.

.

Samstag, 27. Dezember 2014

Erst die #AnalogeAgendaDE, jetzt #Pegida? Klimawandel et al.: War da etwas?

tl;dr

Während man sich hierzulande in Folge der politischen Ökonomie einer alternden Gesellschaft v.a. mit der Rente mit 63, der Mütterrente, #Pigeda und der #AnalogenAgendaDE beschäftigt, rufen die internationalisierten Herausforderungen eigentlich nach gänzlich anderen Politikansätzen.

Die kleine deutsche Welt der #Pegida-Demonstranten

Es ist schon erstaunlich, seit wie vielen Wochen xenophobe und islamophobe Demonstranten im Osten unserer Republik die Medienberichterstattung dominieren und die kleine deutsche Welt kein anderes Thema mehr zu kennen scheint. Anhand der Demonstrationen zeigt sich sehr "schön", wie schwer einer alternden Gesellschaft, die in den letzten Jahrzehnten allen Armutsberichten zum Trotz es doch gewohnt war, eine beständige Steigerung ihres Wohlstandes zu erfahren, die Anpassung fällt, wenn diese kleine Welt jetzt nicht länger in einer abgeschlossenen Käseglocke existiert sondern mit den Unbilden einer globalisierten Welt zu kämpfen hat.

Im Feld der Digitalisierung, in dem Deutschland in nahezu allen relevanten Dimensionen inzwischen weit hinter vergleichbaren OECD-Staaten hinterher hinkt, hat sich dieser innovationshemmende Effekt der Alterung bereits sehr deutlich gezeigt. Die #Pigeda Demonstrationen zeigen, dass sich dieses provinzielle Verhaltensmuster in der Flüchtlingspolitik jetzt zu wiederholen scheint. Wie soll es ansonsten anders zu interpretieren sein, dass aus einer in Bezug auf die Gesamtbevölkerungszahl verschwindend geringen Zahl an Flüchtlingen gleich eine Grundsatzdebatte im Feuilleton der Traditionsmedien dieser Republik erwächst? Habt ihr nichts Wichtigeres zu diskutieren? Wie ist es beispielsweise um die Anpassungsfähigkeit einer solchen Gesellschaft in Bezug auf tatsächlich relevante globale Herausforderungen bestellt? Wie könnten politische Entscheidungen und Aktivitäten aussehen, die diese Anpassungsfähigkeit wieder erhöhen? Wo finden in deutschen Medien diese Diskussionen statt?

Flüchtlingsbewegungen als Indikator für Probleme gänzlich anderer Art

Vor kurzem war mir in diesem Fragekontext der aktualisierte State of the Future Bericht des Millennium Projekts aufgefallen. Ich halte den Bericht und die Methodik des Ansatzes vor dem Hintergrund der zunehmenden und sich gegenseitig verstärkenden globalen Interdependenzen der Megatrends für nach wie vor - und dies vielleicht in Zukunft noch stärker - für eine der entscheidenden Entscheidungsgrundlagen internationaler Politikakteure.

Der Report stellt fest:
  • die Grundwasserspiegel fallen weltweit,
  • die zwischenstaatlichen Konflikte und die Flüchtlingsbewegungen nehmen zu,
  • Gletscher, die als Wasserspeicher dienen, schmelzen,
  • Einkommensungleichheiten nehmen zu,
  • die Ozeane versauern und verlieren zunehmend jedes Leben,
  • die Hälfte des weltweit verfügbaren fruchtbaren Erdbodens ist zerstört.

Internet spielt wichtige Rolle bei der Bewältigung der globalen Herausforderungen

Dabei verweist der Report auf die multidimensionale Rolle des Internets und der sozialen Medien als Treiber der Probleme, der Lösungen, der Interaktion über soziale und kulturelle Grenzen hinweg. Er kommt zu dem aus deutscher Medien-Sicht nachdenklich stimmender Aussage:

"It is also clear from The Millennium Project’s global futures research over all these years that there is greater agreement about how to build a better future than is evident in the one-way media that holds audiences by the drama of disagreement, which is reinforcing polarization."

