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Sonntag, 5. April 2015

Kontrollwut und Selbstüberschätzung: Nicht nur ein Management- sondern auch ein politisches Problem?

Globalen Herausforderungen mit neuen Formen der digitalen Zusammenarbeit begegnen?

Das Millennium Project stellte vor kurzem erneut und mit Nachdruck fest: Globale Herausforderungen stehen uns bevor. Klimawandel, soziale Ungleichheiten, die Zerstörung der Biosphere und die Bevölkerungsentwicklung können nur gemeinsam bewältigt werden. Wer zum älteren Semester gehört, kann sich noch an die Erkenntnis der deutschen Umweltpolitik erinnern, als in den 1970er Jahren den Menschen bewusst wurde, dass die damalige Verschmutzung der Flüsse in Deutschland nur gemeinsam mit den Nachbarländern angegangen werden kann. Damals eine horizonterweiternde Erkenntnis, heute profanes Alltagswissen. An diesem Punkt stehen wir nun heute erneut - nur geht es jetzt darum, in einem globalen Kontext zu denken.

Gleichzeitig stehen uns weltweit und über Grenzen hinweg neue Formen der Zusammenarbeit zur Verfügung, die allgemein unter #Arbeiten 4.0 wie auch die Industrie 4.0 (wir vergessen an dieser Stelle mal einfach die Buzzword-Welle) zusammen gefasst werden. Neue Formen der Kollaboration, der gemeinsamen Suche nach Lösungen für wichtige Probleme, die Möglichkeit, die Digitalisierung für das Erreichen von mehr Nachhaltigkeit zu nutzen, das erkennbare Potenzial von BigData for Good, die Erfahrung gemeinsamer basaler menschlicher Werte mit Hilfe der (größtenteils) grenzenlosen sozialen Medien sind eigentlich ideale Voraussetzungen, um just in dem Moment der Globalisierung existenzieller durch den Menschen verursachter Probleme die Werkzeuge zu nutzen, die uns das Netz bietet, um all diese Herausforderungen anzugehen.

Chancen der Zusammenarbeit werden durch Stakeholder vergangener Werte bedroht

Das einzige, was uns im Wege steht, um diese Möglichkeiten auch wirklich zu nutzen, ist die Angst mancher (!) Akteure in Wirtschaft und Politik, ihren Status, ihre Macht, ihren Einfluss durch diese neue digitale Welt zu verlieren. Digitalisierung bedeutet den Verlust der Form von Macht, wie wir sie in der Vergangenheit kannten. Die Ausübung von Macht war im letzten Jahrtausend geprägt durch das Gegenteil von Zusammenarbeit und Sharing: Informationsfilter, formale Hierarchien, Erhalt tradierten Status´, Androhung von Gewalt, das Ausspielen von Menschen gegeneinander, Bildungsvorsprung, elitäre Netzwerke, das Aufstellen von einengenden Regeln oder Regulierungen.

Foto: Ole Wintermann
Psychopathische Charaktere, Narzissmus und Manien gelten als "gute" Voraussetzungen dafür, diese Macht gegenüber den Mitmenschen in Hierarchien auszunutzen. +Dr. Nico Rose verweist hier auf die "dunkle Triade" von Narzissmus, Psychopathie und Machtinstinkt, die erst zusammen kommen müsse, um damit ein Anflug von Psychopathie innerhalb einer Hierarchie tatsächlich ihre Wirkung entfalten könne. Thomas Sattelberger spricht beim Blick auf die Führungsetagen in Unternehmen von der "Schule der Intrigen". Über den Anteil der Führenden, die die Voraussetzungen mitbringen, gibt es unterschiedliche Angaben. Eine der am häufig zitierten Quellen spricht davon, dass der Anteil der Psychopathen in den Führungsetagen sechsmal höher als in der Gesamtbevölkerung liegt. (Es geht demnach mitnichten darum, dass Führung in jedem Fall einhergeht mit diesen psychischen Auffälligkeiten. Das sei an dieser Stelle nochmals und ausdrücklich betont!)

