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Mittwoch, 24. September 2014

Politischer Diskurs in Deutschland: Zwischen #MarschfuerdasLeben, "What the fuck" und Feminismus

Politischer Diskurs in Deutschland: "What the fuck"

Unter dem Hashtag #MarschfuerdasLeben versammelten sich am letzten Wochenende ca. 5.000 Menschen in Berlin, um gegen Abtreibung zu demonstrieren. Mann oder Frau mag zu dem Thema stehen wie man will; es dürfte am Ende aber klar sein, dass es in einer Demokratie jedem Menschen zusteht, seine Meinung auf einer Demonstration, soweit sie nicht gegen die FDGO verstößt, zu äußern.

Dieser Meinung war das sogenannte "What the fuck"-Aktionsbündnis allerdings ganz und gar nicht und fühlte sich dazu berufen, gemeinsam mit dem feministisch ausgerichteten Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung gegen die genehmigte Demonstration mit Störaktionen und Blockaden vorzugehen. In der Begründung der Gegendemonstration konnte man dann nachlesen, dass es nach Auffassung dieses "What the fuck" Bündnisses diskriminierend sei, wenn im Zuge der Abtreibungsdebatte nur von "Frauen" (Hervorhebung durch die ursprüngliche AutorIn) gesprochen werde (geneigte Leser werden sich fragen, was an dieser hetero-normativen Sichtweise denn jetzt falsch sei... Diese offene Frage wird im verlinkten Dokument in überraschender Art und Weise beantwortet). Das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung schreibt:

Die ideologische Grundlage der Teilnehmer_innen des Marsches bildet ein reaktionäres, christlich-fundamentalistisches Weltbild, in dem der Schwangerschaftsabbruch als eine „vorgeburtliche Kindstötung“ dargestellt wird.

Auf dieselbe Seite schlugen sich Volker Beck und eine Mitarbeiterin der Tagesschau, die in einem eingeübten Reflex alle Demonstranten gegen Abtreibung als Rassisten zu diskreditieren versuchten und sich großartig darin fanden, alte Menschen in der Demonstration lächerlich zu machen. Dass der Vorwurf der Homophobie und des Antifeminismus nicht fehlen durfte, versteht sich von selbst. Die Sicherung des genehmigten Demonstrationszuges der AbtreibungsgegnerInnen durch die Polizei wurde dann vom What the Fuck-Bündnis kritisiert (warum eigentlich?) Als ich per Twitter die ARD-Korrepondentin (o.ä.?) fragte, was das Alter mit dem Recht der Menschen zu tun habe, ob sie für oder gegen einen Sachverhalt demonstrieren, wurde mir sogleich (und nur) durch andere Nutzerinnen geantwortet, dass Abtreibung Männer nicht betreffe und diese sich deshalb aus der Debatte herauszuhalten hätten.

Dürfen Männer zur Abtreibung eine Meinung haben?

Darf man sich in einer Demokratie nur dann eine Meinung über einen Sachverhalt bilden, wenn man direkt von diesem Sachverhalt betroffen ist? Darf ich keine Meinung zum Irak-Krieg der USA, zu Windparks in der Ostsee oder zu Umweltauflagen für deutsche Automobilkonzerne haben? Wohl kaum. Sollten Menschen allein aufgrund ihres Geschlechts und ihres Alters öffentlich lächerlich gemacht werden? Wohl kaum.

Sind das die Umgangsformen dieser neuen und feministisch heilen Welt, die zur Zeit in einer wieder aufflammenden Abtreibungsdebatte sichtbar werden? Steht diese Art und Weise der Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen, wie sie auf der oben beschriebenen Demonstration sichtbar wurde, für den Feminismus, der uns allen eine gerechtere Welt verspricht? Ich glaube nicht. Die Emotionalität der Geschlechterfragen wird aber derzeit leider auch bei vielen anderen Beiträgen in den Traditionsmedien und teilweise auch in der Blogosphäre sichtbar.

