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Donnerstag, 24. Juli 2014

Ist Hochsommer eine "Mordsgaudi" oder sollten wir besser nachdenken?

Eine Mordsgaudi oder eventuell auch einfach tödlich?

Bis zum Jahre 2050 ist mit einem Anstieg der jährlichen globalen Hitzetoten infolge des Klimawandels um über 250% im Vergleich zum Jahre 2000 zu rechnen. Mit jedem Grad, das über dem Wert, bei dem die Zahl der durch die Temperatur ums Leben Gekommenen ein Minimum erreicht (bezogen auf London liegt dieser Wert bei 20 Grad), liegt, steigt die Mortalität der Bevölkerung um 2%.

"Hochsommer in Deutschland: Mordshitze, Mordsdurst, Mordsgaudi" titelte SPON am Wochenende und ich frage mich langsam, ob die Hitze vielleicht (negative) Auswirkungen auf den "Qualitätsjournalismus" hat. So heißt es im Teasertext des Artikels "So fühlt sich der Hochsommer an: Temperaturen bis zu 37 Grad, blauer Himmel, kaum ein Lüftchen - und das pünktlich zum Wochenende". Ich frage ich: Gehts noch? Bei 37 Grad steigt die Zahl der klimabedingten Todesfälle um ca. 40%.

Foto: Ole Wintermann

Leben wir in der schon damals von BK Kohl so genannten Freizeitgesellschaft, die angesichts solcher tropischen Temperaturen und hohen Luftfeuchtigkeiten nichts anderes mehr macht als zu Grillen und am Badesee, Schwimmbad oder Strand zu liegen? Begleitet werden diese Urteile in schöner Regelmäßigkeit von einem bekannten Wetter-Ansager (dem Ben) im ÖR, der "37 Grad" in kindlicher Aufgeregheit ausspricht und sich dabei die Hände so intensiv reibt als wenn ihm dabei noch kalt sei.

Verblöden wir so langsam? Was sagt die Hälfte der Bevölkerung, die bei solchen Temperaturen arbeiten muss, über diesen scheinbaren Temperaturfetischismus der anderen Hälfte der Bevölkerung - so jedenfalls der mediale verursachte Eindruck - die diesen Temperaturen in den Bädern des Landes Tag für Tag bewältigt? Was sagen die 25% der Bevölkerung, die älter als 60 Jahre sind und diesen Hitzestress noch weitaus stärker wahrnehmen?

"Qualitätsmedien" melden sich aus Klimadebatte ab?

Was ist aus dem Journalismus geworden, der zur Jahrtausendwende regelmäßig über die fehlgeschlagenen Klimakonferenzen berichtete, der einem "Umweltminister" Röttgen kritische Fragen nach der fehlende Verantwortlichkeit machthungriger politischer Entscheider stellte, der den virtuellen Heiligenschein eines Barack Obama das erste Mal in Frage stellte, als auch Obame deutlich machte, dass für ihn in der globalen Klimapolitik "America first" gelte? Was ist aus dem Journalismus, der sich über die verzerrte Berichterstattung in den US-Medien mokierte und inzwischen zusehen muss, wie die US-Institutionen dabei sind, nach den Erfahrungen der letzten Jahren mit Trocken- und Hitzeperioden Boden gut zu machen und die Erfahrbarkeit der Klimaerwärmung in beeindruckend einfacher Weise den Bürgern näher bringen? Auch anderen ausländischen Medien bleibt es inzwischen überlassen darauf hinzuweisen, dass solch große Hitze der Wirtschaft und der Arbeitsproduktivität schadet, dass Depressionen befördert werden, dass die Mordraten ansteigen und dass solche Hitzewellen Tausende Tote nach sich ziehen. So wird gern auf den Hitzesommer 2003 hingewiesen, der in Europa 70.000 Hitzetote mich sich gebracht hat. Wären diese Toten die Folge von AIDS oder einer Wintergrippe, so würde sich schnell ein medialer Aufschrei erheben. Diese gewaltige Zahl an Hitzetoten, die im Übrigen zur Hälfte der besonders alten Bevölkerung in Europa geschuldet war, scheint hingegen schnell vergessen.

Klimawandel = Kulturwandel?

Sekundäreffekte des Klimawandels werden nicht einmal ansatzweise im Mainstream debattiert. Welche Auswirkungen hat die Temperaturerhöhung beispielsweise auf die regionale und nationale Kultur? In den Ländern, in denen schon jetzt die Temperaturanstiege deutscher zu verspüren sind - und dies sind nicht etwa die immer wieder genannten sich entwickelnden Ländern sondern die nördlichen Polarregionen in Skandinavien, Sibirien und Kanada - ist der Wandel der regionalen Kulturen, die seit Menschengedenken auf dem Umgang der Menschen mit der Kälte basierte, schon deutlicher vorangeschritten als in Deutschland, so dass der Faktor der Klimaveränderung bereits Eingang gefunden hat in gesellschaftliche Diskurse.

