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Sonntag, 10. Mai 2015

#rp15 Rückblick (Teil 1 v. 3): Systemkrise und Ideenklau

Leben in 2 Welten

Mein hauptsächlicher Eindruck zur aktuellen #rp15 lässt sich am besten umschreiben mit: Wir leben inzwischen in vielen verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen in 2 unterschiedlichen Welten. Auf der einen Seite gibt es die alternde Offline-Gesellschaft (über Kulturpessimismus und Panikmache durch ehemals wichtige Medien wie den SPIEGEL haben schon viele andere kluge Leute ausreichend oft geschrieben), die sich hartnäckig (wir leben in der zweitältesten Gesellschaft der Welt) der digitalen Neuerung gegenüber verweigert (aus Angst um Statusverlust, vor unbekannten Dingen oder einfach Desinteresse), auf der anderen Seite gibt es den netzaffinen Teil der Gesellschaft, der begeistert von den Neuerungen berichtet, jedoch die Offliner nicht zu überzeugen vermag. In welchem Rahmen bewegen wir uns als digitale Bewegte (zukünftig); einem Klassentreffen oder einem Sandkasten (dazu später mehr).

Der Himmel über Berlin
(Foto: Ole Wintermann)
Nach meiner inzwischen 5. RP stellt sich mir erneut die Frage: Wie soll man die Eindrücke aus 3 Tagen, etlichen Gesprächen und Treffen und ein Programm mit 450 Vorträgen sinnvoll zusammenfassen? Vielleicht ist die Frage aber auch relativ Old-School und von der Schulausbildung eines älteren Semesters geprägt? (Achtung Aufsatz!). @DerLarsHahn hat in einem aktuellen Beitrag zur Wissensarbeit gerade gemeint, dass es sinnvoller wäre, sich von der manuellen und individuellen Ansammlung von Wissen zu verabschieden (das könnten Algorithmen sowieso besser) und sich den Heuristischen zuzuwenden. Recht hat. Daher folgt hier hetzt einfach mal eine heuristisch geprägte Übersicht.

Leben in der Systemkrise

Ethan Zuckerman ging in seiner Keynote "The System is Broken - and That is the Good News" auf diesen Aspekt ein. Die westlichen Demokratien erlebten, so Zuckerman, eine historisch einmalige Systemkrise durch ein breites in der Bevölkerung messbares Misstrauen gegenüber all den Institutionen, die die Gesellschaft im letzten Jahrhundert so geprägt hätten (Verbände, Unternehmen, Gewerkschaften, Parteien). Daran sei (so meine persönliche Interpretation) nicht das Digitale, die digital Affinen, die Technik, Facebook, Google oder die gesamte Welt Schuld (also immer die Anderen) sondern die Unfähigkeit der Offliner, mit dem Digitalen und seiner Auswirkung auf angestammte Themenfelder und Branchen umzugehen.

Er bezeichnete "Wahlen" als das Sakrileg der Demokratie, die man nicht kritisieren dürfe, die aber am Ende des Tages zu keinerlei politischer Änderung führten. Wenn sie dies täten, wären sie nicht erlaubt. Stattdessen würde die jüngere Generation in politischen Aktivismus und auf die Straße drängen. Dies zeige das hohe politische Engagement, habe jedoch das Problem, dass damit nur selten wirklich gesetzliche Änderungen einhergingen.

Zunehmend digital ermöglichte Transparenz über soziale und finanzielle Ungleichheiten sowie globale Herausforderungen wie dem Klimawandel und die Erfahrung der Egomanie großer Unternehmen im Umgang mit menschlichen Lebensbedingungen (wie z.B. der Deutschen Bank) ließen die Menschen in westlichen Demokratien an den wirtschaftlichen und politischen Akteuren mehr denn je zweifeln. Die Lösung bestünde in einer erhöhten Wirksamkeit der misstrauten Systeme, dem Monitoring der Aktivitäten dieser Systeme durch die Bürger und dem Aufbau dezentraler Systeme mit Hilfe der digitalen Tools (dies ist ein Punkt, auf den auch bereits Nafeez Ahmed hingewiesen hatte).

Passend dazu zeigte Gabriella Coleman in ihrem Vortrag "How Anonymous (narrowly) Evaded the Cyberterrorrism Rhetorical Machine" die versuchte Diskreditierung der Tätigkeiten der Anonymous-Aktivisten durch westlichen Geheimdienste auf. Es wurde sehr schön dargelegt, dass erst das Bekenntnis der polnischen Parlamentsangeordneten zur Guy Fawkes-Symbolik es vermocht habe, Anonymous aus der Ecke der Terrorristen heraus zu holen, in die die westlichen Geheimdienste sie absichtlich gedrängt hätten. Geheimdienstliche Diskreditierung als Reaktion auf Misstrauen gegenüber Institutionen; von dieser Kombination hören wir in Demokratien leider nicht zum ersten Mal.

Die überwachte Bevölkerung
(Foto: Ole Wintermann)
Wie sollen wir mit Ideenklau umgehen?

"Lasst euch nicht eure tollen Ideen von Männern mit viel Geld wegnehmen". Leider hatte ich mir nicht notiert, in welcher Session dies gesagt worden ist. Es zeigt aber ein Grundproblem der digitalen Euphorie auf: Die digitalen Enthusiasten und Innovatoren laufen vor, laufen immer wieder gegen Wände, holen sich eine blutige Nase, beuten sich selbst aus - und am Ende folgen die Ängstlichen (mit und ohne viel Geld), sammeln die Erfolge der Innovatoren ein und labeln das Aufgesammelte mit ihrem Namen (Dank an Thomas Herr für sein Bild der Pioniere mit den Kugeln in ihren Rücken). Die Aussage, dass Wissen der einzige Rohstoff sei, der mehr werde, wenn man ihn teile ist zugleich richtig und falsch. Richtig ist sie, weil erst Kommunikation und Kollaboration zu einem Erkenntnisfortschritt führt. Falsch ist sie, weil im Moment des Teilens bereits wieder Kräfte aktiv werden, die dieses Wissen abgreifen, begrenzen und horten wollen, um damit ihre Macht abzusichern.

Zwei prominente Innovatoren, Doc Searls und David Weinberger, beschreiben in ihren "New Clues" genau diese Problematik, indem sie u.a. mit dem Blick auf die risikoscheuen aber im System fest etablierten Nachahmer schreiben: "The Marauders understand the Internet all too well. They view it as theirs to plunder, extracting our data and money from it, thinking that we are the fools." Das Dumme ist; innovativ und neugierig zu sein, kann man nicht werden, wenn man nicht so denkt und man kann es nicht abstellen, wenn man es ist. In einer anderen Session über die zukünftige Rolle von Freelancer setze man genau an dieser Stelle an - temporäre Nutzung von Freelancern in Unternehmen, um Innovationen, die das Unternehmen nicht aus Sicht selbst heraus generieren kann, damit quasi "einzukaufen". Ob dieses Geschäftsmodell für beide Seiten lohnend ist, wird die Zukunft zeigen.

Die Auflösung der scharfen Grenze zwischen Innen und Außen, die Notwendigkeit fluider Unternehmen, die stringente Ausrichtung an Kundenwünschen als Voraussetzung zum Überleben im Digitalen und das von Zuckerman geschilderte breite Misstrauen gegenüber jeder Art von Institution lässt jedoch Zweifel an der Überlebensfähigkeit des Konstruktes "Unternehmen" aufkommen.

Fortsetzung folgt....