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Sonntag, 22. März 2015

Health Apps - Eine gesunde Entwicklung?

Gastbeitrag von Jochen Deppe

Der Artikel meines Kollegen Eric J. Topol in der Huffington Post zur Bedeutung von Smartphones und Health-Apps für die medizinische Versorgung zeigt, welche großartigen Möglichkeiten in der diskreten individuellen Sammlung biometrischer Daten stecken. Die Lebensqualität vieler chronisch Kranker ließe sich erheblich verbessern und gleichzeitig entstünde ein hochsensibles System zur Früherkennung von Krankheiten.

Gleichzeitig lässt er für mich, der sich bereits seit einiger Zeit aus ärztlicher Sicht mit der Digitalisierung der Medizin beschäftigt, ein paar Fragen offen, über die nachgedacht werden muss. Denn um unsere Gesundheit Apps anzuvertrauen, braucht es vor allem eines - Vertrauen.


Foto: Jochen Deppe


1) Sind die Apps/die mit Ihnen gewonnenen Daten evidenzbasiert valide?

Medizinische Maßnahmen müssen ob ihrer Wirkung validiert, evidenzbasiert, also durch überprüfte Studien abgesichert sein. Das gilt auch für Health-Apps. Wie präzise sind die in den Smartphones verbauten Sensoren? Sind die von ihnen gelieferten Daten zuverlässig und die Algorithmen, die damit gefüttert werden, aussagekräftig genug und in medizinischen Studien auf ihre Zuverlässigkeit hin abgesichert? Wie kann das Risiko falsch positiver Ergebnisse minimiert werden? Wie können wir sicher sein, dass wir den Empfehlungen der Apps vertrauen können?


2) Sind die Mediziner kompetent im Umgang mit den Daten/Apps?

Sind die Leistungserbringer, die die Verantwortung für die Befundung, Diagnose und Therapie haben müssen, sicher im Umgang mit den von den Apps generierten Daten? Nicht ganz unwichtig dürfte auch die Frage der Dokumentation und Haftung sein: Sind diese Daten medizinische Aufzeichnungen? Wer hat sie zu verwahren, sind sie vor nachträglicher Manipulation geschützt? Beispielsweise könnten die ähnlichen Bestimmungen der Röntgenverordnung oder die Musterberufsordnung der deutschen Ärztinnen und Ärzte (§10) Anwendung finden.


3) Bleibt das Arztgeheimnis gewahrt?

Die Daten, da hat Topol Recht, gehören dem Anwender, nicht dem Anbieter der App oder dem auswertenden Arzt. Es muss sichergestellt sein, dass er volle Kontrolle darüber hat, mit wem er diese teilt. Personenbezogene Gesundheitsdaten sind besonders wertvoll und deshalb besonders diebstahlgefährdet. Vertrauen braucht Diskretion und Sicherheit.


4) Wer zahlt dafür?

Bei einem wie in Deutschland solidarisch finanzierten Gesundheitswesen stellt sich immer auch die Frage nach der Finanzierung und der Honorierung der erbrachten Leistungen. Alle Seiten werden finanzielle Anreize brauchen.


5) Bedeutet das - wie Topol meint - die Demokratisierung der Medizin?

Wenn sicher wäre, dass die Daten unter voller Kontrolle des Anwenders blieben, dann wäre dies möglicherweise ein Beitrag zur Individualisierung der Gesundheitsverantwortung. Wenn gleichzeitig aber diese Daten dazu dienen sollten, mehr Daten zu generieren und damit Algorithmen zu füttern und im Sinne einer Kohortenstudiezu optimieren, an der teilzunehmen der Anwender unfreiwillig gezwungen wäre, dann wäre dies eine Algorithmisierung, unter Umständen losgelöst von Ethik und Individualität, also Technokratie, nicht aber Demokratisierung. Eine unbedingt lesenswerte Betrachtung über Algorithmen und die mit ihnen verbundenen Missverständnisse hat Michael Seemann hier geschrieben. Auch hier dürfte das übermächtige Interesse Dritter, nun der Industrie, dazu führen, dass es zu einer Kommerzialisierung der gewonnenen Daten kommt.

Wir brauchen eine breitere, leidenschaftlich geführte Diskussion über die Implikationen dieser Health-Apps und nicht nur blinde Begeisterung über die Features des neuesten Gadgets.