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Freitag, 29. August 2014

Die #DigitaleAgenda sollte mehr als Gedöns sein

Das Zustandekommen der Digitalen Agenda war ein schönes Beispiel für das Aufeinandertreffen von Off- und Online-Kultur und sagt viel über die Notwendigkeit, politische Prozesse neu zu denken, aus. Ein kleines bisschen ist man versucht, einen Vergleich zum "Gedöns" des ehemaligen Bundeskanzlers Schröder zu ziehen, als er sich ehemals herablassend über Sozial- und Familienthemen geäußert hatte. Im Folgenden habe ich daher einige Leseempfehlungen zusammengestellt, die dazu dienen könnten, eine Vorstellung davon zu bekommen, wie diese Digitalisierung politisch operationalisiert werden könnte. Politik muss endlich aufhören, Digitalisierung nur als technisches Gedöns zu betrachten; es geht um die politischen und sozialen Implikationen der Technik.

Digitalisierung und die Kommunen

@wkaczoro hat das Buch (ganz der Zielgruppe entsprechend) "Die smarte Stadt - Den digitalen Wandel intelligent gestalten" geschrieben, in dem er sich ausführlich mit den (positiven!) Folgen der Digitalisierung für die Bürger, die Infrastruktur und die kommunalen Dienstleistungen beschäftigt. Ein solches Buch, dass die Digitalisierung in einen gesellschaftlichen und konkreten Kontext einordnet war überfällig und sei allen politischen Entscheidern dringend empfohlen. Was bedeutet Digitalisierung des Alltags für die kommunale Verwaltung, die Wertschöpfung vor Ort, die Nutzung von Daten, die Partizipation der Bürger, die Bildung, das Gesundheitswesen und schließlich die Mobilität in der Stadt? Das Verdienst des Buches ist es, dass es das Digitale politisch operationalisiert.

Foto: Ole Wintermann
Digitalisierung und der Journalismus

Der Konferenzbericht (eigentlich lese ich diese ja nie) "Groundbreaking Journalism", der gemeinsam vom iRightsLab und dem Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation vor kurzem herausgegeben wurde, beschäftigt sich mit den wirklich weitreichenden Fragen, mit denen sich Journalisten, die mal gerade nicht mit hausinternen Streitigkeiten befasst sind, mal intensiver auseinander setzen sollten. Während der deutsche traditionelle Journalismus jahrelang damit beschäftigt (abgelenkt?) war, eine Abwehrschlacht gegen die Blogosphäre zu organisieren, passiert bereits zunehmend etwas, was Experten vor 20 Jahren noch für ausgeschlossen gehalten hätten: Journalisten werden zunehmend durch Algorithmen ersetzt. Das ist allerdings nur auf den ersten Blick erstaunlich, beim zweiten Blick jedoch folgerichtig. Journalisten filtern und bewerten Informationen. Dies können Algorithmen auch erledigen. Das anschließende Schreiben erfolgt dann mit automatisch erstellten Textbausteinen. Sich dagegen zu wehren, macht keinen Sinn. Sich wie bspw. Richard Gutjahr beständig zu fragen, wie der Journalismus der Zukunft aussehen könnte, ist die nachhaltigere Verhaltensvariante. Als Nächstes wird es infolge der Nutzung von BigData übrigens die Ärzte treffen. Ob sie es ahnen?

Foto: Ole Wintermann

Digitalisierung und die politische Kommunikation

@ChristophKappes und @leonard_novy haben sich mit ihrem Sammelband "Medienwandel kompakt 2011-2013" der Aufgabe gewidmet, ein seltsames Defizit speziell in der deutschen Debatte um die Digitalisierung zu adressieren. So stellen sie im Vorwort fest: "Diese Kluft (zw. Online und Print) trug dazu bei, (...) dass Fragen wie die nach den politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung lange merkwürdig unterbelichtet blieben". Ende 2013 war jedoch durch die Snowden-Enthüllungen und die Datensammel-Tätigkeiten von Google sowie die Ausweitung der Cloud-Angebote durch US-Firmen deutlich geworden, dass all diese Netzsachen irgendetwas mit der Offline-Welt zu tun haben könnten. Die Herausgeber haben daraufhin nach transparenten Kriterien die relevantesten Blogs der letzten 3 Jahre identifiziert und in Print-Form herausgegeben. Damit ergibt sich die Gelegenheit, die im Online-Bereich schon länger geführte Debatte über die Auswirkungen der Digitalisierung nunmehr auch einer Zielgruppe näher zu bringen, die das Netz bisher nur als vorübergehenden Hype begriffen hat.

Foto: Ole Wintermann
Bekannte Akteure der Blogosphäre wie Jens Best, Markus Beckedahl, Johnny Haeusler, Michael Seemann, Stephan Dörner, Robin Meyer-Lucht und Sascha Lobo sowie viele Andere schreiben über die Themen der digitalen Umwälzung, Fragen der rechtlichen Implikation und der wirtschaftlichen Folgen, die Rolle von Google und Co. und den Umgang der Politik mit der Herausforderung. Es freut mich, dass Oliver Bildesheim und ich mit unserem Beitrag "Warum wir endlich eine Politik 2.0 benötigen" ebenfalls in den Sammelband aufgenommen worden sind.

