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Freitag, 30. Mai 2014

"Digitale Trends" by @kpcb: Viel "Mobil" und "China", wenig "Europa"

Die Berater-Firma "Kleiner Perkins Caufield & Byers" hat vor einigen Tagen einen ihrer wie so häufig informationsdichten Foliensätze bei Slideshare online gestellt. In diesem Fall ging es um den Stand der globalen Digitalisierung, die gegenwärtig erkennbaren Trends und sich daraus ergebende Frage nach zukünftigen digitalen Geschäftsfeldern.

Zukunftstrends: Mobile Digitalisierung und digitale Mobilisierung?
Aus europäischer Sicht ist die Analyse niederschmetternd. Wenn man sich die vergeblichen Bemühungen der Bundesregierung, aus der bisherigen deutschen analogen Agenda eine digitale Agenda zu machen, sowie die globalen digitalen Kräfteverhältnisse anschaut, so bleibt wenig Raum für die Hoffnung, dass sich im weltweiten Spiel der digitalen Kräfte mittelfristig auch nur ansatzweise die Chance für ein europäisches Internet-Unternehmen auf dem Weltmarkt ergeben könnte.

Anbei habe ich einige der wichtigsten Punkte dieses 164-Folien-Konvoluts zusammengefasst:
  • Der Anteil der Netznutzung, die über mobile Endgeräte stattfindet, ist mit 16% aller Nutzungen in Europa im weltweiten Vergleich am geringsten.
  • 6% der Weltbevölkerung nutzen Tablets; damit liegt dieser Wert nur noch knapp unter den 10% der Weltbevölkerung, die Desktop PCs nutzen.
  • Der weltweite Markt der netzbasierten Werbung wächst seit Jahren um jährlich 15%; der Anteil der Werbung auf mobilen Devices nimmt beständig zu.
  • Der Umfang des Venture Kapitals, das US Firmen zur Verfügung steht, liegt gegenwärtig immer noch 77% unter dem Niveau des Boom-Jahres 2000.
  • Digitalisierung und Bildung: Der Bildungsmarkt wird zunehmend personalisiert und von Zertifikaten unabhängig; die Logik des personalisierten Bildungsangebotes folgt derselben der Logik des App-Marktes mit seinen stark sinkenden Stückkosten bei eine steigenden Zahl von Nachfragern.
  • Digitalisierung und Gesundheitswesen: Steigende Kosten im Gesundheitswesen könnten zunehmend durch Apps zur eigenen Gesundheitssteuerung sowie Vorsorge und Digitalisierung von Prozessen aufgefangen werden (Consumerization of Healthcare). 
  • Der App-Trend geht in Richtung monofunktionaler Apps sowie unsichtbarer Apps, die erst dann in Aktion treten, wenn sie in einem vorab definierten Kontext relevant werden (Foursquare)
  • Apps mit einem nicht funktionalen menschorientierten U.I. werden zukünftig keine Chance mehr am Markt haben.
  • Der nächste anstehende Trend im Online-Shopping ist das taggleiche Anliefern der Ware und damit der Ausgleich einer der letzten Wettbewerbsnachteile gegenüber den örtlichen Händlern.
  • Dieser Trend verbindet sich mit dem Trend zum virtuellen Geld.
  • Gegenwärtig ist zu beobachten, wie die Trennung zwischen Produzenten, Konsumenten und Community zusehends aufgehoben wird. Die Konsumenten-Community wird immer mehr zur Produzenten- und Dienstleistungs-Community.
  • Damit wird aber Teilen und Kommunizieren immer stärker zum Tool, um globalen komplexen Herausforderungen zu begegnen. Dies geschieht u.a. durch das Auffinden und Deuten von Mustern innerhalb von Big Data.
  • Der Einzelne wird zum Datenproduzenten und Datenlieferanten, ohne dass bisher der Konflikt zwischen der Datenerzeugung/verwertung und der persönlichen Datensouveränität gelöst wäre.
  • Kennzeichen cloudbasierter StartUps: Neue Wege der Datengenerierung und temporären Datenspeicherung zu kombinieren mit einer erhöhten Geschwindigkeit beim Ausführen tradierter Prozesse (Anm.: Hört sich simpel an? Wieso machen es dann traditionelle Groß-Unternehmen nicht ganz einfach).
  • 34% des digitalen Datenstroms könnten für Analysen sinnvoll sein, nur 7% sind getaggt, nur 1% dienen aktuell diesen Analysen.
  • Aber: Die Kosten der Analyse von Daten haben sich in den letzten Jahren - bezogen auf eine Analyse des menschlichen Genoms - um den Faktor 100.000 reduziert.
  • Daten, die für die Analyse geeignet sein könnten, entstammen aus Health Wearables, House Monitoring, Mediennutzungsverhalten, App-Nutzungsverhalten sowie Datenübertragung und Cloud-Nutzung.
  • In stark gealterten Gesellschaften wie Deutschland oder Italien verbringen die Menschen tendenziell weniger Zeit vor Bildschirmen; wenn sie dies tun, nutzen sie relativ stärker als jüngere Gesellschaften den Fernseher.
  • Apps ersetzen zukünftig TV-Sender in der Führung der Nutzer durch ein Programm.
  • Zusätzlich erhalten TV-Sender Konkurrenz von Live-Übertragungen von Video-Spielen.
  • Die Änderung der Sehgewohnheiten findet v.a. in den Gesellschaften statt, die deutlich stärker von jüngeren Menschen geprägt sind.
  • China und Indien sind gerade dabei, ihre jahrhundertlang gehaltene Spitzenposition beim Anteil ihres GDP am globalen GDP wieder zurückzuerobern.
  • China holt mit seinen eigenen Internet-Firmen allein aufgrund der Größe des Heimatmarktes gegenüber den US-Firmen deutlich auf; Europa findet quasi nicht statt.
Das Bemerkenswerte und aus meiner Sicht wenig schmeichelhafte für die US-Berater ist die strikte und einseitige Ausrichtung der Analyse auf die Präferenzen der US-Nutzer. Ausländische Firmen sowie ausländische Märkte finden in keiner Weise statt. Es wird so getan, als wenn die gesamte Weltbevölkerung sich so verhalte wie der Durchschnitts-US-Bürger. Dies ist umso erstaunlicher als dass 79% der User, die die Seiten der großen US-Internetfirmen regelmäßig besuchen, Nicht-US-Bürger sind.

In einer globalisierten und vernetzten Welt sollte interkulturelles Management eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Das Unverständnis, mit dem US-Internetfirmen lange Zeit auf die europäische Datenschutzdebatte geschaut haben, zeigt den großen Lernbedarf von US-Analysten und -Entscheidern in diesem Punkt. Datenschutz wird bei dieser umfangreichen Foliensammlung von 164 Folien gerade mal auf einer einzigen Folie angesprochen.

PS: Man sollte von einer bekannten Berater-Firma eigentlich auch professionell gemachte Folien erwarten dürfen. Es scheint aber so zu sein, und die NSA-Folien haben diesen Nebenaspekt auch schon deutlich werden lassen, dass die Gestaltung von Folien nicht die Stärke von Angestellten in einem Land ist, aus dem PowerPoint stammt.