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Donnerstag, 12. März 2015

Das Digitale als Abkehr von nicht-nachhaltigen marktwirtschaftlichen Werten? (Teil 3/3)

Letzter Teil der Posts zur Frage, was Digitalisierung und Nachhaltigkeit miteinander zu tun haben könnten. Die Teile 1 und 2 finden sich hier und hier.


Rauchende Schlote und Eisenbahn - Industrieromantik des letzten Jahrtausends
Foto: Ole Wintermann

Offene Frage: Verändern die Werte der Online-Welt die Werte im Meatspace?

An dieser Stelle könnte nun wieder auf Alexander Bard hingewiesen werden, der im Grunde genommen für die Werterevolution, von der Ahmed spricht, den technischen Backbone anbietet, indem er davon spricht, dass die Technik es zum ersten Mal ermögliche, dass Menschen ein globales Wir erlebten. Auch er verweist dabei auf die Gegensätzlichkeit von Werten in der Offline- und der Online-Welt. Es sei der Gegensatz von individualistisch geprägter Offline-Welt und Offline-Perspektive auf der einen und die netzwerkbasierte Sichtweise der Online-Welt, die sich an dieser Stelle systemisch und kategorisch widersprechen und Friktionen verursachen. Es ist an dieser Stelle bemerkenswert, wie ähnlich Bard und Ahmed hier argumentieren.

Diese Wirkung auf tradierte Werte stellt gerade die gesellschaftliche Dimension der Digitalisierung dar, die aber nach wie vor von den traditionellen Akteuren in Wirtschaft und Politik zumeist nicht erkannt wird.

Offene Frage: Könnte AI die menschliche Lebensweise als nicht-nachhaltig klassifizieren?

Es deuten sich offene Fragen um Netzneutralität, Überwachung, Algorithmen (so auch der aktuelle Beitrag von +Michael Seemann zum Thema Algorithmen) und #AI an, die eigentlich im öffentlichen und veröffentlichten Diskurs - auch und besonders außerhalb der Netz-Community - thematisiert werden müssten. Der Zugang zu Netzen, die ungefilterte Kommunikation von Menschen weltweit, die freie Meinungsäußerung, die Übernahme menschlicher Verantwortung und beruflicher Kompetenz durch Algorithmen (Mediziner, Juristen, Vorstände) und die Frage, wie eine künstliche Intelligence das selbstzerstörerische Verhalten der Menschen in Zukunft einordnen wird, sind Fragen von höchster ethischer und menschlicher Relevanz.

So meint Jeremy Rifkin in einem Interview zu seinem neuen Buch: "Even lawyers, accountants or radiologists are afraid of the prospect of losing their job to a machine or algorithm."

Victoria Turk und Stephen Hawking sehen diese Frage dann nicht mehr nur im Kontext des Arbeitsmarktes sondern gehen einen Schritt weiter. Sie führen in entsprechenden Onlinemedien die Debatte, inwiefern künstliche Intelligenz in Zukunft dem Menschen insgesamt gefährlich werden könne, wenn diese ersteinmal der „irrationalen“ menschlichen Lebensweise gewahr würde. So verweisen die Kritiker der Entwicklung von AI vor dem Hintergrund der Nicht-Nachhaltigkeit der menschlichen Produktions- und Lebensweise darauf das:

"Success in creating AI would be the biggest event in human history. Unfortunately, it might also be the last."

Was hindere, so die Autoren, Maschinen daran, immer intelligentere AI zu entwickeln, die irgendwann auch die menschlichen Initiatoren nicht mehr verstünden? Kurzfristig würde sich die Frage stellen, wer diese AI beherrsche; langfristig müssen man fragen, wer diese AI überhaupt kontrollieren könne.

Offene Frage: Führt sprachliche Hegemonie im Netz zu kultureller Hegemonie im Meatspace?

Einen anderen Weg zur Vorhersage der Entwicklung der von Ahmed Neefaz beschriebenen ethischen Revolution gehen Cesar Hidalgo et al. vom MIT. Sie haben die Bedeutung von Sprache und Fremdsprachvermögen in der globalsierten Online-Gemeinschaft für die Existenz hegemonialer Diskurse untersucht. Aktuelle Relevanz erhält diese Frage durch die Machenschaften britischer und russischer Geheimdienste, durch entsprechende fremdsprachliche Online-Aktivitäten entweder Menschen mit anderen Meinungen zu diskreditieren oder aber die Stimmung in der „gegnerischen“ Bevölkerung in die für die eigene Politik günstigere Richtung zu lenken. Die MIT-Experten stellen fest, was eigentlich auch zu vermuten gewesen wäre. Fremdsprachenkompetenz oder aber die Dominanz der eigenen Muttersprache im Netz bedeutet kulturelle Dominanz. Als mehrsprachiger Multiplikator kann man als Gatekeeper oder aber Brückenbauer zwischen unterschiedlichen nationalen und/oder kulturellen Diskursen fungieren. Auf der Makro-Ebene bedeutet die Dominanz der eigenen Muttersprache wiederum die Dominanz der eigenen Kultur auf den jeweiligen Plattformen.