Digitalisierung und die Bildungspolitik

Was haben eigentlich die Demografie, die Digitalisierung, Bildung und die Rentenzahlungen miteinander zu tun? Diese Frage habe ich versucht, in meinem Beitrag "Demografie und Bildung 2.0: Von der Kreidezeit in die Zukunft. warum wir das Internet für ein zukunftsfähiges Bildungssystem brauchen" in dem von Jörg Trommel herausgegebenen Sammelband "Generationengerechte und nachhaltige Bildungspolitik" darzustellen.

Foto: Ole Wintermann
Das fehlende Verständnis für eine Politik 2.0, die um sich selbst kreisende Debatte und die "richtige" Bildung, die Verteilungsdebatte zwischen Alt und Jung bei knapper werdenden finanziellen Ressourcen sind die Gründe dafür, dass diese Oberthemen immer nur isoliert betrachtet werden. Die Digitalisierung der Bildung kann jedoch zu Ressourceneinsparungen und Produktivitätssteigerungen führen, von denen die Rentenbezieher einer alternden Gesellschaft profitieren können, ohne dass die jüngere Generationen an der Bildung sparen muss, so meine These. Eine Kurzfassung des Textes findet sich hier in unserem Bildungs-Blog.

Digitalisierung und die Kultur

Abschließend sei noch auf die 2. Ausgabe des digitalen Wandels des Internet und Gesellschaft Collaboratory hingewiesen. "Der Digitale Wandel" versucht, mit Hilfe des dezidierten Fokus auf das Print-Format, eine Brücke zwischen den On- und Offline-Kulturen zu bauen. 


Julia Schönborn fragt unter der provokanten Überschrift "Internet. Kann das weg?" nach Ursachen für die Technikskepsis der Älteren unter uns. Diese Technikskepsis führe dazu, dass die Jüngeren unter uns in regelmäßigen Abständen medial als internetsüchtig abgestempelt würden. Das eigentliche Problem aber, so Schönborn, sei die staatliche Massenüberwachung, die aber politisch geschickt durch die Debatte über das "böse" Internet bewusst überlagert würde. 

In eine ähnliche Richtung argumentiert Mercedes Bunz in ihrem Beitrag "Digitales Spiegelkabinett: Unsere gestörte Beziehung zum Internet ist reif für eine Kur". Gerade die Mischung aus konservativer Technikablehnung und der linken Vorstellung vom anarchischen Netz habe eine Chimäre aufgebaut, die zum Irrglauben des freien Netzes geführt habe, das nicht überwacht und marktwirtschaftlich ausgenutzt werden könne. Diese Unbedarftheit sei eine der Ursachen dafür, dass wir uns nicht um die Sicherheit des Netzes gegen Überwachung gekümmert hätten. Sie appelliert an uns, bei der gerade anstehenden Weiterentwicklung zum Internet der Dinge nicht denselben Fehler nochmals zu begehen sondern dieses Mal von Anfang an darauf zu achten, ob nur die Heizung per Netz gesteuert werden könne oder damit auch gleich die Wohnung Gegenstand von Ausspähungen werden könne.

Ulrich Klotz beschreibt unter dem bewusst doppeldeutigen Titel "Arbeit ohne festen Arbeitsplatz" die Zukunft der Arbeitswelt. Der Zwang zur Verarbeitung immer größerer Informationsmengen, der Trend zur Verflüssigung der Unternehmensstrukturen, der Widerspruch von Taylorscher Hierarchie und dem Wettbewerb des Netzes um die besten Ideen sowie die damit einhergehenden veränderten Anforderungen an den Arbeitnehmer (Flexibilität, Kreativität, Empathie, Haltung) seien die großen Veränderungen des Arbeitsmarktes in den nächsten Jahren.

Marian Schreier stellt in seinem Beitrag "Digitalisierungsdebatte: Mehr Institutionen, bitte" fest, dass es eben nicht nur in der Politik ein Nachholbedarf bezüglich des Verständnisses der Auswirkungen des digitalen Wandels gebe: "Schwerer als die Leerstelle bei der Bundesregierung wiegt allerdings die Lücke in der Wissenschaftslandschaft. Es gibt bislang keine wissenschaftliche Institution, die sich der gesamten Bandbreite der Digitalisierung und ihrer Folgen verschrieben hat." 

Weitere Themen der Ausgabe sind das Leistungsschutzrecht und die Google/Facebook-Debatte, das Recht auf Vergessenwerden und ein spannender Dialog über die Wechselwirkung von nationalstaatlich geprägten Regulierungen und dem globalen Charakter des Netzes.

Vielleicht war die Aussage von Marian Schreier über die allgemeine Unkenntnis die vorweggenommene (wahrscheinlich aber nicht intendierte) Entschuldigung für die fehlgeschlagene Vorlage der Digitalen Agenda durch die Bundesregierung. Kein Experte aus keinem Bereich von Wissenschaft, Kultur, Politik und Wirtschaft kann schon heute eine Geschichte der digitalen Umwälzung und ihrer Wirkung auf uns alle erzählen, weil entsprechende Erfahrungswerte und Analysen noch gar nicht vorliegen.

Dies wäre vielleicht die geeignete Argumentation dafür gewesen, den Prozess der Erstellung der digitalen Agenda von vornherein offen zu gestalten, da weder die einzelnen "Ressorts" der Bundesregierung noch die Netzgemeinde für sich das Wissen über die Folgen der digitalen Welt für sich verbuchen können. Zusammen hätte man aber für uns alle mehr erreichen können. Diese Chance ist leider nicht genutzt worden. Das ist das eigentlich Tragische.