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Montag, 29. Juni 2015

Arbeiten 4.0: "Was treibt dich an?" statt beruflicher Einheitskost

Deutscher Konzern trifft internationales StartUp

Unter der Überschrift "The future of technology and jobs" hatte letzte Woche der "The Economist" in Berlin in die Kulturbrauerei eingeladen, um vor allem mit einem jüngeren Nachwuchspublikum zu diskutieren, welche beruflichen Tätigkeiten denn angesichts der Digitalisierung in Zukunft wohl nachgefragt werden könnten.

Der Economist bietet sich neuen Zielgruppen an
Es ist schon erstaunlich, dass ausgerechnet der britische Economist die Frage stellt, inwiefern die Studierenden auf die Jobs der Zukunft vorbereitet sind, wenn man sich bewusst macht, dass die Debatte um die Digitalisierung in Deutschland ganz klar zwischen arbeitsmarktspezifischen und bildungspolitischen Ebenen unterscheidet und diese Verbindung bisher so nicht hergestellt wird. Der Grund hierfür dürfte in der Tatsache begründet sein, dass die akademische Ausbildung in UK sehr viel stärker auf die spätere Vermarktung ausgerichtet ist und daher keine vom Arbeitsmarkt losgelösten bildungspolitischen Grundsatzdebatten denkbar sind.

Andrea Morgan-Schönwetter von der Deutschen Telekom, Cornelia Daheim von Future Impact, Marten Blankensteijn von Blendle, Claude Ritter von Book a Tiger und Ralf Hünecke von BMW stellten die ganze Bandbreite der beruflichen Perspektiven vom StartUp auf der einen bis zum Mainstream-Konzern auf der anderen Seite dar.

"Wir suchen auch nach kreativen Köpfen"

Während die Heads of HR/Recruitment/Personal die Bedeutung des CVs und damit die Passgenauigkeit der Ausbildung (Relativierendes Zitat: "Wir suchen auch nach kreativen Köpfen" #ihrwisstschon) betonten (Zitat: "Man kann heute auch zwischen Fachabteilungen wechseln!"), stellten die StartUp-Vertreter eher die Rolle der eigenen Persönlichkeit und des eigenen Antriebs heraus. So würden die Bewerber bei den StartUps Videos produzieren, in denen sie ihre Hobbys anschaulich darstellten oder aber konkrete kleine Werkstücke produzieren, in denen ihr Antrieb und ihre Kreativität deutlich würden.

Cornelia Daheim verwies auf die ständig sich ändernden Erwartungen und Ausformungen von Jobs als Folge der digitalen Entwicklung. Wir dürften uns nicht so sehr auf aktuelle berufliche Strukturen konzentrieren sowie den Verlust von Jobs fürchten, sondern sollten uns eher damit befassen, wie wir die Menschen - und den Nachwuchs - auf den digitalen Wandel vorbereiteten.

Eine einfache Wahl....
Nachdem der Moderator daraufhin erneut das Negative hervorhob indem er fragte, in welcher Weise diese digitalen Berufe überhaupt geeignet seien, eine stabile Lebensführung zu ermöglichen, antwortete ihm Marten Blankensteijn, dass die digitalen Tools sehr viel besser als früher sehr vielen Menschen ermöglichten, eine eigene Karriere aufzubauen oder eine eigene Dienstleistung via Internet anzubieten.

Bezeichnend fand ich des Weiteren, dass die Vertreterin der Deutschen Telekom betonte, dass sie Bewerber - bezogen auf das Netz - nur auf Xing und LinkedIn suche. "Leute im Netz zu scannen und zu stalken", sei nicht ihre Sache. Stattdessen führe man nach wie vor Assessment Center durch. Assessment Center, um innovativen Nachwuchs für einen Telekommunikationsanbieter zu finden?

Erneut erwiderte Marten Blankensteijn, dass man zunehmend Bewerber aus den klassischen Unternehmen wie beispielsweise McKinsey habe, bei denen es aber angesichts ihrer beruflichen Ausgangslage besonders wichtig sei zu wissen, ob sie für eine Tätigkeit oder den neuen Arbeitgeber wirklich brennen würden oder dies nur als Pflicht-"CSR"-Tätigkeit im CV ansehen würden.

"Was mache ich denn jetzt mit meinen Zeugnissen?"

Angesichts des versammelten Nachwuchses aus den Studiengängen Business et al. zeigte bereits die erste Nachfrage aus dem Publikum die ganze Problematik mehr als deutlich auf: "Ich habe so viel in meine internationale Ausbildung investiert. Jetzt sagen sie, dass formale Nachweise unwichtig seien. Was soll ich machen?"

Es zeigte sich im Verlaufe des gesamten Abends: Sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer teilt der kulturelle Graben: Was treibt dich an vs. Welches sind deine Noten? Dieser Graben scheint unüberbrückbar und vielleicht sollte er das auch gar nicht sein? Während man zu meiner Studienzeit - ich habe nebenher Nordistik studiert - verurteilt wurde, weil man ein "Neigungsfach" studierte, scheint sich diese pauschale Verurteilung nun dahingehend zu ändern, dass auch Absolventen von Neigungsfächern, bedingt durch die Digitalisierung der Arbeitswelt, eher eine berufliche Heimat geboten werden kann.

Eine weitere Frage bestätigte diesen kulturellen Graben: "Ich habe viele Praktika geleistet; wird mir das jetzt als Nachteil angerechnet?" Während Marten Blankensteijn daraufhin meinte, dass Pratika gut seien, wenn sie zeigten, dass man seine Neigung suche, kennen wir die Standardeinschätzung aus den Konzern-HR-Abteilungen dieses Landes.... ("Wissen Sie nicht, was mal machen wollen?")

Neue Perspektiven statt austauschbare Karriereleiter finden

Am Ende wurde ein kurzes Fazit gezogen (bzw. konnte gezogen werden), dass sicherlich nicht nur für Berufsanfänger relevant ist:
  1. Der Besuch einer Uni und das Fixieren auf Zertifikate macht nur Sinn, wenn man in traditionellen Unternehmen die klassischen Karriereleiter erklimmen möchte. Alternativ sollte man eher auf das achten, was einen selbst antreibt.
  2. Der Wandel der Berufe vollzieht sich unglaublich kurzfristig. Man kann heute nicht mehr auf das Ausüben eines bestimmten Berufes im Studium hinarbeiten sondern muss flexibel auf alle zukünftigen Änderungen reagieren können. 
  3. Das heutige Schulsystem ist nicht fähig, den Nachwuchs auf die digitalen Anforderungen vorzubereiten.
Also: Vielleicht lag die Volksbank mit ihrer Werbung nicht so ganz daneben....

Bei vielen Teilnehmern hinterließ der Abend eine große Leere