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Montag, 14. Dezember 2015

Was eine Isomatte mit der Digitalisierung zu tun hat

Einkaufs"erlebnis" Isomatte

Trotz aller digitalen Aktivität und Präsenz wird man manchmal dann doch auf die Offline-Realitäten schmerzlich aufmerksam gemacht, fasst sich an den Kopf, kann die Logik nicht verstehen, sieht am Ende aber das immense Potenzial dafür, dass wir unser tägliches Leben noch sehr viel digitaler gestalten als wir dies zur Zeit machen.

Am Samstag bestand meine mir selbst auferlegte Aufgabe darin, recht zeitnah eine Isomatte in den Geschäften der deutschen Durchschnittsstadt, in der ich wohne, zu erwerben. Für Amazon o.ä, war es leider zu spät geworden, hätte ich doch die Isomatte schon sehr früher kaufen sollen (müssen).

So machte ich mich mit dem Auto auf den Weg, um entsprechende Geschäfte aufzusuchen. Dabei tauchte das erste Hindernis auf; in welchen Geschäften - außer einem teuren Sportfachgeschäft - kann man Isomatten eigentlich erwerben? Und: Wie findet man das überhaupt heraus? Wie kann man sich über das Sortiment von Offline-Geschäften informieren, ohne diese vorab alle abfahren zu müssen? Wahrscheinlich hätte ich im Netz auf den Gelben Seiten die Telefonnummer herausfinden, anrufen, mich etliche Male weiterleiten und beraten lassen müssen. Da ich dies versäumt hatte (wieder meine Schuld), fuhr ich nun also frohen Mutes einen dieser Mega-Supermärkte an, in denen es einfach alles zu geben scheint und die in Folge der immensen Lagerfläche die Innenstädte verschandeln. Dort gab es dann allerlei Matten; jedoch keine Isomatte. Stattdessen hätte ich hippe Yoga- und Pilates-Matten oder eine in China produzierte nach Kunstoff stinkende Luftmatratze kaufen können. Während man auf Amazon o.ä. deutliche Hinweise auf stinkenden Kunststoff in Produkten erhält, hätte mir die Verkäuferin dieses Manko wohl kaum vorab verraten.

Der Einkaufswagen als Zeichen der analogen Einkaufskultur des Industriezeitalters
Foto: Ole Wintermann
Nachdem ich also gescheitert war, entschloss ich mich, zu einem stadtbekannten Sporthaus zu fahren. Dazu musste ich mich durch den Samstagnachmittagverkehr dieser durchschnittlichen deutschen Stadt quälen, das Auto in das Parkhaus bugsieren und mich auf den Weg in das recht große Sporthaus begeben. Kaum im Sporthaus angekommen, musste ich einer Tätigkeit nachgehen, der ich schon seit einiger Zeit - bis auf die regelmäßigen Esseneinkäufe - nicht mehr nachgegangen war: Ich musste mein Produkt suchen. Kein Hinweis auf den möglichen Aufenthaltsort der Isomatte half mir auf dem Pfad der Suche. Irgendwann tat ich das, was sich die wenigsten Männer trauen; nach dem Weg/Produkt fragen! Daraufhin wurde mir beschieden, dass aufgrund der Wintersaison keine Matten mehr verfügbar seien. < Dramaturgische Pause > Kurz bevor ich gehen wollte, half mir dann der Verkäufer, das Ausstellungsstück zu ergreifen, um nicht wieder erfolglos umkehren zu müssen. Fragen nach stinkendem Kunststoff schienen mir längst Luxusfragen zu sein. Mit der Matte kehrte ich dann nach Hause zurück, nur um bei Amazon o.ä. schnell zu sehen, dass der Preis der offline erworbenen Matte 50% über dem normalen Preis im Netz lag.

Offline-Shopping ist nicht nachhaltig

Dieser Einkauf hat 2 Stunden gedauert, Nerven gekostet, ca. 2,9 kg CO2-Emissionen verursacht (20 km mal eben mit dem Fahrrad zu fahren, ist dann doch sehr ambitioniert; da ich nicht wusste, in welchen Geschäften ich erfolgreich bin, wäre auch ein Bus keine Alternative gewesen; hinzu kommt eine unbekannte Menge an CO2-Emissionen durch die Produktion und Bereitstellung der Isomatte) und mir ein suboptimales und überteuertes Produkt eingebracht.

Lieber stationärer Einzelhandel; mir gehen langsam inzwischen alle Argumente aus, die dafür sprächen, noch bei euch einkaufen zu gehen. Sorry, aber ich kann kein Einkaufserlebnis darin sehen, mich auf die Suche nach einem Produkt in einer Stadt zu machen, Verkehr zu produzieren, CO2 zu emittieren, Lebenszeit zu opfern und dafür ein viel zu teures Konsumprodukt (aka Auto) zu nutzen, das ich selbst unter Stress durch den Verkehr dirigieren muss. Wieso muss ich 1,5 t Stahl und Elektronikschrott in Bewegung setzen, um eine kleine Isomatte zu erwerben?

