.

.

Freitag, 2. Mai 2014

Familienfreundlich sein bedeutet: Menschen ernst nehmen

Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade "Was macht einen familienfreundlichen Arbeitgeber aus" der Bielefelder Firma .comspace

Vereinbarkeit funktioniert nicht: so what?

"Wer Kinder will, kann die Karriere vergessen". So titelte vor kurzem Uwe Hauck im Living the Future-Blog. Dieser Post hat mich dazu bewogen, an dieser Stelle mit einer optimistischeren alternativen Sicht zu antworten. Obgleich er in seinem Text auch die Vorbildfunktion vieler KMUs auf dem Lande betont, stimmte er insgesamt am Ende leider doch ein in den Chor der schätzungsweise 35-50-jährigen Journalisten, die in letzter Zeit in der SZ wie auch der ZEIT schon die mangelnde Vereinbarkeit von Familie/Kindern auf der einen und dem Beruf auf der anderen Seite mit deutlichen Worten beklagt hatten.

Das journalistische Beklagen der mangelnden Vereinbarkeit hat bei der ZEIT scheinbar eine gewisse Tradition. Bereits 2009 wurde unter der Überschrift "Baby-Alarm" über weibliche Vorstände geschrieben, die Mütter geworden sind und infolgedessen bei der Arbeit mit besonderen Herausforderungen der Anerkennung ihrer Leistung zu kämpfen gehabt hätten.

"Ein Kind für den Abstieg" hieß es 2013 bei der ZEIT. Mütter (und Väter) erhielten doch tatsächlich weniger Gehalt, wenn sie längere Zeit ausstiegen oder aber wegen der familiären Betätigung weniger für den Arbeitgeber zur Verfügung stünden. Wenn ich weniger arbeite, bekomme ich weniger Geld? Überraschung!

Die aktuellen Beiträge in der ZEIT und der SZ sind inzwischen - politisch korrekt - natürlich auch von Männern/Vätern verfasst worden; der Grundton des Klagens hat sich aber in keinster Weise verändert. Schuld sind alle Anderen, die Umstände, und überhaupt.... Am Ende ist es gar eine ganze "überforderte Generation", die sich in den Traditionsmedien zu Wort meldet. Im SPIEGEL gab es vor kurzem unter der bezeichnenden Überschrift "Die große Erschöpfung" eine Generalabrechnung mit dem Zustand, in dem sich berufstätige Mütter und Väter in Deutschland befinden. Dabei war sich die Autorin auch nicht zu schade, die Aufteilung der Haushalts-Aufgaben Waschen, Bügeln und Sonstiges zum Gegenstand ihrer Klagen zu machen.

Eine Journalistin - wie auch der SZ-Kollege in seinem fast zeitgleich erschienenen Text zum gleichen Thema - beklagen sich über die Verteilung der Bügel-Aufgaben in Haushalten mit Kindern? Insbesondere der männliche Autor des SZ-Beitrags beschäftigt sich in feministisch vorbildlicher Weise ausführlich mit der Benachteiligungen, die insbesondere Frauen im Falle eines Kindes zu tragen hätten (ist das nicht schon wieder sexistisch da traditionell? Ach, egal.)

Ernsthaft? Der SPIEGEL problematisiert das Bügeln?

Ist dieses öffentliche Jammern um die Aufteilung privater Haushatstätigkeiten vielleicht Teil des eigentlichen Problems? Ist es vielleicht diese öffentlich vorgelebte Opferrolle, die verhindert, dass über die beschriebenen Probleme, die es natürlich gibt, weiter nachgedacht wird? Was sagt es denn über die Wahrnehmung der eigenen Familie und der Verteilung von Aufgaben aus, wenn der "tägliche Kampf" um die Vereinbarkeit als "Hölle" bezeichnet wird?

Diese fatalistische Sichtweise greift mir zu kurz, sie ist zu destruktiv und fragt nicht danach (bis auf die üblichen Forderungen nach mehr Kinderbetreuung, weniger "gläserner Decke", etc.) was konkret denn an grundsätzlichen Fragen des Job-Verständnisses und der Interpretation von Leben und Beruf verändert werden oder auch anders gesehen werden könnte. Die beklagenden Artikel verbleiben in einer sehr konservativen Sichtweise von "Karriere", die in keiner Weise neuere Debatten um Leadership 2.0, Enterprise 2.0 und die Generation Y aufnimmt. Stattdessen wird "Karriere" im klassischen Sinn tatsächlich weiter als das Ideal der eigenen beruflichen Entwicklung gesehen, obgleich doch der allergrößte Teil der Beschäftigten nie in die klassichen "Bestimmerposition" kommen wird und damit ein gewisser Frust vorprogrammiert ist (unabhängig von der Tatsache, dass in den seltensten Fällen inhaltliche Experten und empathische Menschen in "Führungs"positionen zufrieden wären).

