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Sonntag, 17. Mai 2015

Wissensarbeiter in Unternehmen: Eine Frage der Technik oder eine Frage der Kultur?

Der New Worker fragt im Rahmen seiner aktuellen Blogparade nach der "idealen Arbeitsumgebung für Wissensarbeiter" und zielt damit implizit (aber nicht nur) auf die Infrastruktur im Büro oder im Unternehmen ab. Ich denke aber, man muss auch über Kulturen und Haltungen reden; eine offene Arbeitskultur kann nicht allein durch eine offene Architektur erreicht werden.

+Lars Hahn hatte sich erst vor kurzem mit der Frage beschäftigt, was denn einen Wissensarbeiter ausmache und gemeint, den Wissensarbeiter der Zukunft zeichne erstens das Teilen und weniger das Horten von Wissen und zweitens die heuristische Herangehensweise an komplexe Informationssituationen aus. Bevor wir uns also mit der Frage der Infrastruktur befassen, wäre es wichtig, sich auf eine solche Sichtweise zu einigen.

Ich finde seine Einschätzung wichtig und richtig, würde aber noch einige kleinere Ergänzungen vornehmen wollen.

"Wissen" kann jede Erkenntnis über einen Sinnzusammenhang, über eine Kausalität sein. Es geht dabei sowohl um akkumuliertes als auch Erfahrungswissen. Die Digitalisierung ermöglicht uns allen diesen Wissenserwerb unabhängig von formalen Zugangsbeschränkungen zu Bildungsinstitutionen. Damit aber ist auch der Lagerarbeiter im weiteren Sinne ein Wissensarbeiter, da auch er am Ort der Arbeit Erfahrungen sammelt und sich jederzeit Wissen über Logistik aneignen kann, ohne dafür eine weitere formale Ausbildung absolvieren zu müssen. Damit geht es mir darum, den Terminus "Wissensarbeiter" aus seinem Elfenbeinturm zu holen und an die digitale Gegenwart anzupassen. Sicher bestimmt der Anteil der routinemäßigen Arbeit den Grad der tatsächlichen Wissensarbeit.

In Anlehnung an die auch von Lars Hahn zitierte Wikipedia geht es beim Wissensarbeiter im Kern um einen Projektmanager, der vorhandene Informationen aufspürt, Muster erkennt, Zusammenhänge herstellt, Schlussfolgerungen zieht und nächste Schritte immer wieder auf Basis vorhandenen Wissens überprüft.

Mit der Digitalisierung, dem ständig verfügbaren Wissen und der sinkenden Bedeutung formal zertifizierter Kompetenzen lösen sich die Grenzen zwischen dem "Wissensarbeiter" und dem klassischen "Arbeiter" immer mehr auf. Die Frage der Blogparade wäre damit eigentlich etwas zu weit gefasst, da es letztlich um jede Art von Arbeit gehen müsste. Ich gehe daher jetzt implizit davon aus, dass es sich um Arbeitende handeln soll, die einen besonders hohen Anteil von nicht-routinemäßiger Arbeit zu bewältigen haben. Haben diese "Wissensarbeiter" aber eine realistische Chance, dass ihre Arbeit in einem Unternehmen Berücksichtigung finden? Ich bin da etwas skeptisch.

