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Donnerstag, 3. März 2016

Der Mythos von der (stets) menschlichen Face-to-Face-Begegnung

Immer wieder wird mir von bekennenden und bewussten Offlinern vorgehalten, dass nur ein "echtes" Treffen jenseits der digitalen Welt den "wahren" Kontakt zwischen Menschen ermöglichen könne, dass nur Face2Face der Ausdruck von Emotionen, persönlichen Sichtweisen und der Austausch von Erfahrungen möglich sei. Implizit damit einher geht die Vorstellung, dass die Kommunikation im Digitalen gekünstelt sei, dass man sich verstecken könne, dass man dem Gegenüber ja nicht in die Augen schauen könne, um den Menschen zu erkennen.

Diese Sichtweise halte ich jenseits eines 4- oder 6-Augen-Gesprächs inzwischen in den meisten Fällen für falsch oder zumindest unvollständig.

In den letzten Wochen habe ich erneut 2 Gremiensitzungen mit jeweils 20 und 40 Personen erleben müssen (ich könnte die Liste aus den letzten Jahren beliebig fortführen), in denen ich (aber auch andere) mich gefragt habe, wofür man einen langen Reiseweg auf sich nimmt, um im Zuge einer dreistündigen Sitzung vielleicht 2 Minuten etwas beitragen zu können und sich die restlichen 178 Minuten fragt, ob man die Zeit nicht sinnvoller nutzen könnte; ganz zu schweigen von der umfangreichen Reisezeit.

Meist sind es Männer, die in einem nicht enden wollenden Co-Referat den anderen Anwesenden beweisen wollen, welch tolle Hechte sie sind. Da wird von den eigenen Tätigkeiten ausführlichst berichtet, da werden die eigenen Projekte als Heilsbringer verkauft und am Ende macht man(n) dann deutlich, dass dieser Erfolg eigentlich nur dem eigenen Kopf zu verdanken sei ("Das mir unterstellte Team hat tolle Arbeit geleistet", "Ich habe erst einmal die Ziele vorgegeben", "Ich habe sie einfach mal machen lassen", usw.). Dem Chauvinismus und Paternalismus sind hier keine Grenzen gesetzt.

Die Folge dieser nutzlosen Meatspace-Sitzungen kann man immer häufiger auch in der Provinz beobachten (der Trend kam meiner Erfahrung nach aus Berlin): Ein großer Teil der Anwesenden einer solchen Meatspace-Sitzung verabschieden sich während des Offline-Treffens in die digitale Welt. Man könnte dieses Abtauchen als Missachtung betrachten. Was aber wird genau missachtet? Eine unstrukturierte und schlecht vorbereitete Sitzung? Die endlose Selbstbeweihräucherung eines Alpha-Tieres mit blecherner Schwanzverlängerung auf dem Parkplatz? Ein langweiliges Thema?

Meine These ist, dass sich Offline-Sitzungen nicht mehr allzu lange werden halten lassen, da sie in einer digitalen #ZukunftderArbeit einfach zu ineffizient und nicht zweckdienlich sind. Gesten, Mimik und Redeflüsse werden in Offline-Sitzungen ganz einfach nur dazu genutzt, Politik zu betreiben und seine Interessen aus einer dominanten Stellung heraus durchzusetzen. Diese Art altbackener Politik kann man sich in Zeiten digitaler Kommunikation nicht mehr leisten.

Spannender Weise begegnet mir die Kritik am Verlust der Face2Face-Sitzungen sehr häufig (nicht immer) in Gesprächen mit Personen, die bisher im Meatspace sehr dominant waren, sei es durch die aggressive Gestik und Mimik in ihrem Auftreten oder in Folge ihres immensen Redeflusses. Ich kann daher auch die in den Totholzmedien immer wieder befeuerte Debatte um HateSpeech nicht durchgängig nachvollziehen. Ein destruktives Posting im digitalen Bereich hat zumeist weniger negative Auswirkungen auf den Adressaten als ein "Zusammenfalten" in einer Offline-Sitzung. Das Aggressionspotenzial einer Offline-Sitzung ist für mich deutlich größer. Zusammenfalten wird in der digitalen Sphäre sehr viel stärker und schneller als solches identifiziert und durch die anderen Teilnehmer einer Debatte verurteilt.

Dass Offline-Sitzungen in den meisten Fällen absolut ineffizient sind, hat sich am Ende auch bei einer der beiden oben genannten Treffen als Erkenntnis durchgesetzt. Die Organisatoren sind für sich und die weitere Planung einen konsequenten und mutigen Schritt gegangen; sämtliche Kommunikation sowie der Austausch über Inhalte werden in den nächsten Monaten nahezu ausschließlich über Slack, Trello und Google-Drive stattfinden. Dann kann man selbst entscheiden, wann man die 2 Minuten Aufwand einsetzen möchte, für die man ansonsten 5 Stunden Arbeitszeit hätte aufwenden müssen. Ich finde diesen Schritt bemerkenswert und werde das Experiment dem entsprechend sehr unterstützen.

Im Digitalen interessiert es eben nicht, ob du eine Schwanzverlängerung vor der Tür stehen hast, ob du "Verantwortlicher" für XY bist, ob deine Krawatte richtig sitzt und zum Marken-Anzug passt. Im Digitalen zählt sehr viel mehr, was du inhaltlich zur Sache beizutragen hast. Dass das den Stakeholdern tradierter Sitzungsmechanismen nicht passt ist klar, interessiert aber immer weniger Menschen.

Und das ist auch gut so.