Wir sind die Guten

Dabei erinnert mich manchmal die Semantik bei einigen (!) radikalen Vertreterinnen des Feminismus (#RadFems) des Pro/Contra, Wir/Ihr, Gut/Böse so manches Mal an die Religiosität manch radikaler Abtreibungsgegner. Sie erinnert mich an die (vermeintlich) religiös motivierten Reden eines George W. Bush, der seine eigene Welt auch stets in Gut und Böse aufteilte. Die bipolare Sichtweise der Radikalen erinnert mich an die Zeiten des Kalten Krieges, als es uns "Gute" und die "Bösen" im Osten gab. Wenngleich natürlich die gesellschaftlichen Dimensionen der verschiedenen Politikfelder sehr unterschiedlich sind, fällt doch die für den gesellschaftlichen Streit (nicht: Diskurs) gewählte Strategie des Aufbaus eines Wertegegensatzes auf.

Die Sichtweise des Wir/Ihr ist beispielsweise auch nachzulesen im aktuellen Beitrag der Feministin Antje Schrupp, die kein Problem damit hat, vermeintliche "Trolle" als ausschließlich männlich zu betrachten und sowieso in ihrem Beitrag dazu zu tendieren scheint, jede Kritik, die sie selbst nicht nachvollziehen kann, als Trollerei zu bezeichnen. Auch hier taucht es wieder auf; das Feindbild vom weissen hetero-normativen Mann, den als "klassischer Troll" der "generelle Hass auf alles, was seinem Weltbild widerspricht: Ausländer, Linke, Homos, aber gerne auch Politiker_innen, Zeitungen, Universitäten, egal", antreibt (Zitat Ende).

Die bipolare feministische Sicht auf die Geschlechterwelt ist ebenfalls in einem neuen "Artikel" von Sibylle Berg an prominenter Stelle auf SPON sichtbar, in dem sie vom "flachen Geist" der Männer spricht. Auch die ehemals intellektuelle ZEIT gibt den radikalen Feministinnen (#RadFems) Raum, um männliche Diskutanten als "Horden", "verbale Amokläufer", "rechte Meinungskrieger" und "Berserker" zu beschimpfen.

Diese Schwarz-Weiss-Sicht auf die Welt findet sich auch im aktuellen Wahlprogramm, der schwedischen "Feministisk Initiativ", die als feministische Partei zu den letzten Reichstagswahl angetreten war und den Einzug in das Parlament nur knapp verpasst hat. So heißt es auf der Wahlplattform:

In der heutigen Gesellschaft sind Menschen, die nicht der weissen westlichen Norm entsprechen, Rassismus und Ausgrenzung ausgesetzt. Die Konsequenz davon ist, dass nicht-weisse Frauen durch rassistische Geschlechterkonstruktionen ebenfalls Geschlechterdiskriminierung erleben. Geschlechterstrukturen und rassistische Strukturen verstärken und stabilisieren sich damit gegenseitig (eigene Übersetzung).

Hass wohin man(n) blickt

Woher kommt dieser Hass mancher weisser privilegierter westlichen Frauen (aka #RadFems) auf das andere Geschlecht? Kennzeichen jeder extremen politischen Ideologie ist es, Versatzstücke für die Argumentation anzubieten, die Teil eines geschlossenen Weltbildes sind und die gegenüber jeder vernunftbetonten und empirischen Realität immun sind. Es ist dieses sich wiederholende Muster der quasi-religiösen Dämonisierung der Menschen (auch von Frauen), die nicht der eigenen Meinung sind, die hier als Ausweis der Ideologisierung der Debatte interpretiert werden kann.

Die Ideologisierung führt zur Unfähigkeit, eine Position zuzulassen, die sich keiner Seite der Geschlechterdebatte zuordnen lassen möchte. Gerade auch die Berichterstattung über den Start der #HeforShe-UN-Kampagne durch die Rede von Emma Watson zeigt diese Unfähigkeit zu Zwischentönen ganz deutlich. So titelt einerseits VanityFair "Game-Changing Speech on Feminism for the U.N." und betont, dass sich der Feminismus von seinem schlechten Ruf befreien müsse und konsequent im Interesse der Frauen eingesetzt werden muss. Andererseits überschreibt "Der Blick" aus der Schweiz seinen Bericht zur Rede mit dem Titel "Stoppt den Männer-Hass!" und betont die Teile der Rede, in der Watson feststellt, dass der Feminismus zur männerhassenden Ideologie geworden sei. Sie selbst sagt eigentlich am deutlichsten, worum es ihr geht: Um die Gleichheit und die gleichen Chancen der Geschlechter. Warum ist es so schwer, diese einfache sachliche Aussage 1:1 wieder zu geben?