Damit ergibt sich beispielsweise, dass Wikipedia relativ stark durch Deutsch geprägt ist, wohingegen Twitter eher englischsprachig dominiert ist; nur 17 von gescannten 280 Millionen Twitter-Nutzern nutzen mehr als eine Sprache zum Twittern. Da die englischsprachige Bevölkerung für ihre außerordentlich geringe mehrsprachige Kompetenz bekannt ist (70% der Bevölkerung von UK sprechen keine einzige Fremdsprache; damit belegt UK neben Ungarn europaweit den letzten Platz), ergibt sich demnach eine englischsprachige und damit kulturelle Hegemonie auf diesen Plattformen.

Leider gehen die Forscher des MIT nicht den folgerichtigen nächsten Schritt und fragen demnach nicht, was diese kulturell basierte Diskurshegemonie für das Finden globaler Lösungen für globale Konflikte und zukünftige Herausforderungen bedeutet. Damit wird aber der kulturell verzerrte globale politische Diskurs zu wichtigen Fragen wie Migration, Klimawandel, Internet oder Globalisierung nicht hinterfragt. Lösungsansätze aus dem nicht-englischsprachigen Regionen, die bei weitem die Mehrheit bilden, haben damit keine Chance, gehört zu werden.

Offene Frage: Wird die Bedeutung offener Daten rechtzeitig erkannt werden?

Der Zugang zu Informationen sowie die freie Verwendung von verfügbaren offenen Daten ist ein weiterer perspektivischer Entwicklungspfad, dessen Richtung bisher nicht geklärt ist. Nicht umsonst hat aktuell die für die Förderung des Zugangs zu offenen Daten bekannte Sunlight Foundation dazu aufgerufen, Beispiele dafür zu sammeln, wie die Verwendung offener Daten gesellschaftliche, politische oder kommunale Probleme lösen könnte. Dabei fällt auf, dass die Foundation das Ziel der Offenheit allein schon dadurch glaubwürdig unterstreicht, dass sie für die Sammlung ein offenes Google Doc in die eigene Seite implementiert hat. Die Sammlung hat das Ziel: „We're seeking evidence on how open data and technology help to influence governance and improve lives, both directly and indirectly“. Damit aber wird genau die Kombination von Werten wie Offenheit, Verbesserung des persönlichen Umfelds und verstärkte Partizipation beworben, von der Nafeez in seinem Beitrag gesprochen hatte.

Bemerkenswert ist weiterhin, dass sie sich der Notwendigkeit zur neuen Sichtweise auf komplexe Kausalitäten bewusst sind und eine Abkehr von der linearen Ursache-Wirkungs-Welt einfordern (auch hier hatte Nafeez davon gesprochen, dass sich das Newtonsche Weltbild überlebt habe):

"Their impact cannot be described through linear “cause and effect” relationships. Open data and digital transparency initiatives mostly achieve changes through contributing to a complex ecosystem of stakeholders, such as journalists, think tanks, civil society organizations, app developers, government officials and voters."

In welcher Weise ganz konkret offene Daten helfen können, globalen Herausforderungen zu begegnen, beschriebt @digiphile ins seinem Post. Er beschreibt die Initiative der US-Regierung, durch das Sammeln von verfügbaren offenen Daten zum Klima weltweit Softwareentwicklern die Möglichkeit zu bieten, diese Daten in Applikationen zu verwenden, um den Klimawandel in das tägliche Bewusstsein der Menschen zu bringen. Der Zustand der Erde soll den Menschen als Art permanentes Monitoring nähergebracht werden. Das Ziel sei:

"The online publication of vast amounts of data collected by the US federal government about the Earth's climate, for humanity to use to understand how the planet is changing.“ 

Auch hier zeigt sich wieder die Evidenz der Thesen von Nafeez, der ja davon sprach, dass die bestehende Paradigmen zu einer Entkopplung des Menschen von seiner sie umgebenden Umwelt mit sich gebracht habe.

Deshalb ist uns das Netz so wichtig

Wenn nun aber offensichtlich ist, dass der freie Zugang zu offenen Informationen, die Garantie von Netzneutralität, die Absicherung der Möglichkeit zur freien Meinungsäußerungen, die Nutzung von Partizipation und offenen Daten zur Lösung globaler Probleme des Meatspaces essenziell wichtig ist, wird ersichtlich, worum es geht: Die Digitalisierung impliziert eine Revolution der Wertesysteme und der Methoden der politischen Steuerung, mit der die Nachhaltigkeit unserer Lebensweise voraussichtlich eher erreicht werden könnte als mit den überlebten Mechanismen und Paradigmen der bestehenden Marktwirtschaft.