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Samstag, 4. Oktober 2014

Warum wir konsequent für die Digitalisierung eintreten sollten (und mir die #MallofBerlin vollkommen egal ist)


Vielleicht kennen die Älteren unter euch noch die Zeiten, in denen es das allgemein zugängliche Internet noch nicht gab? Erinnert ihr euch an die Schulzeit? Es gab das eine Schulbuch und die eine Interpretation des Wilhelm Tell. Die Lehrer waren Autoritäten, die den Schülern mit ihrer Arbeit den ersten Blick in die Welt ermöglichten. Im Politik-Unterricht am Montag diskutierte man den einen Tagesschau-Kommentar des Herrn X, den einen Leserbrief in der lokalen Zeitung und natürlich die eine neue Titel-Story aus dem Spiegel. Speziell der Spiegel war im politischen Deutschland in den 1980ern noch der eine linksliberale Vermittler der einen wahren Sicht der Dinge. Die FAZ war schon damals etwas nur für Bänker. Wer liberal und bürgerlich war (sein wollte), las die SZ.

Wenn die Elite zusammensitzt (Foto: Ole Wintermann)
Auf der Uni lasen Diejenigen, die etwas Weltläufigkeit beweisen wollten, englischsprachige VWL-Lehrwerke. Sie waren aber Ende der 1980er Jahre noch eindeutig in der Minderheit. Das TV spielte trotz oder gerade wegen der Privatisierung in der Suche nach Informationen und Bildung schon damals keine Rolle mehr. Man vertraute vielmehr den scheinbar investigativen Recherchen der linken Magazinformate wie Monitor oder Report (aus Baden-Baden). Wenn Herr Bednarz oder andere Verkünder der Wahrheit von den Meinungsfronten berichteten, war man entweder gegen oder für ihre Aussagen. Es gab ganz einfach zu wenige Informationen und Quellen zu bestimmten Sachverhalten, zu denen man sich hätte äußern oder eine eigene Meinung hätte bilden können.

Wir waren damals auf die vermeintliche/vermutete/erhoffte Qualität der Journalisten angewiesen, denn sie waren die medialen Gatekeeper beim Blick über die thematischen und staatlichen Grenzen des eigenen Horizonts hinweg. Wenn man innerhalb der eigenen Fachlichkeit blieb, gab es natürlich – nach Durchkämmen etlicher Zettelkästen in der Uni-Bibliothek – die Möglichkeit, sich innerhalb der nächsten 4 Wochen Fachbücher zuschicken zu lassen.

Die Meinungsbildung, die nur auf wenigen Quellen basierte, ging langsamer vonstatten. Die Informationsbeschaffung dauerte ewig und war häufig mit Kosten verbunden, die einen daran hinderten, eine Recherche fortzuführen.

Vielleicht sollten wir Älteren den Jüngeren häufiger von diesen Zeiten erzählen? Vielleicht können wir mit diesen Erfahrungen vor Augen das Angehen gegen Zensur, Filter, Netzneutralität, gegen das Löschen von Google-Verlinkungen unterstützen?

Im Jahre 1992 saß ich dann zum ersten Mal vor dem Internet und alle Probleme der Informationsbeschaffung schienen mit einem Mal beseitigt. Ich „surfte“ in der US Library of Congress und war beeindruckt von der freien Zugangsmöglichkeit zum Wissen von Hunderten und Tausenden von Menschen. Die Probleme der Gatekeeper und der Interpretationshoheiten, die Probleme, die sich daraus ergaben, dass Bücher ausgeliehen und für Wochen nicht verfügbar waren; all diese Probleme waren mit einem Mal vom Tisch gewischt. Zum ersten Mal schien es den Menschen, die daran interessiert waren, möglich, politisch verantwortungsvolle Bürger sein zu können, ohne dass man das nachkaute, was irgendwelche Redakteure portionsgerecht in der „veröffentlichten“ Debatte, wie es schon damals unser Polit-Prof nannte, als politisches Wort zum Sonntag verkündet hatten.

Aber es scheinen nicht alle Institutionen, Akteure und Unternehmen mit diesem an Mündigkeit reicheren Bürger und Kunden zurecht zu kommen. Unter den Buzzwords „Datenkrake Google“, „Facebook-Partys“, „Cybermobbing“, „Internet-Kriminalität“ wird von den Vertretern der alten Welt gegen das Netz, die dort aktiven Akteure und die User mobil gemacht, um den Status Quo und die eigenen Zuständigkeiten abgesichert zu wissen.
Wir kümmern uns um euch. (Foto: Ole Wintermann)
Dass dabei Netzneutralität, der freie Zugang zu Wissen, der freie Meinungsaustausch zwischen Menschen verschiedenster Kulturen und Länder, die freie Wahl der Konsumgüter durch selbständige Konsumenten, die freie Meinungsäußerung und die Toleranz gegenüber Andersdenkenden unter die Räder kommt, scheint egal zu sein. Der Zweck heiligt die Mittel.