Wie könnte ein Ausweg aus der (teilweisen) feministischen Radikalisierung aussehen?

Die breite Mehrheit der Bevölkerung möchte sich nicht für die radikalen Ansichten der gesellschaftlichen Flügel einspannen und missbrauchen lassen. So kam gerade erst wieder die aktuellen Forsa-Umfrage des STERN zu dem Ergebnis, dass die Gruppe der 18-35-Jährigen nichts mehr mit der Links-Rechts-Dogmatik einer Politik 1.0 anfangen kann. Grautöne sind zunehmend gefragt.

Wieso also konzentrierten sich die Abtreibungsbefürworter auf die Formulierung von #Hatespeech Tiraden anstatt nach der Möglichkeit eines Diskurses zu suchen? Warum wurde der Kritik der Abtreibungsgegner nicht konstruktiv begegnet? Es gäbe viele Fragen, die man in dieser neu aufkommenden Abtreibungsdebatte im Rahmen eines gesellschaftlichen Diskurses stellen könnte:

  1. Ist Abtreibungspolitik eine Gender- oder eine Familienfrage?
  2. Was kann man für Frauen und Familien tun, die vor der schweren Entscheidung bezüglich einer Abtreibung stehen und nicht an feministischen oder religiösen Grundsatzfragen interessiert sind?
  3. 100.000 abgetriebene Kinder pro Jahr sind faktisch ein moralisches Problem in einer Gesellschaft, in der so manchem Haustier mehr Zuneigung entgegen gebracht wird als den Kindern. Dieses moralische Dilemma einer zivilisierten Gesellschaft kann auch nicht dadurch relativiert werden, dass "Tötung" in Anführungszeichen gesetzt wird. 
Wie stehen wir als Gesellschaft zu diesen Fragen? Ich würde dafür plädieren, solche Fragen nicht den Radikalen zu überlassen sondern in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Ich bezweifle, dass der Feminismus in seiner derzeitigen Verfassung diese Aufgabe erfüllen kann. Es war ausgerechnet ein Mann - Jens Stoltenberg, der ehemalige norwegische Ministerpräsident - der nach dem Attentat von Utøya sagte, man müsse auf Hass mit einer offeneren Gesellschaft reagieren.

Die deutsche Traditionspresse müht sich zur Zeit noch im Umgang mit den Kritikern des radikalen Feminismus und fremdelt noch mit der Entdeckung, dass die feminismuskritischen Stimmen doch langsam zahlreicher werden. Der britische The Guardian, der mit Sicherheit nicht im Verdacht steht, Tribüne der Männerextremisten zu sein, ist an dieser Stelle schon weiter und thematisiert inzwischen offen die seit langem vorliegenden Zahlen, die belegen, dass Gewalt ein geschlechtsunabhängiges Problem darstellt und im hohen Maße auch von Frauen in Beziehungen ausgeübt wird. Auch medizinische Zeitschriften und Plattformen betonen inzwischen, dass Frauen in Beziehungen sehr viel öfter als Männer als "Beziehungs-Terroristinnen" agieren. Dass der Spiegel solche Erkenntnisse ins Lächerliche zieht und daraus einen Bericht macht, in dem es darum geht, dass es vor allem die Frauen sind, deren Wünsche in einer Beziehung geachtet werden sollten, ist nur Ausdruck des unsouveränen Umgangs mit einem Studienergebnis, das einer Zeitgeist-Ideologie im Kern widerspricht.

Vielleicht kann der Feminismus aber ja von Jens Stoltenberg (und anderen) lernen; er würde sich selbst und seiner zukünftigen Bedeutung damit einen Gefallen tun.