisch auch der Status und das Erscheinungsbild des Autos nachrangig werden. Wenn man sich die Cockpitlandschaften anschaut, gibt es den grobpixeligen Retro-Look eines französischen Herstellers, die nervtötende Farbenverwirrung eines US-Hersteller oder die reduzierten öden Anmutungen in den deutschen Autos.

Foto: Ole Wintermann

Wer möchte angesichts dieser Unfähigkeit, eine nutzerfreundliche UI zu kreieren, lieber nicht auf die Oberflächen eines iPhones oder eines besseren Android-Handys zugreifen? Schaut man sich in den Autos die gegenwärtig immer öfter eingebauten Schnittstellen zu den Betriebssystemen der beiden Smartphonesysteme an, so wird irgendwann in nächster Zeit die allgemeine Erwartungshaltung entstehen, dass die hauseigenen Cockpitsysteme doch bitte auch auf diesen aktuellen Stand des Nutzererlebnisses darstellen sollten.

Ich glaube aber nicht, dass diese dazu fähig sein werden. Denkt man sich nun noch die Fähigkeit der Autos zur Selbststeuerung (nein, ich meine nicht die Möglichkeit, das Auto selbsttätig in die Garage fahren zu lassen…) dazu, so erhält man ein vollkommen neues Produkt und Nutzererlebnis vor Augen. Es handelt sich um einen angenehm zu bedienenden Computer auf 4 Rädern, der selbsttätig fahren kann und dessen PS-Daten mich sowenig interessieren wie die Gigahertz-Angabe bei einem iPad. Und mit dem man/frau die Welt sogar noch retten und nicht nur zerstören kann.