Ich möchte, egal ob ich mich in Hong Kong oder in Europa befinde selbst entscheiden, ob ich mich durch Informationsvielfalt überfordert fühle. Ich möchte selbst entscheiden, welcher Quelle ich vertraue und glaube. Jede Einschränkung des Zugangs zu Informationen, sei es durch eine weitere Einschränkung der Netzneutralität in westlichen Demokratien oder durch paternalistische Diktaturen irgendwo auf der Welt nehme ich als Angriff auf mein informationelles Selbstbestimmungsrecht wahr.

Das Netz ist zugleich die reale Welt und eine neue Welt, deren Spielregeln erst eingeübt werden müssen. Das Internet wurde bisher in einem Multistakeholder privat verwaltet. Ich kann keinen Sinn darin sehen, dass Netz zu re-nationalisieren, so wie der Innenminister de Maiziere es auf der #diad14 gefordert hat, als er sagte, das Netz dürfe kein staatsfreier Raum bleiben. Das Netz ist bisher ein Kulturraum ohne national- oder regionalstaatliche Grenzen. Dass dies den Nutznießern der bisherigen Grenzen nicht passt, versteht sich von selbst. Die Zivilgesellschaft darf sich an der Stelle das Heft des Handelns nicht aus der Hand nehmen lassen. Regierungen in Demokratien rechtfertigen Überwachung mit angeblich beständig vorhandenen Terrorgefahren, Diktaturen argumentieren mit kulturfremden und zersetzenden Inhalten.

Ich möchte als Bürger einer Demokratie das Recht haben, 100 verschiedene Identitäten (Rollen) im Netz auszuüben, je nachdem ob ich mich auf Spieleplattformen, Computer-Foren oder politischen Plattformen bewege. Ich will mir nicht vorschreiben lassen, ob ich unter Klarnamen agiere oder anonym unterwegs bin. Unsere Blogger auf Futurechallenges.org müssen teilweise um ihr Leben fürchten, weil sie nicht den Spielregeln einer rigorosen Kultur, Religion oder einer Diktatur folgen. Nicht-Anonymität kann tödlich sein. Aber erklärt das mal den Offlinern.

Verschlüsselungen auf verschiedenen Ebenen und VPN-Dienste, geben Menschen ansatzweise die Möglichkeit, sich gegen die Schnüffelei fremder Staaten zu schützen – ein Schutz, den wir von unserer Bundesregierung nicht erwarten können, wie wir inzwischen wissen und wie Thomas Schindler auf der #diad14 gerade nochmals so pointiert formuliert hat. Wie es auch Gerrit Hornung auf der #diad14 so schön gesagt hat: "Überwachung ist wie Radioaktivität. Man kann sich auf kein Bauchgefühl verlassen und wenn man es erst bemerkt, ist es zu spät."

Ich möchte nicht das für die Demokratie so essentielle Briefgeheimnis nur deshalb geopfert wissen, weil die zuständigen Juristen nicht fähig sind, Regeln der Offline-Welt onlinetauglich anzupassen und deshalb plötzlich Massenüberwachung angeblich kein Problem mehr sein soll.

Darum wird die Debatte um die Digitalisierung – von allen Seiten – so emotional geführt. Es geht um Grundwerte unserer Gesellschaft, um die Bilder, die man vom mündigen Bürger im Kopf hat, um die Spielregeln für das Verhalten im virtuellen Kulturraum.

Welches Bild eines Staatsbürgers aber haben die Offliner, die uns die Regeln in der Online-Welt vorschreiben wollen, eigentlich im Kopf? Für welche Werte treten diese Offliner ein? Sollten wir darüber mal nicht in einen öffentlichen Diskurs einsteigen?

Als ich vor einigen Tagen durch die neue #MallofBerlin ging, fielen mir die goldenen in den Boden vor den Rolltreppen eingelassenen Messing-Tafeln auf. Auf jeder dieser Tafeln war ein kluges Zitat eines großartigen Politiker (Politikerin) eingraviert, das uns an irgendetwas erinnern sollte. In der DDR wurde die politischen Zitate nur auf Stoffbannern verewigt. Schön, dass wir uns da weiterentwickelt haben. Mit einem Diskurs hat das jedenfalls wenig zu tun.

Kaufen macht so viel Spaß. (Foto: Ole Wintermann)