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Samstag, 21. Februar 2015

"Gewerkschaft GDL und Deutsche Bahn wollen Tarifverhandlungen im Netz streamen"

Diese Meldung würde, wenn sie denn existieren würde, mit Sicherheit auf offene Ohren treffen und ein Staunen wie auch Respektbekundungen nach sich ziehen. Man hätte Respekt vor dem Mut der Tarifpartnerinnen, aus jahrzehntelangen Ritualen auszubrechen, das Vergangene hinter sich zu lassen und #Neuland zu betreten.

Foto: Ole Wintermann
Stattdessen aber sitze ich, während ich dies schreibe, in einem dieser verrotteten und veralteten IC-Züge der Deutschen Bahn. Der planmäßige ICE war mal wieder kurzfristig ausgefallen, so dass einer dieser alten aus den 1970er Jahren stammenden ICs reaktiviert wurde. Ob ich auf der Rückfahrt den gebuchten Zug nutzen kann, weiß ich noch nicht, da Herr Weselsky und die Deutsche Bahn mir wie auch anderen Millionen Bahnkunden meinen, etwas Unruhe darüber, ob das Ziel der eigenen Reise erreicht wird, zumuten zu können. 

Ich bekenne: Ich bringen kein Verständnis für diese Art von Streik auf.

Foto: Ole Wintermann
Die Deutsche Bahn und die Gewerkschaft GDL tragen hier einen, wenn man den Mainstream-Medien Glauben schenken darf, persönlichen Konflikt auf dem Rücken der Millionen Bahnkunden aus, die tagtäglich darauf angewiesen sind, pünktlich mit deren Verkehrsmittel ans Ziel zu kommen.

Liebe Tarifpartnerinnen, haben Sie eigentlich auch nur ansatzweise eine Ahnung davon, wie viel Leid, Stress, Ärger und beruflichen Druck sie durch ihre eigennützige Vorgehensweise bei den Millionen Menschen verursachen - vom finanziellen Schaden durch kurzfristige Umbuchungen, Mehrnutzungen von Autos und Mietwagen sowie zeitlichen Aufwänden durch die Nutzung der Fernbusse ganz zu schweigen?

Foto: Ole Wintermann
Ich habe selbst Jahre bei einer Gewerkschaft gearbeitet und weiß: Tarifverhandlungen sind - von beiden Seiten betrieben - Rituale einer längst überlebten Industriegesellschaft, in der es berechtigter Weise (ursprünglich) darum ging, die Zersplitterung der Interessen der Arbeitnehmer gegenüber übermächtigen Arbeitgebern zu verhindern.

Aber ich weiß auch: Die Vorschläge für die Entwicklung der Löhne und Gehälter sind nicht wirklich so sachlich begründet, wie dies in den Medien immer unreflektiert dargestellt wird - und dies gilt für beide Tarifpartnerinnen. Ist es auf der einen Seite der Wille zum vielzitierten „Schluck aus der Pulle“ (allein diese Begrifflichkeit) ist es auf der anderen Seite die pauschal „begründete" Absicht „Kosten zu sparen“, die am Ende in eine Tarifvorstellung bis auf die zweite Stelle nach dem Komma münden. Mit diesen Zahlen wird ein Wissen über Marktentwicklungen vorgegeben, dass in der Form gar nicht existiert. Aufgrund der Flächentarifverträge sind zudem stets landes- oder bundesweite Kennziffern Ausgangspunkt der Tarifvorstellungen beider Seiten. Mit den Zuständen und Arbeitsbedingungen im jeweiligen Betrieb - also vor Ort - haben diese nichts zu tun.

Foto: Ole Wintermann
Und diese ist der Punkt, an dem mir auch das Verständnis für ein über den täglichen vitalen Interessen der Kunden der Deutschen Bahn stehendes Vorgehen fehlt. Ich als Kunde habe ersteinmal rein gar nichts davon, dass sich entweder die Deutsche Bahn als Arbeitgeber durchsetzt oder die Gewerkschaft GDL als Arbeitnehmervertreter. 

Ich sitze dienstlich und privat bedingt seit Jahren in vergammelten Zügen, die über die Zeit betrachtet immer unpünktlicher zu werden scheinen, in denen es nach wie vor keine gastronomische Versorgung gibt, die über abgestandenen Kaffee und überteuerte Baguette hinausreicht, in denen es nach wie vor keine verlässliche Versorgung mit Wlan gibt, in denen man, wenn man Pech hat, stundenlang auf dem Boden sitzen muss, weil das Zugmanagement versagt hat, in denen man im Sommer bei ständig ausfallenden Klimaanlagen mit einem Kreislaufkollaps und im Winter mit Erkältungen rechnen muss und für die man immer wieder über der Inflationsrate liegende Preissteigerungen hinnehmen muss, da es bis vor kurzem keine wirklich Konkurrenz für den Quasi-Monopolisten auf der Langstrecke gab.

Foto: Ole Wintermann
Liebe Tarifpartnerinnen, legt doch euren geheimen Tarifverhandlungen ganz einfach offen und streamt diese ins Netz. Das Interesse von Millionen Kunden zu erfahren, wohin morgen ihre Reise geht, dürfte Grund genug dafür sein, dass solche aus der Industriegesellschaft kommenden Geheimverhandlungen endlich transparenter werden. Es geht nicht darum, Tarifverhandlungen als solche in Frage zu stellen; es geht aber darum, den bisherigen anachronistischen und auf 2 Köpfe fixierten Mechanismus der Lohnfindung in Frage zu stellen. Es geht natürlich auf beiden Seiten um Macht. Und von dieser kann nur schwer gelassen werden. Leidtragende sind eure Kunden.

Macht doch mal etwas ganz Schräges und kommuniziert direkt mit den Kunden da draußen über euer Anliegen. Seid mutig, seid transparent.

Foto: Ole Wintermann