Aber auch in Deutschland wird irgendwann die Frage gestellt werden müssen - Stichwort Bürokultur - , ob es im Sommer eigentlich noch mit gesundem Menschenverstand zu erklären ist, dass männliche Angestellte bei 37 Grad mit dunklen Anzügen durch die Gegend rennen (weil dies in der alten Weltordnung anscheinend Wichtigkeit ausstrahlte) und ob es im Winter noch angemessen ist, die Weihnachtszeit mit Schnee in Verbindung zu bringen obgleich dieser zu dieser Jahreszeit eher ungewöhnlich zu werden scheint. Wie verändert eine Kultur (Märchen, Weihnachtslieder) ihr Selbstverständnis, wenn "Schnee", "Kälte", "Dunkle kalte Wälder" und "Schlitten" nicht mehr zur Alltagserfahrung der Kinder zählen? Wie gehen die Menschen damit um, dass nicht nur die Jahreszeiten nicht mehr eindeutig zuzuordnen sind, sich zudem die Temperaturen innerhalb ein und derselben Jahreszeit so verändern als wenn es sich um Jahreszeitenwechsel handelte und selbst die Temperaturen zwischen Tag und Nacht nicht mehr eindeutig zuzuordnen und zu unterscheiden sind? Was bedeutet diese körperliche und psychische Beanspruchung für die menschliche Gesundheit?

Wie gehen wir zukünftig mit Hitze um?

Während für Tiere über Lösungen gegen den Hitzestress nachgedacht wird, wird gleiches beim Menschen und seine "Behausungen" nicht angedacht oder hat zumindest bisher nicht Eingang in den Mainstream gefunden (bezogen auf Deutschland). Büro sind zwar zunehmend klimatisiert; private Häuser oder Wohnungen, die klimatisiert sind, sind mir bisher hierzulande jedoch noch nicht begegnet, obgleich sich dort der Lebensmittelpunkt befindet. Sind Kälber am Ende relevanter für die Gesellschaft als Senioren, die still leidend in ihren überhitzten Wohnungen die Tage verbringen müssen?

Was geschieht mit den Bausubstanzen dieser Häuser und Wohnungen infolge der beständig ansteigenden Luftfeuchtigkeiten? Wie müssen Häuser gebaut sein, die regelmäßig einen Wechsel zwischen den hohen Temperaturen in den zunehmend feuchten Sommern und den nach wie vor niedrigen Temperaturen im Winter aushalten müssen? War es vor 20 Jahren noch unvorstellbar, das die Klimaanlage zur Serienausstattung von deutschen Autos gehört, so ist es heute Standard. Wird dasselbe bei der Ausstattung von Häusern eintreten? Wie wirkt sich die Temperaturerhöhung und die steigende Luftfeuchtigkeit auf die gesamte Infrastruktur aus? Schweden, das von der Klimaveränderung mehr betroffen ist als Deutschland, hat all diese Fragen bereits 2007 in einem öffentlichen Kurs thematisiert.

Es ist ja nicht so, als wenn es nicht auch hierzulande bereits interessante und auch für die Allgemeinheit verständliche (interdisziplinäre) Gutachten zur alltagsrelevanten Abschätzung der Klimaerwärmung gegeben hätte. So gab es - ebenfalls - im Jahre 2007 eine vom Kieler IfW im Auftrag des WWF erarbeitete großartige Studie zu den politikfeldübergreifenden Auswirkungen des Klimawandels, die aber leider nicht den Eingang in den Mainstream gefunden hatte. Negative Wirkungen für das Gesundheitswesen (und die Gesundheit) und für die Wirtschaft, der Anstieg der Zahl der Hitzetoten insbesondere in Süddeutschland und die Verstärkung dieser Effekte durch die Alterung der Gesellschaft waren die Hauptergebnisse der Studie.

Etwas mehr Nachdenken, etwas weniger Hitzefetischismus

Es sollte nicht darum gehen, von der Lethargie des Hitzefetischismus übergangslos in eine Panik zu verfallen; es sollte nur einfach langsam die Zeit reif dafür sein, dass wir darüber nachdenken, wie wir uns pragmatisch auf diese anstehenden Veränderungen einstellen wollen. Und nein; häufigere Freibad-Besuche sind keine ausschließliche Option. Vielleicht ist es einfach nur an der Zeit, über diesen medial getriebenen und unkritischen Hitzefetischismus nachzudenken.