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Montag, 27. April 2015

Das Ende der Fußgängerzonen

Benötigen wir Fußgängerzonen?

Brauchen wir heute noch Fußgängerzonen und Innenstädte (in mittelgroßen deutschen Städten), in denen man einkaufen kann? Wer kennt sie nicht, die Bücher, die beim Buchhändler gerade nicht verfügbar sind, die Öffnungszeiten des Kaufhauses, die sich mal wieder geändert hatten, der schlechte Kaffee des Bäckers, der zuviel Laufkundschaft hat, um sich über Qualität Gedanken machen zu müssen, die Parkplatzsuche beim Arztbesuch. Und wieder hat man sich umsonst auf den Weg "in die Stadt" gemacht. Friseure, Bäcker, Drogerien und Supermärkte befinden sich sowieso (auch) außerhalb der Innenstädte. Banken, Bibliotheken, Stadtverwaltungen und teilweise auch schon Lebensmittelgeschäfte können online genutzt werden.

Gunnar Sohn schreibt in seinem aktuellen Debattenbeitrag über die "auswechselbaren Fußgängerzonen mit dem Charme bepisster Blumenkübel" und hinterfragt kritisch das Vorgehen von Siggi Gabriel und der EU Kommission mit Blick auf die kartellrechtlichen Debatten um die mögliche Zerschlagung von Google. Der Text von Gunnar hat mich dazu gebracht, einmal mit offenen Augen durch die Fußgängerzone (oder politisch korrekt: Zu-Fuß-Gehende-Zone) der Stadt, in der ich wohne (Gütersloh), zu gehen.

Altlasten werden abgebaut - neuer Investor auf dem ehemaligen Bahnhofsgelände ist ein Abbruchunternehmen
Foto: Ole Wintermann
Denn wir kennen es alle, das Schlagwort von der "Attraktivität der Innenstädte". Wir vernehmen regelmäßig das Anpreisen der Fußgängerzonen dieser Republik - "Lebensqualität", "Abkehr von der grünen Wiese", "kurze Wege" - durch die Politik, die Stadtverwaltungen, den Einzelhandel und die Baby Boomer in den Kulturredaktionen der großen Zeitungen. Auf der anderen Seite steht aber die Lebensrealität der meisten anderen Menschen.

Stadtplanung und Digitalisierung?

Vor kurzem wurde in der (Innen-) Stadt (von) Gütersloh nach langen Jahren der politischen Debatte eine neue Einzelhandelspassage eröffnet. Sie entspricht den Vorstellungen des Einzelhandels der 1990er Jahre davon, wie Menschen einzukaufen haben. Man begebe ich in dunkle Ladengeschäfte, die versucht wurden, mit der üblichen Mischung aus Stahl und Glas luftiger erscheinen zu lassen. Aufgrund der örtlichen Begebenheit wurde ein Sporteinzelhandelsgeschäft zentral in der Passage platziert. Dort kann man kaufen: Skier, Tenniszubehör, Laufschuhe, Fußbälle. Alles dies kann ich aber auch bei Amazon (oder auch Otto) erwerben. Meine Prognose ist, dass dieses Geschäft die nächsten 10 Jahre nicht überstehen wird.

Denn: Worin besteht der Mehrwert für den Konsumenten (in Gütersloh wie auch jeder anderen mittelgroßen deutschen Stadt) bzw. sich für den täglichen Konsum in die geografische Mitte einer Stadt zu begeben, in der:

  • der Verkehr nervtötend ist,
  • der Stresspegel angesichts der vielen Menschen regelmäßig ansteigt, 
  • die Auswahl an Artikeln sehr beschränkt ist,
  • diese Auswahl zudem zumeist teurer als im Netz ist und in der

am Ende sehr viel mehr Zeit darauf verwendet wird, einen Warenkorb zusammenzustellen als dies bei einer Shopping-Tour auf dem Sofa zuhause der Fall gewesen wäre.

Grüne Wiese vor der Stadt? Mitnichten: Unmittelbare Innenstadt von Gütersloh
Foto: Ole Wintermann
Vor kurzem hat in derselben Stadt ein Apple-Fachgeschäft mitten in der Stadt die Pforten geschlossen. Offizielle Begründung des Inhabers: Aufgrund der naheliegenden Baustelle habe sich der Umfang der Laufkundschaft verringert. Nun wäre es für einen PC-Händler eigentlich naheliegend gewesen, sich nicht auf die Laufkundschaft zu verlassen sondern auch im Netz zu expandieren. Stattdessen aber wurde in der örtlichen Papierzeitung darüber räsoniert, was getan werden könne, um die "Innenstadt attraktiver zu machen".

Amazon als neuer "örtlicher" Einzelhändler?

Das Örtlichkeitsprinzip einer Fußgängerzone ist eine Erfindung der 1950er Jahre und hat mit dem Konsumverhalten der heutigen Menschen nicht mehr allzuviel gemein. Der Ort des Kaufaktes wird immer unwichtiger. Stadtverwaltungen und örtliche Einzelhändler täten gut daran, im Zuge der Stadt- und Flächennutzungsplanungen in neuen Szenarien zu denken. Regionale Wirtschaftsförderung könnte verstärkt den Einzelhändlern zugute kommen, die mit Hilfe des Online-Handels die eigenen Absatzmärkte über die Grenzen der eigenen Kommune hinaus erweitern wollen. Regionalisierung bezöge sich dann weniger auf den Absatzmarkt als vielmehr auf den Ort der Produktion.

Hier kommen nun wieder Google, Amazon und andere ins Spiel. Zum einen erzeugen diese Unternehmen den Druck auf örtliche Einzelhändler, sich neuen Kaufgewohnheiten der Konsumenten anzupassen und zugleich bieten sie aber auch die Tools an, mit denen diese neuen Gewohnheiten bedient werden können. Das Fordern der Zerschlagung dieser Daten-Unternehmen würde demnach implizit auch das Festhalten der Traditionalisten an alten Gewohnheiten in Städten wie Gütersloh befördern.

Daran können wir Bürger und Konsumenten kein Interesse haben. Und nein, liebe Einzelhändler, nicht Google und Amazon sind Schuld an eurer häufig problematischen Situation, sondern eure in weiten Teilen immer wieder zu beobachtenden Innovationsdefizite.