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Mittwoch, 17. September 2014

AppleWatch oder die Kapitalisierung der Gesundheit 3.0

Ein Gastbeitrag von @drjdeppe

Die gute alte Zeit mit niedriger Lebenserwartung


Über Jahrtausende lag das alleinige Wissen der Analyse und Deutung von Gesundheitszuständen, also der Befund und die Diagnose, bei den Ärzten, die auch das Privileg für die einzuschlagende Therapie hatten. Dieses Monopol führte zu sicheren Honoraren, mit denen den Ärzten die auch übernommene Verantwortung für den Patienten vergütet wurde.

Mit dem Aufkommen von Geräten zur Selbstdiagnose (Gewicht, Blutdruck, Blutzucker, Herzfrequenz etc.) wurde es denen, die es wollten, ermöglicht, selbst einige Parameter ihrer Gesundheit zu überwachen und, wenn es erforderlich sein sollte, zum Arzt zu gehen, der dann die weitere Diagnostik und Therapie übernahm. Mit diesem Transfer einfacher Befunderhebung in die Eigenverantwortung konnten alle gut leben. Mit dem Verkauf dieser Geräte konnte die Industrie eine stärkere Teilhaberin an der Kapitalisierung der Gesundheit der Menschen werden, allerdings blieb auch die Beziehung zwischen Patient und Arzt weitgehend unangetastet.



Diese Sensoren zur Selbstdiagnostik sind nicht miteinander vernetzt, zur Protokollierung reichen Papier und Bleistift und die Analyse der gewonnenen Daten obliegt dem Patienten und dem Arzt.

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Die Sensoren unserer Smartphones können nicht unbedingt mehr, aber sie sind besser vernetzt. Und um mehr Daten gewinnen zu können, müssen uns diese Geräte näher kommen. Ein Chip unter der Haut, der per NFC mit dem Smartphone kommuniziert, wäre ideal, aber so weit ist die Menschheit leider noch nicht. Bleibt zunächst mal der Pulsschlag des Menschen. Wie bekomme man ihn dazu, dass er ihn verrät? Man verkauft ihm eine Uhr, die tolle Sachen mit ihrem Display kann und schauen Sie mal hier, sie vibriert, wenn Ihnen jemand eine Nachricht gesendet hat. Und ach, ja, da auf der Rückseite ist auch so ein Sensor für Ihren Pulsschlag. Die Uhr ist das trojanische Pferd, das den Sensor transportiert.

Es gibt großartige Apps, mit denen ich auf dem iPhone sehen kann, wie viel ich mich bewegt habe und ob ich fit bin…

Ich kann es sehen?

Dummkopf!

Apple kann es sehen.

Interessanterweise ruft das weder Patientenrechteorganisationen noch Ärzteverbände auf den Plan, sondern den Staatsanwalt

Nach der Denudierung des Individuums in seinem ökonomischen und sozialen Verhalten durch Big Data ist dies der nächste Schritt in der Selbstaufgabe der Privatsphäre. Dieses Mal ist es unsere Gesundheit, die abgezapft wird. Nicht zum Wohl des Einzelnen, sondern zunächst zum Füttern von Algorithmen, die am Ende darüber entscheiden werden, ob jemand eine Kranken- oder Lebensversicherung abschließen kann oder, zum Beispiel, ein Anspruch auf eine aus Sicht des Kranken dringende Herzoperation besteht.

Diese Algorithmen und die AppleWatches, die unsere Daten absaugen, sind ein weiterer Schritt in der Kommerzialisierung der Gesundheit. Keiner der Konzerne, die diese Daten vermarkten, kann oder will jedoch Verantwortung für die Gesundheit eines einzelnen Patienten übernehmen. 

Und keiner dieser Algorithmen wird empathisch, mitfühlend und zu ärztlichem Handeln in der Lage sein.

Der Niedergang des “informed consent”

Eine intakte und von Mitmenschlichkeit geprägte Beziehung zwischen Patient und Arzt basiert auch auf dem, was wir “informed consent” nennen; das heißt, dass eine Behandlung oder irgendetwas, das Konsequenzen für die individuelle Integrität hat, erst dann erfolgen darf, wenn der Patient voll aufgeklärt in die Maßnahme einwilligt. Dieses Prinzip ist eine direkte Konsequenz aus dem Umgang mit Menschen im Dritten Reich.

Mit der Übereignung unserer Gesundheitsdaten werden wir unfreiwillig alle zu Patienten.

Dabei bricht der Grundsatz des “informed consent” weg, denn wie Shoshana Zuboff in ihrem brillianten Aufsatz für die FAZ, schreibt, nehmen uns die Unternehmen die Daten, ohne uns gefragt zu haben, und setzen uns dann den Konsequenzen aus.

Damit gehören zum ersten Mal Gesundheitsdaten nicht mehr den Patienten. Interpretiert und angewendet werden sie nicht mehr unter ärztlichen Gesichtspunkten zum Wohl des Einzelnen, sondern sie werden kapitalisiert von Dritten. Die Folgen dieses ParadigmenwandelsT sind nicht abzusehen. An uns Ärzten läge es, dazu beizutragen, dass die Digitalisierung das Wohl und die Lebensqualität des Patienten mehrt - und nicht Profite Dritter. Patienten und Ärzte müssen dafür kämpfen, das unsere intimsten Daten intim bleiben.

Und glaubt ihnen einfach nicht, wenn sie sagen, dass sie mit Datenhehlerei nicht Geld verdienen wollen.