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Freitag, 15. Mai 2015

#rp15 Rückblick (Teil 3 v. 3): Arbeiten 4.0 und Ausblick (Klassentreffen oder Sandkasten?)

Arbeiten 4.0

Sicher war der Input von Gunter Dueck unter dem Titel "Schwarmdummheit" einer meiner persönlichen Highlights unter den Vorträgen, die sich im Kern nicht nur um Netzpolitik drehten. Den Titel fand ich allerdings bezüglich des Buches nicht glücklich gewählt, da es den Offlinern suggeriert, dass das Reden über die Crowd und die Schwarmintelligenz tatsächlich nur ein Hirngespinst der digitalen Taliban in den letzten Jahren gewesen sei; dass aber ganz im Gegensatz dazu von der Schwarmdummheit gegenwärtiger Offline-Arbeitslogiken die Rede ist, wird dadurch leider nicht auf den ersten Blick deutlich.

Dueck beschrieb in seinem Vortrag, den die Veranstalter aus mir nicht erklärlichen Gründen auf eine halbe Stunde gekürzt hatten, den Übergang von den bestehenden Arbeitsprozessen in einer Offline-Welt zur eher smarten Arbeitsweise in einer digitalen Welt. Leider war die halbe Stunde definitiv zu kurz, um die Storyline tatsächlich in ihrem ganzen Umfang zu erzählen. Im Kern: Durch überlebte Rollenmodelle in den allseits bekannten Meetings sowie in der internen Führungsstruktur von Unternehmen dominiere am Ende auf allen Ebenen die Unzufriedenheit und der Durchschnitt.

Thorsten IsingStefan Pfeiffer und Gunnar Sohn boten Andreas Kaemmer und mir aber noch die Möglichkeit, uns gemeinsam im Hangout On Air des Bloggercamp TV über diese Fragen zu unterhalten (nochmals Danke an dieser Stelle!).

Meine Learnings aus dem Gespräch:
  1. Wir müssen gegen die Vorstellung der Traditionalisten argumentieren, die meinen, dass es sich bei den Folgen der Digitalisierung allein um eine Skalierung oder lineare Fortschreibung vorhandener Prozesse handeln würde.
  2. Es herrscht im Einklang damit ein relativ großes Unverständnis über die Bedeutung der digital ermöglichten Disruption und ihre Bedeutung für angestammte Tätigkeitsfelder eines Unternehmens oder auch einer Institution.
  3. Die Gesellschaft der 2 Geschwindigkeiten findet sich zunehmend auch innerhalb von Unternehmen. Die von Zuckerman beschriebene Systemkrise infolge von steigendem Misstrauen dürfte als Nächstes die Unternehmen treffen.
  4. Arbeiten 4.0 widerspricht systematisch (da dezentral, kreativ, flach, netzwerkbasiert, multikausal) dem in der deutschen Industrie sehr stark verankerten Ingenieurs-Denken. Dieser Widerspruch dürfte für Deutschland bald zum Problem werden.
  5. So wie der Wechsel auf digitale Plattformen die Macht der Kunden (Renzensionen, Transparenz, öffentlicher Druck) gegenüber den Konzernen gestärkt hat, wird Arbeiten 4.0 die Position der Arbeitnehmer gegenüber dem Arbeitgeber verändern. Sind deutsche Unternehmen auf diesen Wandel vorbereitet?




Ausblick

Der zu SPRINGER übergetretene Christopher Lauer meinte in einem Meinungsbeitrag in der WELT vor der #rp15 , dass es doch schön sei, wenn sich auf dieser "Messe" "Staatssekretäre, Bürgermeister und Internetbeauftragte die Klinke in die Hand geben" würden.

Um es ganz klar zusagen: Ich bin ein großer Fan der #rp15 und werde nach Möglichkeit auch in 2016 wieder dabei sein. Nichtsdestotrotz muss man sich Gedanken über das Format machen können.

Die #rp15 scheint in einer Art Zwischenwelt angekommen zu sein. Auf der einen Seite ist sie tatsächlich, wie von Lauer angedeutet, in einem Teil des Mainstreams angekommen (das "Messe"-Feeling kann man mit dem Verbot der Unternehmens-Logos tatsächlich nur kaschieren), auf der anderen Seite bietet sie aber (Lauer pauschaliert in seinem Beitrag etwas unglücklich) über alle digitalen Themen hinweg) gerade noch beim Thema Netzpolitik mit Personen wie Jillian York und Cory Doctorow die internationalen VIPs an, die einen Benchmark für die Debatte über das Internet darstellen. Das Problem: Die dort vertretenen Staatssekretäre et al. sind ihrerseits in ihren Umgebungen die digitalen Sonderlinge, so dass nach wie vor keine Schnittstellen zur Mainstream-Politik besteht. Gleichzeitig aber vermag es der Modus der #rp15 nicht in der Breite in die Tiefe zu gehen (außer eben bei der Netzpolitik). Das ist schade.

Welche Frage könnte sich wohl ein externer Beobachter stellen, der in Sessions geraten ist, in der über die Jakobiner-Mütze als Stierhodensymbol, über die "Schuld" von Facebook am Aufkommen der #Pegida-Provinzialisten oder den Gegensatz der weiblichen Figur der französischen Revolution versus des männlichen Jesus gesprochen wurde. Nein, ich nenne hier keine konkreten Session-Namen, da es nicht um Bashing geht sondern um die Frage, ob das Reflektieren über die eigene vermeintliche politische Bedeutungslosigkeit nicht auch dazu führen sollte, die Programm- und Formatplanung vielleicht ein Stück weit weit fortzuentwickeln?

Vielleicht hat die #rp15 mit einer ähnlich gelagerten Herausforderung zu kämpfen, der sich jeder  Blogger und Journalist zu stellen hat: Schreibe ich für Klick-Zahlen oder für relevante Themen - wobei dann zugleich die Frage auftaucht, ob die Relevanz durch die Knickzahlen oder durch die eigene Beurteilung entsteht. Wenn dies der Fall wäre, hätte die #rp15 mit der Entscheidung zu kämpfen, ob sie ein buntes Blogger-Treffen mit all den Folgen für die Zielgruppenansprache (ungenauer), die Tiefe der Debatte (eher alles nur anreißen) oder die Besucher (Tendenz zum Mainstream) sein möchte. Oder ginge es eventuell im umgekehrten Fall darum, Schwerpunkt-Themen zu identifizieren? Auch diese Vorgehensweise hätte natürlich Folgen für die Organisation und die Veranstaltung (tendenziell weniger Besucher; Gefahr, das falsche Thema vorab zu identifizieren; weniger fachübergreifender Austausch). Sie böte aber den ungemein wichtigen Vorteil, in einem speziellen Themenfeld in den Folgemonaten eventuell politisch relevanter sein können.

Vielleicht täuscht mein subjektiver Eindruck, der mir sagt, dass die Sessions, die die ursprünglichen netzpolitischen Kernthemen der ersten RP widerspiegeln, deutlich schlechter besucht waren als die mehr operativ und auf Tagesthemen angelegten Sessions, in denen es um Community Building, Nutzung von YouTube oder Wearables ging.

Das "Klassentreffen" der Bloggergemeinde droht ein wenig, zum "Sandkasten" aus Sicht der tradierten politischen und wirtschaftlichen Akteure zu werden, bei denen man (die von Lauer beschriebenen Mainstream-VertreterInnen) den Kleinen beim Bauen von Sandburgen zuschaut, milde lächelt und dann zur wirklich wichtigen Tagesordnung übergeht.

Auf ein Neues in 2016
(Foto: Ole Wintermann)