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Sonntag, 17. Januar 2016

Studie der Foresight Alliance stellt fest: Das bedingungslose Grundeinkommen kann eine Antwort auf die Zukunft der Arbeit sein

Nach wie vor gibt es widerstreitende Thesen über die Auswirkungen der Digitalisierung von Arbeitsabläufen, der Bildung und der Industrie auf die Zahl und Zusammensetzung der zukünftigen Arbeitsplätze. Mal sind es gering-, mal mittel- und mal hochqualifizierte Arbeitskräfte, die in Zukunft  um ihren Arbeitsplatzes fürchten müssen, den eventuell ein Roboter oder ein Algorithmus sehr viel besser ausführen könnte.

Hier geht es zur Studie


Aktuell ist eine neue Studie der in Washington DC beheimateten Foresight Alliance mit Unterstützung der Rockefeller Foundation (Danke an Claudia Juech für den Hinweis!) veröffentlicht worden, die speziell die bisher schon benachteiligten Gruppen des Arbeitsmarktes als Verlierer der Digitalisierung der Arbeit identifiziert.

Die Studie kommt im Kern zu folgenden Ergebnissen:
  • es wird einen Fachkräftemangel im hochqualifizierten und einen deutlichen Arbeitskräfteüberschuss im geringqualifizierten Arbeitsmarktsegment geben,
  • die Veränderungen des Arbeitsmarktes werden die schon heute benachteiligten Gruppen treffen,
  • große Teile des Segments der Mittelqualifierten werden unter Druck geraten,
  • sowohl für die Arbeitnehmer, deren Qualifikationen weniger nachgefragt werden, als auch die zunehmend in unverbindlichen Arbeitsbeziehungen Arbeitenden gilt die "Friss-oder-stirb"-Maxime,
  • die Flexibilisierung der Arbeitsbeziehungen wird v.a. den Arbeitgebern nutzen, da diese ihre Kosten senken können,
  • die digitale Diskriminierung durch Arbeitsplatzanalytiken wird zunehmen,
  • die Veränderungen werden begleitet von einer neuen Machtbalance zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, neuen Anforderungen an berufliche Weiterbildung, sinkenden Standards des Arbeitsschutzes und der Suche nach neuen Entlohnungssystemen,
  • Weiterbildung wird zur Privatangelegenheit und
  • Arbeitnehmer/Freelancer müssen neue Wege der kollektiven Wahrnehmung ihrer Interessen gehen.
Es gibt allerdings auch im geringqualifizierten Arbeitsmarktsegment und für Arbeitnehmer aller Qualifikationslevel in den sich entwickelnden Ländern neue Perspektiven, die erst durch die Digitalisierung der Arbeit realisiert werden können:
  • Da formale Qualifikationen an Bedeutung verlieren, können Arbeitnehmer besser an Tätigkeiten jenseits ihrer ursprünglichen formalen Ausbildung gelangen 
  • Gleiches gilt für Arbeitnehmer in den sich entwickelnden Ländern im Zuge der Globalisierung der Arbeitsmärkte
  • Softwarebasierte Auswahlmechanismen und Web-Crawling von beruflichen Tätigkeiten verringern die Diskriminierung von Arbeitnehmern in Folge Hautfarbe, Herkunft, Religionszugehörigkeit usw.
Ob die positiven oder negativen Folgen überwiegen, hängt davon ab, welche der beiden denkbaren Szenarien Realität wird; entweder wird die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine die Produktivität steigern, die Kreativität fördern und viele neuen Jobs entstehen lassen ode aber wir erleben den radikalen digitalen Taylorismus.

Als offene Fragen für die Zukunft identifizieren die Autoren die folgenden:
  • Bis auf welches Qualifikationslevel wird die Automatisierung vordringen?
  • Wie werden Menschen auf die Konkurrenz in Form der Maschine reagieren?
  • Wie werden Arbeitnehmer und Freelancer die qualifikatorischen Anforderungen der nächsten Jahre rechtzeitig erkennen?
  • Werden Arbeitnehmer überhaupt eine Chance haben, sich auf neue Anforderungen einzustellen der wird es eher zu einem Wettbewerb zwischen den Generationen kommen?
Für die sich entwickelnden Länder stellen sich diese Frage allerdings etwas anders:
  • Gibt es angesichts der Technisierung der Landwirtschaft zukünftig noch ausreichend Arbeitsplätze in den ländlichen Regionen?
  • Wie kann der qualifikatorische Übergang der ländlichen geringqualifizierten Bevölkerung in die höher qualifizierten Tätigkeiten der wachsenden Städte gestaltet werden?
  • Mit welcher Intensität wird der globalisierte Konkurrenzdruck im Segment der geringqualifizierten Arbeitnehmer in der Massenproduktion erfolgen?
Als Lösung für die Transformationen sowohl in den entwickelten als auch den sich entwickelnden Ländern schlagen die Autoren eine "inklusive Wirtschaftsweise" vor, in der Einkommen und Status entkoppelt werden, ein Basiseinkommen für Alle eingeführt wird (aka BGE) und die staatliche Finanzierungsbasis nicht mehr durch Einkommenssteuern sondern durch Konsum- und Produktionssteuern gestellt wird.

Für die Zeit des Übergangs identifizieren die Autoren einige gesellschaftliche Umbrüche, die die bestehenden Alt-Institutionen (Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände etc.) vor (nicht zu bewältigende) Herausforderungen stellen wird:
  • Die Institution Schule und öffentlich finanzierte Fortbildung verlieren an Bedeutung, da sie nicht schnell genug auf die Taylorisierung der informellen Fortbildung an den konkreten Bedürfnissen entlang reagieren können.
  • Zeit- und kontextbezogene Netzwerke der Interessenwahrnehmung der Arbeitenden ersetzen die hierarchischen alten Verbände.
  • Große Institutionen als Interessenaggregatoren verlieren allgemein an Bedeutung.
Das Spannenden an dem vorliegenden Report ist damit die Einordnung der digital bedingten Entwicklung neuer Arbeitsformen und neuer Arbeitsverhältnisse in einen gesellschaftlichen Gesamtkontext. Wieder wird das Bild, das wir alle von der Zukunft der Arbeit zeichnen wollen, ein Stück sichtbarer.