Die bessere Versorgung mit Bildung im Gleichklang mit der Verbreitung des Internets würde, so der Bericht, zunehmend den Missbrauch von Macht durch Eliten erschweren. Dem Internet wird mit Blick auf die Interaktionsdimension auf globaler Ebene eine absolut essenzielle Rolle bei der Bewältigung all dieser globaler Herausforderungen zugeschrieben:

"Humanity is slowly but surely becoming aware of itself as an integrated system of cultures, economies, technologies, natural and built environments, and governance systems."

Der vom Projekt erstellte Index verharrt nach einem langen und stetigen Anstieg in den letzten 25 Jahren seit nunmehr 5 Jahren auf demselben Niveau. Über den gesamten Betrachtungszeitraum hinweg gab es einige positive Entwicklungen:
  • Erhöhung der Lebenserwartung bei gleichzeitiger Absenkung der globalen Geburtenraten,
  • Rückgang des Anteils an der Bevölkerung, der unterernährt ist,
  • Halbierung der Säuglingssterblichkeit,
  • verbesserter Zugang zu Trinkwasser, Bildung, Internet und nachhaltig produzierter Energie,
  • und Anstieg der ausländischen Direktinvestitionen.

Leider wurden diese Erfolge aber mit negativen Entwicklungen in anderen Lebensbereichen "erkauft":
  • Vergrößerung des ökologischen Fußabdrucks,
  • steigende Einkommensungleichheit,
  • stark steigende CO2-Emissionen mit bereits heute nicht reversiblen Klimafolgen, 
  • Rückgang der bewaldeten Landfläche,
  • Verlust von 87% aller Fischbestände und
  • sinkendes Volumen des wiederverwertbaren Trinkwassers bei gleichzeitig steigendem Wasserbedarf.

Der Report verweist zu Recht auf die Projekte von Google (Achtung! German Googlephobia.), IBM und anderen zur Nutzung von Artificial Intelligence, Cloud-Diensten und Big Data, denen eine entscheidende Bedeutung bei der Bewältigung der globalen Herausforderungen zukommen kann (wie piefig wirkt in diesem Zusammenhang die deutsche Google-Debatte). Die Versorgung mit mobilem Breitband komme hierbei (#AnalogeAgendaDE!) entscheidende Bedeutung zu. Der Bericht stellt die Frage:

"So what happens when the entire world has access to nearly all the world’s knowledge and instantaneous access to artificial brains able to solve problems and create new conditions like geniuses, while blurring previous distinctions between virtual realities and physical reality?"

Kann der Menschen systematisch denken und handeln?

Der Bericht sieht sowohl in der zunehmenden globalen Komplexität, den weltweiten sachlichen und politischen Interdependenzen und den traditionell arbeitenden Medien die größten Herausforderungen bei der Nutzung der durch Big Data, AI und sozialen Medien eigentlich verfügbaren Informationen über Kontexte und Lösungen für die globalen Herausforderungen.

"But little news coverage, educational curricula, or the general public who elect political leaders seem aware of the extraordinary changes and consequences that need to be discussed."

Die Lösungen würden ständig erdacht; hierzu zählten u.a. Nano-Medizin, alternative Energiequellen, ortsunabhängiges Arbeiten, die Nutzung von Daten zur Erfassung komplexer Sachverhalte, die Nutzung von sozialen Medien zur Kollaboration von Menschen für bestimmte Zwecke, Science 2.0, Open Access. Was fehle, ist ein Bewusstsein über die Kontexte.

Der Report ruft daher auch dazu auf, ein ganzheitliches Bild der Akteure, der Tools, der Methoden und der sachlichen Fragestellungen zu entwickeln und nennt dies das "Global Futures Intelligence System". Dies ist natürlich leichter gesagt als getan, wenngleich die Metapher "Wir sitzen alle im gleichen Boot" aktueller denn je zu sein scheint.

Hier schließt sich dann auch der Kreis. Ich möchte nicht in einem Dresdner Boot sitzen, das von #Pegida-Provinzialisten gesteuert wird: ich möchte mich als Teil des globalen Bootes verstehen, in dem wir alle Herausforderungen von gänzlich anderer Dimension bestehen müssen.

It´s global change, stupid.