.

.

Montag, 11. Januar 2016

Gerechtfertigte Kritik an Digitalisierung und Quantified Self oder eher Ausdruck einer journalistischen Krise?

Der Meatspace hat inzwischen gleich an mehreren "Fronten" gegen die disruptiv wirkende Digitalisierung vorzugehen. So wurde in den letzten Wochen und Monaten verstärkt die Vermessung der Gesundheit kritisch beleuchtet - mit den uns schon bekannten Plattitüden von den Daten, die wir auf gar keinen Fall und an keiner Stelle für die gesundheitliche Vorsorge einzusetzen scheinen zu sollen. Zuletzt wurde Anke Engelke Sendezeit eingeräumt, um die angebliche Fragwürdigkeit der medizinisch nutzbaren Wearables "untersuchen" zu lassen.

Das Jahr 2015 war zuvor geprägt durch den angeblich (allein) durch die Digitalisierung verstärkten Druck auf die Arbeitnehmer (nicht, dass die Arbeitgeber dieser Republik eine "kleine" Mitschuld an diesem Druck hätten...). Arbeitgeber und Arbeitnehmer, beide nicht in der Breite bekannt für digitales Vorausdenken, haben sich in Stellung gebracht (mehr vs. weniger Regulierung), um mit altbekannten Vokabeln und Verständnissen für analoge Abläufe politische Statements zu platzieren, die am Ende aber wenig für das Zusammendenken von überholter Arbeitskultur und Digitalisierung der Arbeitsumgebungen gebracht haben. Wie es denn aussehen könnte, wenn man versucht, Digitales und die Zukunft der Arbeit zusammen denken, haben wir ja in der Proklamation zur Zukunft der Arbeit ausführlich beschrieben.

Nun hat also die Wirtschaftswoche Ende des Jahres 2015 (mir ist der Beitrag erst jetzt aufgefallen, da ich normaler Weise nur relevanten Texte im Netz lese) zum Schlag gegen die "Priester des Fortschritts" ausgeholt und im Teaser zu diesem Titel geschrieben: "Der Aberglaube an eine moralisch neutrale Technologie zerstört das Projekt der Aufklärung, indem er vorgibt, es zu verwirklichen". Der Untergang des Abendlandes und damit die Vernichtung der abendländischen Aufklärung steht also mal wieder unmittelbar hervor. Deutscher Kulturpessimismus at its best. Darunter machen wir es nicht mehr.

Ich habe mir die 4 Seiten, die wirken, als wenn ein Philosophie-Studienanfänger (ich habe selbst in den Bereich studiert und kann mir das Urteil erlauben; tatsächlich hat der Autor des Wirtschaftswoche-Artikels Philosophie, Geschichte und Germanistik studiert) mit der Nennung möglichst vieler längst verstorbener Philosophen seiner ersten Professorin imponieren wollte, mal angetan. Es ist ganz nebenbei auch skurril, ein digitales Kernthema (Technik und Mensch) auf Papier gedruckt diskutieren zu wollen. Wenn man sich aber das Profil des Autor anschaut, bekommt man auf der Webseite als letzten Artikel einen Beitrag aus dem Jahre 2011 angezeigt. In sämtlichen dort verlinkten Reportagen, die bis in das Jahr 2007 zurückreichen, ist nicht ein einziger (sic!) Beitrag zu finden, der sich mit der Digitalisierung beschäftigt. Auf Twitter versucht der Autor zur Zeit, sein Profil zu entwickeln; er ist "Chefreporter" so ist diesem Profil zu entnehmen. Aha.

Foto: Ole Wintermann
Im gesamten Text sind ca. 15 Philosophen, aber nur 2 Quellen genannt. Eine Quelle (Cisco) sagt aus, dass die digitale Revolution zuerst die Technologiebranche betreffen (linke Marginalspalte, S. 26). Nein, wirklich? Die zweite Quelle heißt allen ernstes "Unternehmen" (!) und beschreibt vollkommen zusammenhangslos die Umsätze von Apple, Google und Facebook. Dass Daten-Journalismus für viele Journalisten eine echte Herausforderung darstellt, ist ja schon länger bekannt. Oder, wie es mal ein exzellenter Datenvisualisierter bei der Social Media Week in HH ausgedrückt hat: "Es sitzen zu viele GermanistInnen in den Redaktionen."