Bisher wird diese Form bzw. dieser Antrieb zur Machtausübung v.a. in der HR-Community diskutiert und hat wohl, so eine erste kurze Recherche, nicht den Weg in beispielsweise vergleichende Politikwissenschaften oder internationale Konfliktforschung gefunden. Es gibt daher nur erste grobe Schätzungen darüber, welchen betriebswirtschaftlichen und damit letztlich auch volkswirtschaftlichen Schaden diese Status- und Machtmissbräuche verursachen. Sollten wir aber nicht das Handeln mächtiger politischer und wirtschaftlicher Akteure im globalen Kontext nicht auch danach bewerten, auf welcher psychologischen Basis manche (!) dieser Akteure heraus handeln? Wenn dieses Problem in der HR-Community diskutiert wird; warum übertragen wir dieselben Fragen nicht auch auf die politische Sphäre? In Zeiten globalisierter Herausforderungen und Zusammenarbeit wäre es essenziell wichtig, dass die Menschen wüssten, mit welchen Staatenlenkern sie zu tun haben.

Wie sieht die persönliche Motivationslage mancher Staatenlenker konkret aus?

Könnte es eventuell sein, dass der Kampf der tradierten Energie-Unternehmen gegen die Energiewende, der Meinungskampf der konservativen US-Politik gegen die Darstellung des Klimawandels, das hartnäckige Verweigern der neuen digitalen Realität hierzulande, (ich höre schon die Stimmen, die darauf verweisen, man dürfe das alles nicht in einen Topf werfen...) oder der Kampf Israels gegen jede Form eines palästinensischen Staates im Kern immer die Unfähigkeit handelnder Entscheider beinhaltet, mit Wandel umzugehen, weil dieser Wandel eventuell ihre ökonomische oder politische Machtbasis gefährden könnte?

Ist es nicht interessant zu beobachten, dass, während in der HR-Community zunehmend sogar offen über die Demokratisierung von Unternehmenssteuerung nachgedacht wird (weil man erkannt hat, dass diese Crowd ja irgendwie doch etwas beitragen kann), gleichzeitig im politischen Bereich der Versuch der stärkeren und umfassenderen Kontrolle aller Bürger erfolgt?

Wie ist es zu erklären, dass sowohl der US-Präsident als auch der UK-Premierminister gegen jede Form des investigativen Journalismus, der politisches Handeln in diesen Ländern im kritischen Licht darstellen könnte, so radikal vorgehen, dass Journalisten im Beisein des Geheimdienstes die Festplatten, auf denen ihre Arbeit gespeichert ist, zerstören müssen und jede Form des Hacktivism als potenziell die nationale Sicherheit der USA gefährdend dargestellt wird? Wie ist es möglich, dass ein wichtiger Politiker aus einer westlichen Demokratie allen ernstes fordert, den gesamten Mail-Verkehr und die Telefonate der kompletten eigenen Bevölkerung überwachen zu können? Welch Maßlosigkeit hat sich inzwischen in diesen Debatten zu Lasten der Bevölkerung breit gemacht und was ist der Grund für diese Maßlosigkeit, die schon lange jeder sachlichen Kausalität entbehrt?



Kontrollwut als Managementproblem - Kontrollwut auch ein politisches Problem?

Die @Bock_Sabine hat in einem sehr schönen Übersichtsartikel mal die staatliche Verfolgung von Whistleblowern der letzten Jahre zusammengestellt und damit gezeigt, wie sich die Schlinge der staatlichen Repressalien immer enger um die Menschen zieht, die sich erhoffen, durch den Leak von internen Informationen über Missstände innerhalb einer Demokratie und des Unternehmens, in dem sie arbeiten, eben diesen einen Gefallen zu tun. Die Verfolgung von Whistleblowern wird zum Selbstzweck, ohne dass überhaupt noch auf die Zielsetzung der Leaks geachtet wird. Welches jurstische Maß wurde schon längst überschritten, dass inzwischen darüber nachgedacht wird, Filesharern in Frankreich die Nutzung von Flugzeugen zu verbieten? Andere Staatenlenker reagieren schon verschnupft, wenn Nutzer von Twitter auf interessante offensichtliche Kontexte hinweisen, die dann aber ihren eigenen Status gefährden könnten.