  1. Während die Vorstellung vom Wissensarbeiter etwas Edles anhaftet, da er idealerweise nach dem objektiv wichtigen und richtigen Kern der Arbeit sucht, sieht die Realität anders aus. In Unternehmen und den internen Entscheidungslogiken gilt die politische Wahrheit, nicht aber die objektiv richtige Wahrheit über einen Arbeitssachverhalt. Kann ein Wissensarbeiter vielleicht gar nicht innerhalb von Unternehmen arbeiten, da das System ihn nicht akzeptiert, da er selbiges irritieren könnte und Systeme zum Selbsterhalt streben?
  2. Der Wissensarbeiter könnte diesem Problem ausweichen, wenn in dem Unternehmen eine Kultur der Offenheit gegenüber den besten Ideen (Ideen schlagen Hierarchien) herrschen würde. Kann es aber ein auf Jahrzehnte hinaus bestehendes System (und die damit einhergehende Kultur) geben, dass immer wieder offen auf neue Entwicklungen von außen reagiert, sich anpasst und den eigenen Kurs daraufhin anpasst? Hier kommt man schnell zur Frage der zunehmend nachgefragten fluide Unternehmenstypen, bei denen die Grenze zwischen außen und innen erodiert und sich damit der Charakter der Verhältnisse der Unternehmen zu ihren Arbeitnehmern grundlegend verändert. Dass die Veränderung eine gänzlich neue Problematik der virtuellen globalen Wanderarbeiter mit sich bringen kann, hat +Johannes Kleske in seinem aktuellen #rp15-Beitrag dargelegt.
  3. Zuvorderst sollte sich Unternehmen demnach darüber Gedanken machen, wie sie ihre eigene und die Rolle des Wissensarbeiters im Unternehmen sehen, bevor sie sich Gedanken über die Infrastruktur machen. Sind Kultur und Grad der Fluidität tatsächlich so ausgestaltet, dass Wissensarbeiter grundsätzlich an dem Unternehmen interessiert sein könnten, so ist als nächstes sicher jede Vorgabe von Arbeitszeiten, Arbeitsorten (Büros, Ort), Hardware, Prozesslogiken oder Schnittstellen zu internen Stabsstellen problematisch. Erstens zählen Ergebnisse und nicht Arbeitszeiten, zweitens ist überall dort der Arbeitsort, wo gerade gearbeitet wird, drittens ist Hardware heute im höchsten Maße individualisiert und nicht mehr standardisiert, viertens sollte im Sinne des Arbeitsergebnisses Projektlogik über der internen Politik gehorchenden Abteilungs- und Stabsstellenlogik stehen. 

Ich glaube nicht, dass es in Deutschland Unternehmen gibt, in denen diese drei idealtypischen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeit von Wissensarbeitern zur gleichen Zeit vorliegen. Dennoch sollten sie vor Beantwortung rein operativer Fragen ein Stück weit durch die Unternehmensführung durchdacht worden sein. 

In dem vom New Worker geschilderten Ausgangsbeispiel ging es um dem Umzug eines Unternehmens und die damit einhergehende Frage nach der Ausgestaltung des Arbeitsplatzes. Diese sehr operative Frage sollte demnach immer mit Gegenfragen beantwortet werden:
  • Garantiert das Unternehmen eine Kultur der Offenheit? Hierzu sollte man am besten nicht die Vorstände oder die mittlere Managementebene sondern die "geführten" Mitarbeiter anonym befragen.
  • Wären die in dem Unternehmen beschäftigen Wissensarbeiter überhaupt bereit, eine eigene Haltung oder Position in der Außenkommunikation wahrzunehmen?
  • Gibt es eine eigene IT-Abteilung, deren Interessen Berücksichtigung finden müssen oder aber wäre es eventuell einfach, den Wissensarbeitern ein jährliches Hard- und Softwarebudget dezentral zur Verfügung zu stellen?
  • Gibt es in dem Unternehmen die Möglichkeit, temporär und themenbezogen Freelancer komplett in die internen Prozesse zu integrieren, um damit für den beständigen Zufluss neuer Ideen zu sorgen?
  • Wollen überhaupt alle in dem Unternehmen beschäftigten Wissensarbeiter im Büro arbeiten?
  • Welches ist das adäquate Gehalt für solche Wissensarbeiter? Während Vorstände inzwischen durch Algorithmen ersetzt werden können (s.a. wieder den Vortrag von J. Kleske), ist dies bei den dezidierten Wissensarbeiter ja eher nicht der Fall. Sollte sich dies nicht auch im Gehalt widerspiegeln?
Wie so oft bei digitalen Themen ist es auch hier wieder so, dass letztlich die anfangs gestellte eher auf die Technik fixierte Fragestellung am Ende die Fragen nach Kulturen und Veränderung von Entscheidungsprozessen und Rollen aufwirft. Es geht eben nicht nur um die Technik sondern die sozialen Implikationen der Technik.