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Donnerstag, 5. März 2015

Das Digitale als Abkehr von nicht-nachhaltigen marktwirtschaftlichen Werten? (Teil 1/3)

Die Volkswirtschaftslehre ist auf dem Nachhaltigkeits-Auge blind

Eigentlich ist es ganz simpel. Die unten dargestellten Entwicklungen zentraler Variablen, die mit unserer klassischen Produktionsweise auf der Welt in einem Zusammenhang stehen, zeigen ein offensichtliches Nachhaltigkeits-Problem, dass jeder Schüler des Erdkunde-Anfänger-Kurses in der Grundschule anhand der Kurvenverläufe beschreiben könnte.

Allein: Die klassische Volkswirtschaftslehre, die die Basis für wirtschaftspolitische Politikberatung weltweit ist, vermag eben dies nicht zu leisten, da sie sich zu einer theoretisierenden Modell-Dogmatik entwickelt hat, deren jeglicher Sinn für empirische Evidenzen bezüglich realer Kausalität weitestgehend abhanden gekommen ist.

Key trends in resources and environmental exploitation. Coal consumption: BP Statistical Review of World Energy [tonnes], Oil consumption [barrels]: BP Statistical Review of World Energy; Iron ore extraction [tonnes]: Bureau of Mines Minerals Yearbook, USGS Minerals Information; Water consumption [m3]: Water withdrawal and consumption, UNEP/GRID-Arendal; CO2 emission from FF burning [tonnes]: Global Fossil-Fuel CO2 Emissions, CDIAC, BP Statistical Review of World Energy; Species extinction rate: Rachel Carson Endangered Species, USGS; Number of low-oxygen dead zones: Global Biodiversity Outlook 3, UNEP Convention on Biological Diversity.Quelle: http://www.skepticalscience.com/print.php?n=2446 CC 3.0 BY

Diese Debatte ist natürlich alles andere als neu und hat ihren Widerhall in den letzten Jahren in verschiedenen Kontexten gefunden. Aktuell betitelt die FAZ das Problem erneut mit: "VWL - nicht gesellschaftstauglich". Diese Debatten wiederholen sich zumindest seit meinem Volkswirtschafts-Studium (VWL) in den 1980er Jahren. Und nach wie vor haben VWL-Experten Mühe, ihre Modelle in einen lebensnahen Kontext zu stellen. So werden von vereinzelten Mutigen Verhaltensweisen und Glücksfragen in die Modelle implementiert, ohne aber bisher jemals die Chance gehabt zu haben, Eingang in den VWL-Mainstream zu finden. Es ist bisher umgekehrt; schaffen es, Experten aus anderen Themenfeldern wie dem Klimawandel, ökonomische Dimensionen zu berücksichtigen, so werden sie dann auch von Politik und Wirtschaft als vollwertige Wissenschaften akzeptiert.

Der Stern-Report als Fanal der klassischen Volkswirtschaftslehre?

So verwundert es natürlich nicht, dass der Klimawandel erst dann von eben diesen Akteuren ernst genommen wurde, als der Stern-Report zum ersten Mal die ökonomisch negativen Auswirkungen der Erderwärmung hervorhob; als wenn sich die Rettung des Erdklimas erst dann lohnen würde, wenn die Rettung in den Bilanzen einen Netto-Gewinn ergibt. Verzweifelte und seit Jahrzehnten andauernde sowie erfolglose Versuche, die negativen Externalitäten nicht-nachhaltiger Produktionsweisen zu erfassen und zu bewerten, verdeutlichen, dass es anscheinend eines komplett anderes Paradigmas als das der nur in Quantitäten denkenden VWL und klassischen Marktwirtschaft bedarf, um die vollkommen neue Qualität der Erdzerstörung überhaupt erfassen zu können. Nachhaltigkeit als Konzept zum Erhalt unserer Lebensgrundlagen muss solange ein frommer Wunsch bleiben, wie es nicht möglich ist, eine Kongruenz zwischen dem Wertesystem einer idealen nachhaltigen Lebensweise und der nachhaltigen Produktionsweise herzustellen.

Nafeez Ahmed: Das Ende des endlosen Wachstums

Der von mir sehr geschätzte Journalist und Blogger Nafeez Ahmed hat in zwei neuen Artikeln bei Motherboard hierzu einige Gedanken formuliert, die in diese Richtung gehen. Er schreibt: "The economic crisis is symptomatic of a deeper crisis of industrial civilization’s relationship with nature" und eröffnet damit einen neuen Blickwinkel auf die ökonomischen Krisen der letzten Jahre. Für ihn stellt sich die Frage, ob wir uns als Weltgemeinschaft nicht vielmehr gewahr werden sollten, dass wir vielleicht an der Schwelle zu einer Zeit stehen, in der "Gesellschaft", "Gemeinschaft", "Zivilisation" gänzlich anders als in der Vergangenheit funktionieren werden (Ähnlichkeiten zu Alexander Bard sind hier erkennbar). Im Kern ginge es, so Ahmed, um die Abkehr von der Kapitalakkumulation einiger Weniger hin zur Erfüllung der grundsätzlichen Bedürfnisse der Vielen.

Die klassischen VWL verstünde einfach nicht, dass "Endless growth on a finite planet is simply biophysically impossible".

Mit Hinweis auf den italienischen Ökonomen Mauro Bonaiuti fragt er, ob die Abnahme des ökonomischen Wachstums nicht eher Folge des Zusammentreffen von verschiedenen Limitierungen der natürlichen Ressourcen und physikalischen Aufnahmekapazitäten, Klimaerwärmung, zunehmenden sozialen Komplexitäten, Bürokratierungen und Reduzierungen von Innovationen und Produktivität sein könnte. Die Zunahme der Depressionen und anderer psychischer Erkrankungen - trotz quantitativer Wohlstandsmehrung bei Bewohnern von entwickelten Ländern - ist für ihn das Indiz eines Nicht-Funktionierens von Marktwirtschaft und Gemeinwohl- wie auch Individualwohlorientierung.

Stellt die Digitalisierung marktwirtschaftliche Paradigmen in Frage?

Die Abkehr vom marktwirtschaftlichen Wertesystem der letzten Jahrhunderte - Wettbewerb, Egozentrismus, Vernichtung, Zentralisierung, Hierarchie, Eigennutz, Konflikt - erkennt er auf der einen Seite in den Krisen der Energieversorgung, der Banken, des quantitativen Wirtschaftswachstums und des herausfordernden Umgangs mit der digitalen Transformation. Auf der anderen Seite würden sich Revolutionen im Internet, der Energieversorgung, der Lebensmittelproduktion, des Finanzsektors und der Ethik andeuten, die allesamt die Prinzipien der Machtaufteilung, der Dezentralisierung, der Empathie, der Vergemeinschaftung und der offenen Steuerung als Anti-These der alten marktwirtschaftlichen Werte mit sich brächten. Damit aber, so die neue Sichtweise, würde mehr Nachhaltigkeit zugleich und zum ersten Mal mit grundsätzlich anderen gesellschaftlichen und produktionstechnischen Werten einhergehen, ohne das "Nachhaltigkeit" künstlich dem bestehenden System übergestülpt werden müsse.

Was genau haben diese Revolutionen mit der Digitalisierung zu tun?

Teil 2 folgt in den nächsten Tagen...