Zu keinem wörtlichen Zitat der kritisierten oder gehypten Philosophen gibt es eine Quellenangabe. Es werden keinerlei Links genannt. So sieht es aus, wenn heutzutage an den eigenen Netzwerken vorbei diskutiert wird. Gehört es nicht zum 1x1 schon des wissenschaftlichen Arbeitens im Studium, dass man sich auf konkrete bestehende Diskussionen bezieht. Wo ist hier ein Bezug zu finden?

Stattdessen ist ein Sammelsurium an Begifflichkeiten zu finden, die man eher in anderen Schriften erwartet hätte und zuletzt bei einem anderen digitalen "Experten" vorgefunden hatte ("Digitale Maoisten"):

  • "Hohepriester des technophilen Fortschrittsglaubens"
  • "der Narziss des 21. Jahrhunderts"
  • "Himmelreich"
  • "Schöpfergötter"
  • "die Valley-Apostel erfüllt die Kraft des digitalisierten Geistes"
  • "religiöser Glutkern"
Ich frage, warum der Autor sich an Marx, Hegel, Schulter und Nietzsche orientiert, wenn er das Digitale verstehen will. Oder will er es gar nicht verstehen, sondern ist dies mehr als Abwehrhaltung gegenüber dem Neuen zu sehen?

Gibt es auch inhaltlich interessante Aussagen? Ja, ich habe drei kurze Erwähnungen finden können. Man kann dem Autor bezüglich dieser vielleicht insgesamt 5 inhaltlichen Sätze nur entgegen halten:
  • die Filter-Bubble ist mitnichten eine Erfindung des Digitalen,
  • die Lektüre der Aktivitäten der Open Government Bewegung zur Verhinderung von Machtkonzentration kann hilfreich sein, um zu verstehen, wie Digitalisierung Machtmissbrauch verhindern kann
  • und die Ignoranz gegenüber den lebensrettenden Möglichkeiten einer datenbasierten Medizin kann sich nur ein Gesunder erlauben.
Zum letzten Punkt habe ich erst vor kurzem auf dem medizinischen Blog von Jochen Deppe lesen können:

"Ethische Bedenken oder den Gefahrennarrativ als Vorwand und Ausrede zu benutzen, um sich den Möglichkeiten zu verweigern, die Healthapps bieten, entspricht nicht den Prinzipien verantwortungsvoller Ausübung des Arztberufs."

Auch Anke Engelke könnte mit Blick auf den obigen Beitrag entgegen halten: Chronisch Kranken die Möglichkeit zu nehmen, sich selbst digital zu überwachen, wäre unethisch. Die Möglichkeit zum eigenen Screening wird aber durch pauschalierte und pauschalierende Datenschutzdebatten genommen oder zumindest in Frage gestellt. Diese Möglichkeit wird mit den genannten Beiträgen sicher nicht in direkter Weise genommen. Es wird jedoch einer Stimmung Vorschub geleistet, die es immer schwerer macht, eine differenzierte Datendebatte zu führen. Und das könnte man ganz sicher verhindern, wenn man sich vorab etwas stärker in das Thema einarbeiten würde. #CheckmaldeinePrivilegien

Die Mehrheit der Bevölkerung in diesem Lande kann sich dem gegenüber inzwischen sogar sehr gut vorstellen, Implantate zur Steigerung der geistigen Fähigkeiten zu nutzen, so der Zukunftsmonitor des BMBF; es scheint so, als wenn die Bevölkerung bei der Digitalisierung den ehemaligen medialen Eliten inzwischen enteilt.

Da scheint es mehr als anachronistisch, wenn endlich auch die ehemalige Elite der VWLer zu dem Schluss kommt, dass die ökonomischen Modelle der Digitalisierung angepasst werden sollten. Wahrscheinlich erkennen sie demnächst auch, dass "Sharing" bisher ökonomisch nicht bewertet werden kann. Der eine "Experte" aus dem Meatspace benötigt dafür halt eine Weltreise (oder zumindest eine Reise ins Silicon Valley), der Nutzer von Netflix, Amazon und Smartphones dürfte diesen sogenannten Experten auch hierbei am Ende weit voraus sein.

Und lieber digitaler "Experte" der WiWo: Quellen angeben war schon in analogen Zeiten en vogue. Ich habe in diesem Beitrag 14 externe Quellen verlinkt, die man selbst nachlesen kann.