Der Frust, der sich daraus ergibt, dass die eigene tatsächliche "Position" in der klassischen Hierarchie nicht den durch die eigene Sozialisation erzeugten Erwartungen entspricht, wurde vor kurzem in der US-HuffPost in einem sehr empfehlenswerten Beitrag als Grund für unglückliche sogenannte G-Ypsies benannt. Anstatt sich solcher interdisziplinär begründeten Perspektiven zu bedienen, genügt sich das deutsche germanistische Feuilliton aber anscheinend vollkommen sich selbst.

CDU-Minister a.D. und Marxisten sind sich einig

Dass - ebenfalls in der ZEIT - dann CDU-Minister a.D, die zeitlebens nach einer konservative Maxime lebend, die Vereinbarkeitsdebatte angreifen, ist nicht weiter überraschend. Interessant ist an dieser Stelle nur, dass sich marxistische Kritik an der steten Verfügbarkeit von"Humankapital" mit der impliziten konservativen Botschaft treffen, dass eine Herdprämie ja letztlich doch nicht das Schlechteste für die Mütter sei, wenn diese zuhause blieben, ist nur auf den ersten Blick zum Schmunzeln, macht es doch auf den zweiten Blick deutlich, dass der großen Mehrheit der Mütter und Väter, die eine pragmatische Lösung für den Alltag jenseits aller Ideologien wollen, damit in keinster Weise geholfen ist.

Hier böten sich aus meiner Sicht die aktuellen Studien oder Umfragen zur Generation Y an, die ja nicht die (in der Vereinbarkeitsfrage frustierten) 35-50-Jährigen im Blick haben, die schon einen gewissen Status erreicht haben, sondern sich vielmehr auf die Berufsanfänger fokussieren. Dass diese Berufsanfänger infolge des demographischen Wandels zukünfig eher eine stärkere Verhandlungsposition in Bewerbungsgeprächen haben werden und damit eher ihre Vorstellungen durchsetzen dürften, ist ein offenes Geheimnis und den Personalern durchaus bewusst.

Generation Y zeigt neue Wege in der Vereinbarkeits-Debatte auf

So hat beispielsweise Gero Hesse von der Medienfabrik Gütersloh eine Studie sowohl zur Generation Y und ihren Erwartungen an die Arbeitswelt herausgegeben; zeitgleich diskutierte er in seinem eigenem Blog eine Umfrage zur Attraktivität zukünftiger Arbeitgeber aus Sicht von Studenten. Die Studie zur Generation Y konnte Gero Hesse auch bei @HuffPostDE platzieren und damit glücklicher Weise einem größeren Publikum als der Leserschaft der Neuen Westfälischen zugänglich machen.

Welches sind die Ergebnisse der in der HuffPost vorgestellten Umfrage?
  1. Eher als in der Vergangenheit wird viel Wert auf das Verbringen von Zeit mit Freunden und Familie gelegt.
  2. 50h Wochenarbeitszeit und ständige Erreichbarkeit werden abgelehnt.
  3. Die Hälfte der Befragten möchten sich die Arbeitszeit frei einteilen können.
  4. Ethisches und moralisches Verhalten des Arbeitgebers aber auch von einem selbst werden stärker gewichtet als ein höheres Gehalt.
  5. 3 von 4 Befragten wollen "die Welt verbessern" und etwas zur Gesellschaft beitragen.
Wenngleich die auf seinem Blog Saatkorn.com vorgestellte Umfrage unter den Nachwuchskräften diese altruistische Einstellung etwas relativiert, stärkt sie doch die Ergebnisse der in der HuffPost vorgstellten Umfrage in einem speziellen Punkt: Als wichtigstes Ziel wird auch dort die Vereinbarkeit von Privat und Beruf genannt.

Mein Vorschlag ist, sich an den Vorstellungen dieser Generation Y stärker zu orientieren und damit zugleich den Herausforderungen des demografisch bedingten Fachkräftemangels sowie der Entwicklung zum Enterprise 2.0 zu begegnen.

Was kann getan werden?

Die Bielefelder Firma .comspace rief zur Monatswende zu einer Blogparade auf, die sich dezidiert der Vereinbarkeit widmen soll und danach fragt, was einen familienfreundlichen Arbeitgeber eigentlich ausmache. Ich denke, dass wir dort in den nächsten Wochen interessante Vorschläge lesen werden können. Ich bin auch der festen Überzeugung, dass diese Beiträge deutlicher konstruktiver und zukunftsgewandt sein werden als die Beiträge in den Traditionsmedien, wenn sie gewohnte Perspektiven und Interpretationen von Karriere, Hierarchie und Persönlichkeitsentwicklung im Beruf kritisch hinterfragen und alternative Interpretatioen anbieten:

Was ist eine "Karriere"? 