Spannend wird es nun aber, wenn man die digitale Infrastruktur, Nachhaltigkeit und die Zukunft der Stadt zusammen denkt. Was für den stationären (welch Wort in digitalen Zeiten!) Einzelhandel gilt, gilt in abgewandelter Form natürlich auch für andere Bereiche, die ehemals als Argument dafür dienten, eine Stadt zu gründen und dort zu wohnen. Die sogenannten Agglomerationsvorteile haben zur Stadtentwicklung der Neuzeit geführt.

Nachteile der Stadt könnten bald überwiegen

Die Wikipedia führt dazu (basierend auf den Aussagen der Regionalwirtschaftstheorie) aus:
Vorteile entstehen durch die räumliche Ballung von Sachkapital, Unternehmen, Konsumenten und Arbeitskräften.
Konkret führt diese Ballung zu
  • Niedrigen Transportkosten
  • Einem großen (lokalen) Markt
  • Einem großen Arbeitskräfteangebot und damit der erhöhten Chance, Angebot und Nachfrage nach Arbeitskräften, insbesondere nach Spezialisten, schnell auszugleichen (Matching, geringere Suchkosten).
  • Die Ballung von Wissen und Humankapital führt zu Wissens-Spillover zwischen Unternehmen.

Schaut man sich nun die durch die Digitalisierung verursachten Disruptionen auf dem Markt für Arbeitskräfte, für Produkte, die veränderten Ströme der Informationen und des Wissens sowie die End-Lokalisierung des Angebots von Arbeitskräften und von Produkten an, so kommen immer mehr die Agglomerationsnachteile zum Tragen, die die Wikipedia wie folgt umreißt:

  • Umweltbelastungen
  • hohe Bodenpreise
  • Engpässe bei öffentlichen Gütern (z.B. schlechte/überlastete Infrastruktur)
  • Korruption
  • hoher Wettbewerbsdruck
  • fehlende Reserveflächen

Angesichts der globalen Tendenz der Menschen weiterhin in Städte zu ziehen und damit Umwelt- und Gesundheitsprobleme weiter zu befördern, kann uns an dieser Stelle die Digitalisierung einen teilweisen Ausweg aus diesem Dilemma bieten.

#SmartCountry statt #SmartCity?

Das oben beschriebene Beispiel könnte auf Arzttermine, Schulbesuche, Behördengänge, den gesamten Einzelhandel (auch und gerade Lebensmitteleinkäufe) oder auch das Versenden von Post und Paketen übertragen werden. Jeder Weg, der nicht in die Stadt gefahren werden muss oder müsste, könnte Zeit sparen und die Umwelt schonen. Wieso gibt es in Schweden bereits therapeutische Behandlung via Internet während hierzulande kein Arzt auf die Idee zu kommen scheint, Online- oder Skype-Sprechstunden einzurichten und damit zeitlichen und finanziellen Aufwand der Patienten einzuschränken hilft? Wieso wird in Schulen Präsenz mit Aufmerksamkeit im Unterricht gleichgesetzt, während in der Debatte um neue Arbeitskulturen längst ein Abschied vom Präsenzfetischismus gefeiert wird? Wieso erfolgt jeden Freitag das gesellschaftlich anscheinend akzeptierte Ritual des gemeinschaftlichen Einkaufens von Lebensmitteln für die nächste Woche obgleich längst ein Lieferdienst standardisierter Produkte möglich wäre (und teils auch ist)? Wieso gibt es überhaupt noch Papierpost? (aber das ist eine gänzlich andere Frage...).

Vom realen zum virtuellen Nachbarn?

All diese Aktivitäten im Lebensmittelpunkt "Stadt" sind Folge des analogen Industriezeitalters und der Massenproduktion. Damit sind aber auch die sozialen Beziehungen innerhalb der städtischen Bevölkerung Folge des Industriezeitalters, wie dies die Wikipedia ja auch in ihrem Beitrag über die industriell bedingten Vorteile des Zusammenlebens in der Stadt beschreibt.

Nun kann aber auch von einer Änderung des Charakters dieser sozialen Beziehungen beim Übergang in das digitale Zeitalter ausgegangen werden. Denn dann ist nicht mehr die Örtlichkeit Basis der sozialen Beziehungen. Welches ist dann aber die soziale Gruppe, die v.a. mein eigenes Leben und mein Wertesystem bestimmt? Die Gruppe vor Ort oder die Gruppe im Netz, mit der ich am Ende mehr Gemeinsamkeiten teile als mit ihrem analogen Pendant? Wieso sollten Menschen in einer die Umwelt und die eigene Gesundheit belastenden Stadt wohnen, wenn im SmartCountry nahezu dieselben Dienstleistungen und Produkte verfügbar wären? Vielleicht liegt es am teilweise schlechten Image, das dieses Landleben in Deutschland hat? Aber daran - und der digitalen Infrastruktur auf dem Lande - können wir ja noch arbeiten.
Dank an Klaus Burmeister für diesen Tweet, der mich zum Post inspiriert hat.