In der HR-Community werden betriebliche Entscheidungen, die offensichtlich Folge von Herrschsucht und Kontrollwahn sind, schon längst kritisch unter ihrem Kostenaspekt für das Unternehmen betrachtet. Das Spannende wäre nun, wenn diese Erfahrungen von HR auf die Politik übertragen und im Kontext der o.g. globalen Herausforderungen gestellt würden. Dies hat DIE ZEIT versucht, indem sie in einem umfangreichen Themenartikel den Psychiater Nasser Ghaemi mit Blick auf politische Entscheider mit den Worten zitiert: "In guten Zeiten behandeln wir sie, in schlechten regieren sie uns". An anderer Stelle zitiert DIE ZEIT den Psychologen Nils Birbaumer mit den Worten: "Ich bin sicher, dass ein erheblicher Teil der Topmanager erfolgreiche Psychopathen sind, aber ich kann es nicht beweisen". 

Was kostet uns (politische) Kontrollwut und Selbstüberschätzung?

Was es bedeutet, wenn sich zu sehr auf die eigene Unfehlbarkeit verlassen wird, zeigt ein Zitat von  Winfried Felser von der Competence Site in einem aktuellen Beitrag von +Gunnar Sohn: "Wir denken alle noch materiell und in alten Produktkategorien, sogar Mister Zetsche, wenn er sein altes Auto nicht durch Apple bedroht sieht". In der Wirtschaft ist also beispielsweise Selbstüberschätzung als Problem - gerade in Zeiten der disruptiv wirkenden Digitalisierung - durchaus schon thematisiert worden.

Was wäre, wenn man diese kritische Sicht auf manche (!) wirtschaftliche Top-Entscheider auf politische Entscheider und Entscheidungen (Selbstüberschätzung, Kontrollwahn, fehlende Regeneration) übertragen würde und nach den politischen und volkswirtschaftlichen Kosten offensichtlich falscher Entscheidungen fragen würde? So spricht +Gunnar Sohn ja im betrieblichen Kontext davon, dass "als Ergebnis (interner Kontrollsucht) ein Zahlen-Fantasie-Regime wie bei der Erfüllung der Fünfjahres-Pläne in der Sowjetunion" entstünde. Was anderes ist der Anspruch mancher (!) westlicher Politiker, sämtliche Kommunikation aller Wähler mitlesen können zu dürfen?

Und was bedeutet diese Erkenntnis für das Streben der Menschen, keinen Krieg gegeneinander zu führen sondern die globalen Menschheitsprobleme gemeinsam lösen zu wollen? Sollten wir nicht das Scheitern des nächsten Klimagipfels mal unter gänzlich anderen als den politischen Aspekten betrachten? Zivilgesellschaftliche Initiativen, die das Ziel haben, sich grenzüberschreitend von eigenwilligen politischen Entscheidern loszusagen, gab oder gibt es bereits. Diese machen Hoffnung, dass sie zukünftig vielleicht eine bedeutendere Rolle abseits eingetretener Governance-Pfade spielen könnten. Angesichts von Klimawandel und Bevölkerungswachstum wäre es jedenfalls erfreulich, wenn der Alltag von Millionen Menschen nicht nur am fernen Konferenztisch von politischen Alpha-Menschen entschieden würde.

Disclaimer: Es sei nochmals darauf hingewiesen, dass nur ein kleiner Teil der wirtschaftlichen und politischen Entscheider von diesen Charaktereigenschaften betroffen sind. Jedoch werden auch von diesem kleinen Teil wichtige Entscheidungen getroffen, die uns alle betreffen. Von daher müssen wir als Regierte auch dieses Problem ansprechen können.