.

.

Montag, 15. Juni 2015

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens: Lasst uns konkret werden

Digitalisierung in einer Zahnarzt-Praxis: Ein Fallbeispiel

Wenn über die Chancen und die Risiken des Datensammelns in der Medizin geschrieben und diskutiert wird, mangelt es häufig an konkreten Anwendungsbeispielen, die diese Debatte um die Chancen und Risiken etwas nachvollziehbarer werden lassen. Wenn es um die Fähigkeit von Patienten geht, diese Aspekte der Digitalisierung des Gesundheitswesens kritisch und/der wohlwollend zu begleiten, kann klarer Nachholbedarf festgestellt werden.

Wir alle stehen in der Digitalisierung des Gesundheitswesens vollkommen am Anfang, wenn es darum geht zu analysieren und zu bewerten, welche Daten in welcher Form von wem an wen und mit welchem Verwendungszweck weitergegeben werden. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, im folgenden einen eher ungewöhnliches Weg zu gehen und  mal ein solch konkretes Beispiel ausführlicher von Jochen Deppe schildern zu lassen. Jochen ist Zahnarzt in Gütersloh, hat hier an dieser Stelle schon häufiger über die Implikationen der Digitalisierung des Gesundheitswesens für die Arzt-Patienten-Beziehung geschrieben und bringt die Kompetenz mit, sich als Arzt zugleich auch Gedanken über die digitalen Aspekt seiner Arbeit zu machen.

Was uns interessiert: Ist der überwiegend positiv geschilderte Prozess der Digitalisierung des Gesundheitszustandes der Patienten abschreckend, interessant oder/und spannend? Überwiegt die Neugier, wenn man sich überlegt, welche Potenziale in dieser digitalisierten Form der Behandlung liegen oder aber der Schrecken beim Gedanken an die Möglichkeit des Verlustes der Kontrolle der personenbezogenen Daten?

Was meint ihr?


Die digitale Zahnarztpraxis - effizienter, kollaborativer und transparenter.

Digitale Technik bestimmt zunehmend den Arbeitsalltag moderner Zahnarztpraxen. In Gütersloh ist die digitale Zahnmedizin in meiner Praxis ein Erfolgsmodell. Wir setzen in unserer Praxis einen intraoralen Scanner ein, um digitale Gebissabdrücke anzufertigen. Diese digitale Technologie wird durch ein 3D-Röntgengerät ergänzt.

Oralscanner

Foto: Jochen Deppe
Das Scannen des Gebisses hat erhebliche Vorteile gegenüber einem analogen Abdruck, dessen Lebensdauer begrenzt ist. Ein digitaler Abdruck kann verlustfrei beliebig lange verwahrt werden. Kein Patient muss während des Abdrucks mehr würgen – auch das Warten auf das Abbinden und das nachfolgende Versäubern sind durch den modernen Oralscanner Vergangenheit. Das gewonnene digitale Modell des Gebisses ist farbig und gibt detailliert die Mundsituation wieder. Wenn Zahnersatz hergestellt werden soll, ermöglicht das digitale Modell bessere Materialien. Mehr noch: Das Material kann praktisch in Echtzeit mit Kollegen, Zahntechnikern, Kieferorthopäden und Chirurgen geteilt und diskutiert werden.

Digitale Abdrücke sind – wie ein Röntgenbild – personenbezogene Gesundheitsdaten. Bei vielen Intraoralscannern müssen diese Daten zur Verarbeitung via Internet auf unbekannte Server übertragen werden. In unserer Praxis verwenden wir einen Scanner, bei dem die Daten in der Praxis verarbeitet werden. Darin stecken große neue Behandlungschancen für den Patienten – und gleichzeitig bleibt das Arztgeheimnis sicher gewahrt, ein weiterer Vorteil der Digitaltechnik.

3D-Röntgengerät 

Das 3D-Röntgengerät liefert eine detailgenaue Darstellung des Gebisses. So können Befunde erhoben werden, die im zweidimensionalen Röntgen nicht darstellbar sind. Dazu gehören versteckte Wurzelkanäle, die Beziehung von Wurzeln zur Kieferhöhle und zu Nerven, die genaue Lage von Zysten, aber auch die genaue Stärke des Knochens vor Implantationen oder die Beurteilung des Zahnbetts vor aufwendigem Zahnersatz. Auch hier sind die gewonnenen Daten kollaborativ zum Wohle des Patienten nutzbar.

Einsatz von Oralscanner und 3D-Röntgengerät 

Foto: Jochen Deppe
Im Befund können wir einen Gebisszustand dreidimensional als Abbild des Gebisses und des tragenden Knochens darstellen. Somit ersparen wir dem Patienten weitere invasive Untersuchungen. Dieses virtuelle Modell ermöglicht ein noch besseres Verständnis der Befunde. Zum Beispiel kann in der Diagnostik in Zusammenarbeit mit dem Zahntechniker die gerade oft gegebene Wechselwirkung zwischen der Abnutzung der Zähne und Veränderungen der Kaufunktion besser beschrieben und nachhaltiger behandelt werden. Nehmen wir einen konkreten Fall: Im Röntgenbild sehen wir zum Beispiel Knochenabbau an den unteren Schneidezähnen ohne Entzündung.

Beim Scan können wir erkennen, dass es ein im Biss störender Backenzahn ist, der dafür sorgt, dass die Schneidezähne zu viel Druck bekommen und sich der Knochen deswegen zurückzieht. In der Therapie können Behandlungsmöglichkeiten simuliert werden. Damit sind sie für den Patienten besser verständlich, Behandlungsergebnisse sind transparenter und vorhersagbarer. Gleichzeitig sinken Risiko und Stress für den Patienten und das Behandlungsteam während der Ausführung. In der Versorgung mit Implantaten erlaubt die gemeinsame Nutzung beider Technologien weniger belastende Operationen und einfacher herzustellende Prothetik. Oft ist die gesamte Behandlungsdauer weitaus kürzer.

Transparenz-Disclaimer: Der Text ist in leicht veränderter Form zuerst hier erschienen. Jochen Deppe ist mein behandelnder Zahnarzt.