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Samstag, 14. Februar 2015

David Weinberger and Doc Searls: The Internet has liberated an ancient force — the gravity drawing us together (v. @cluetrain)

Foto: Ole Wintermann
Das in Online-Kreisen zumeist bekannte aber schon etwas in die Internet-Jahre gekommene Cluetrain-Manifest hat vor kurzem eine Aktualisierung u.a. durch den ursprünglichen Autor, David Weinberger sowie Doc Searls, erhalten.

Während die erste Version, so Weinberger und sein Co-Autor, vor allem für diejenigen Akteure gedacht gewesen sei, die nicht gewusst hätten, dass sie das Netz nicht verstanden hatten (und sich dies eigentlich bis heute nicht wirklich in Teilen der politischen Entscheider-Elite geändert hat), habe die Fortschreibung eher das Ziel, die frühen Netz-Innovatoren und die kritischen Geister mit Blick auf Massenüberwachung, Aufweichung der Netzneutralität und des Datenschutzes wach zu rütteln, weil:

"The Marauders understand the Internet all too well. They view it as theirs to plunder, extracting our data and money from it, thinking that we are the fools. But most dangerous of all is the third horde: Us."


Bezogen auf die Akteure, die das Netz für ihre Zwecke der Einengung, der Zensur, der Überwachung und der Kapitalisierung missbrauchen wollen, meint er:

"An organ-by-organ body snatch of the Internet is already well underway. Make no mistake: with a stroke of a pen, a covert handshake, or by allowing memes to drown out the cries of the afflicted we can lose the Internet we love."


Damit spielt er auf die Erkenntnis an, dass es Offliner gebe, die die Mechanismen des Netz sehr gut verstanden hätten und versuchen würden, die juristischen und ökonomischen Regeln des Meatspaces in ihrem Sinne auf das Netz zu übertragen.

Es geht um Macht, Kontrolle und Deutungshoheit. Die Offline-Elite fühle sich zunehmend in ihrem Status bedroht. 

Das Netz sei(en) hingegen:
  • wir und nicht die Anhäufung von Glasfaser oder Technik,
  • nicht etwas und habe auch keine vorbestimmten Zweck,
  • kein Inhalt,
  • kein Medium (wir sind das Medium),
  • auf Unbeschränktheit und Grenzenlosigkeit aufgebaut
Damit macht er deutlich, dass es auf Dauer keinen Gegensatz zwischen dem Netz und dem Meatspace geben könne, da die Menschen es mit ihren Interaktionen, Wertvorstellungen und Aktionen erst zum Leben erweckten. Das Netz sei nicht böse, manche Menschen seien aggressiv und nutzten das Netz für ihre Zwecke. Statt aber das Netz zu regulieren, müsse diesen aggressiven Menschen mit derselben Konsequenz begegnet werden, wie dies auch im täglichen Offline-Leben vonstatten gehen würde. Das Netz dürfe nicht dazu missbraucht werden, dieselben Mechanismen des "Stammesdenken" zu verstärken. Da man im Netz täglich mit unbekannten Menschen unbekannter Kulturen zusammentreffe, sei dies die Chance, einander besser verstehen zu können, ohne dass von vornherein "Stammeszugehörigkeiten" noch eine Rolle spielten. 

Im Verhältnis der Wirtschaft zum Netz gehe die Nutzung des Begriffs "Konsumenten" hingegen nach wie vor von dem alten herrschaftlichen Denken des Melkens der passiv konsumierenden Cash-Cow aus. Die sogenannte "Personalisierung" von Diensten sei in Wahrheit die Entmenschlichung der Personen, die vor dem PC sitzen, da der Mensch nur anhand seiner Tracking-Daten beschrieben würde, ohne aber überhaupt zum Kern des Menschlichen vordringen zu können. Tracking und Native Ads seien Ausdruck der Missachtung des Menschlichen und damit des Ursprünglichen, für das das Netz am Anfang mal stand.

"Web pages are about connecting. Apps are about control. In the Kingdom of Apps, we are users, not makers. Every new page makes the Web bigger. Every new link makes the Web richer. Every new app gives us something else to do on the bus."

Apps unterteilten, so Weinberger, die Menschen in Nutzergruppen, schotteten sie voneinander ab und erschwerten damit den freien Austausch der Menschen und ihrer Meinungen und Wertvorstellungen untereinander. Apps schaffen damit kleine "Reiche", in denen dann die Unternehmen so schalten und walten können, wie es ihnen beliebt. Apps führen somit zur Vermachtung des Netzes.

Die antiquierte Vorstellung des Meatspaces, dass es die "richtigen" Seiten gebe, auf denen man in einem Konflikt stünde, dass es "die" Wahrheiten gebe, dass es nach wie die Zweiteilung der Welt in "Gut" und "Böse" gebe, adressiert er, indem er fragt:

"Ok, government, you win. You've got our data. Now, what can we do to make sure you use it against Them and not against Us? In fact, can you tell the difference?"

Zum Angehen dieser anstehenden Aufgaben, das Netz auch weiterhin einiger Maßen frei zu belassen schlägt er vor:
  • Politiker zu fragen, welche Position sie einnehmen,
  • bestehende Gesetze an die Sharing-Logik anzupassen,
  • gemeinsam und konsequent gegen Hass und Trolls vorzugehen,
  • die Welt der Apps abzulehnen,
  • konsequent den Mut zum Fragen zu haben, 
  • und das Fehlen konkreter Antworten auszuhalten.
Das alles klingt zu wenig spezifisch und nach der Wahrheit? Willkommen in den Zeiten des Netzes, oder wie Weinberger meint:

"Internet naysayers keep us honest. We just like'em better when they aren't ingrates."