Soziale Medien und das Internet stellen heute schon den Jugendlichen und in Ausbildung befindlichen Menschen immer häufiger vor die Frage, wofür man selbst stehen möchte, wie man von anderen wahrgenommen werden möchte, mit welchen Kompetenzen man im Netz auftauchen möchte. Das Beziehen auf traditionelle Merkmale von Status - Dienstwagen, Personalverantwortung, Einkommen - beantwortet aber eben diese eine Frage nicht: Wer bin ich? Die Indikatoren eines tradierten Statusverständnisses erzählen quasi keine im Internet so wichtige "Story" über eine Person und ihre Eigenschaften. Das Bekleiden einer Position und Funktion sagt mir nichts über den Menschen, der diese Funktion wahrnimmt. "Er ist Vorstand" sagt mir nichts über den Menschen. Damit aber widerspricht das tradierte Karriereverständnis der heute so wichtigen Notwendigkeit des "Storytelling".

Wie sieht die Weiterentwicklung des Begriffs der Vereinbarkeit aus? 

Was soll denn eigentlich konkret vereinbart werden? Wenn zwischen "privat" und "dienstlich" getrennt und damit auch balanciert wird, impliziert dies das Vorhandensein von 2 "Ichs"; des dienstlichen und des privaten Ichs. Wie lebt es sich denn aber mit diesen zwei individuellen Perspektiven auf Dauer? Kann ich als grüner Aktivist beim Daimler am Band arbeiten, wenn ich um die umweltzerstörende Wirkung des Autos denke? Diese Widersprüche zwischen der eigenen privaten Meinung und der dienstlich zu vertretenden Meinung gab es auch früher schon. Hier kommt aber nun wieder der erste Punkt des "Storytellings" zur eigenen Person zum Tragen. Ist die authentische Story zum eigenen Ich auf Facebook oder in sonstigen sozialen Medien vereinbar mit der dienstlichen Tätigkeit und den Auffassungen, die ich dort zu vertreten habe? Im Idealfall überschneiden sich dienstliche und private Story. Kann (oder will) ich in diesem Idealfall aber überhaupt beide Sphären trennen?

Familienfreundlichkeit bedeutet: Menschen ernst nehmen

Angestellte sollten, wenn es um Vereinbarkeit geht, vor dem Hintergrund der gewandelten Bedeutung der eigenen Arbeit in Zeiten des Netzes (dies trifft natürlich längst nicht auf alle Angetellten-Verhältnisse zu) mit einem anderen Selbstverständnis an den Arbeitgeber herantreten.

Die aus dem industriellen Zeitalter stammende Logiken der Anwesenheitskultur, Hierarchie als Argument, ortsgebundenes Arbeiten, Prozessfixierung und die klassische Einteilung in intern und extern sind heutzutage in Zeiten von Leadership und Enterprise 2.0 nicht mehr die geeigneten Instrumente, um der zunehmenden Flexibilität der Produktionsweisen und Formen der Dienstleistung zu entsprechen.

Arbeitnehmern sollte die Möglichkeit gegeben werden, in den Bereichen eines Unternehmens zu den zeitlichen Konditionen zu arbeiten, die den Präferenzen des Arbeitnehmers entspricht. Stellen sie ihren Angestellten die Infrastruktur zur Verfügung, die diese zur Erfüllung ihrer Tätigkeiten benötigen. Führen sie Unternehmensbefragungen durch, um rechtzeitig Probleme oder aber auch neue Idee für die eigene Produkte zu identifzieren. Richten sie einen Firmenblog ein. Suchen sie nach neuen Wege der Entscheidungsfindung, um die mittlere interne Lähm/Lehmschicht zu umgehen. Geben sie innovativ denkenden Angestellten ein kleines Budget an die Hand, um eigene Ideen und Projekte zu entwickeln und umzusetzen.

Familienfreundlichkeit ist mehr als Home Ofice und Kita-Öffnungszeiten

Nur in diesen Fällen erhält der Arbeitgeber auch die optimale Leistung des Arbeitnehmers. Diese Erkenntnis ist eigentlich vollkommen simpel aber unter den gegebenen Umständen schwierig umzusetzen. Dies setzt einen Arbeitgeber voraus, der seine Arbeitnehmer als Menschen mit seinen Präferenzen und Kompetenzen genau kennt und ernst nimmt und damit wertschätzt. Die aus dem Industriezeitalter herrührenden internen Prozesse von Unternehmen sind darauf noch nicht wirklich zugeschnitten.

Sich für diese modernere Sichtweise eines Arbeitslebens einzusetzen, wäre aus meiner Sicht zielführender als zum x-ten Male die unzureichenden Öffnungszeiten einer Kita anzuprangern und sich darüber zu empören. Eine Ausweitung der Öffnungszeiten der Kita um 1 Stunde hilft mir nicht dabei, ein zufriedenerer Arbeitnehmer zu werden. Und es macht mich auch nicht glücklicher, wenn der Partner/die Partnerin zukünftig einen Tag in der Woche bügelt.