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Samstag, 5. April 2014

Zukunftsthema Globale Interdependenzen: NASA sagt gesellschaftlichen Zusammenbruch voraus

Vor kurzem erregte eine aktuelle NASA Studie erst in englischsprachigen Medien und dann nach über einer Woche endlich auch in den deutschsprachigen Medien für Aufmerksamkeit. Der Guardian, der wie so oft in den letzten Jahren, als führendes Medium für solch spannende Zukunftsfragen aufgetreten ist, titelte: "Nasa-funded study: industrial civilisation headed for 'irreversible collapse‘? Einige Tage später legte Nafeez Ahmed vom Guardian, bestärkt durch die - im Gegensatz zur hierzulande - immense Leserresonanz nach und titelte: "The global Transition tipping point has arrived - vive la revolution".

Die Wichtigkeit und letztlich auch Relevanz dieser Studie kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Allein: die politischen und wirtschaftlichen Entscheider werden dies so nicht erkennen.

Worum ging es in der Studie?

Im Gegensatz zu den üblicher Weise genutzten Ansätzen des Scenario Building, das zumeist versucht zukünftige Kontexte anhand von holistischen, vernunftbetonten Einsichten in gesellschaftliche Kontexte zu beschreiben, basierte die Studie, so Ahmed, auf einem mathematischen Szenario-Modell, das sich u.a. aus historischen Daten speist. Angelehnt an die schon in „Collapse“ von Jared Diamond verwendete Idee vom zyklischen Aufstieg und Fall von Gesellschaften (wenngleich natürlich auch Diamond diese Idee aufgebracht hatte), stellt die NASA Studien diesen Zyklus in einen empirischen gegenwartsbezogenen Kontext.

Es extrahiert als bestimmende negative Determinanten des Falls von Gesellschaften die Bevölkerungsentwicklung, den Klimawandel, den Zugang zu Trinkwasser, den Zustand der Landwirtschaft und die Verfügbarkeit von Energie. Wenn diese Faktoren mit der Überbeanspruchung der natürlichen Ressourcen einerseits und der (dauerhaften) sozialen Teilung der Gesellschaft zusammentreffen, ergeben sich, so die Studie, Entwicklungen, die unausweichlich zum Kollaps der Gesellschaft führen. Technik kann, so die Studie weiter, keine Lösung für das Problem darstellen, da es tendenziell und langfristig in der Folge der Anwendung immer zu höheren Ressourcenverbrauch führt.

Das Interessante an der Studie ist aber am Ende, dass nicht der Ressourcenverbrauch die primäre Ursache des gesellschaftlichen Zusammenbruchs darstellt, sondern vielmehr die soziale Teilung der Gesellschaft. Da die Eliten zu lange in einer eigenen Lebens-Filterblase leben, erkennen sie nicht rechtzeitig die weiten gesellschaftlichen Implikationen ihres elitären Tuns und werden durch den Zusammenbruch am Ende überrascht.

Ahmed betont: „What we are seeing are (…) interconnected symptoms of the unsustainability of the global system in its current form.“

Steigende Lebensmittelpreise, die Konzentration des weltweiten Vermögens in den Händen weniger „Super-Unternehmen“, die Landnahme weiter Flächen armer Länder durch moderne Landlords und Unternehmen, explodierende Preise fossiler Energieträger und die weitere Bevölkerungsexplosion bei Beibehaltung eines gesellschaftlichen Elitensansatzes sind die Faktoren, so der Autor, die im Moment  durch ihre gegenseitige Wechselwirkung einen Kollaps sehr wahrscheinlich erscheinen lassen.

Er stellt am Ende fest: "Faced with the overwhelming scale of the multiplicity of global challenges we now face, a sense of disempowerment is understandable."

Dass dann ausgerechnet ein Brite bei der Frage nach Lösungsansätzen auf den weitreichenden systemischen Ansatz der deutschen Energiewende hinweisen muss, während wir hierzulande erst mit der Atomlobby und seit der Groko mit der Kohle-Lobby zu kämpfen haben, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Die mit der Energiewende verbundenen Änderungen der Paradigmen der ausbeuterischen Energiegewinnung, der Verschmutzung der Lebensgrundlagen und der zentralistischen und oligopolischen Struktur der Industrie hin zu einer Demokratisierung der Energiebereitstellung und der CO2-freien Emission besitzen vor dem Hintergrund der NASA Studie eben systemändernden Charakter.

Können, wollen, müssen Entscheider nicht systematisch denken?

Nun kann man sich fragen, wieso dies hierzulande durch die Entscheider nicht erkannt wird (was diese selbst natürlich mit Entrüstung von sich weisen würden)? Auch wir hatten vor ca. 2 Jahren eine thematisch ähnliche - wenngleich methodisch im Vergleich zur NASA-Studie nicht so high sophisticated - Studie herausgegeben, die sich mit der Interdependenzen der Megatrends befasst hat. Nicht zuletzt hatte unser Projekt www.futurechallenges.org, aus dem unsere Studie auch stammte, ursprünglich das Ziel, genau diese ganzheitliche Sichtweise auf globaler Verbindungen zu befördern.

Der Autor des Guardian geht an dieser Stelle diesen letzten Schritt der Frage nach der Vermittlung der Ergebnisse nicht. Meine Thesen auf Basis der eigenen Erfahrungen mit der Vermittlung dieses komplexen Themas im Zuge der damaligen Studie sind daher:
  • Die Hybris vieler Entscheider, die vermeintliche „Wahrheit“ zu kennen und die zu Entscheidungen Berufenen zu sein, verhindert ein Erlernen neuer Paradigmen und eines neuen Framings. Das Biotop der Entscheider enthält quasi keine Mechanismen zum Zwang zur Anpassung an veränderte Entscheidungsrahmen.
  • Interdisziplinäre Sichtweise sind nach wie vor kein Standardbestandteil der Vermittlung in den meisten Fächern der Universitäten. Im Gegenteil wird Interdisziplinarität allzu häufig mit einem negativ konotierten Generalismus gleichgesetzt. Problematisch wird diese extreme Fachlichkeit zunehmend, da mit dem Internet die Informationsgrundlage dafür vorliegt, dass fachlich vermeintlich richtige Entscheidungen schneller als früher durch fachfremdes Wissen von außerhalb des eigenen Forschungsbereichs als falsch erkannt werden kann oder in seinem Wahrheitsanspruch relativiert werden muss.
  • Politik und Wirtschaft haben nach wie vor keinen Weg gefunden, die mit dem Internet und dem Internet der Dinge anfallenden Big Data Umfänge sachgerecht zu verarbeiten. Politik und Wirtschaft sind in keiner Weise auf die Entscheidungswelt 2.0 vorbereitet. Während im Bereich der Programmierung und des Social Media Campainging nicht umsonst das Beta-Denken das handlungsleitende Paradigma darstellt, meint man in den traditionell denkenden und handelnden Hierarchien klassischer Unternehmen und Politik nach wie vor, stets eine „endgültige“ und „Einzig wahre“ Entscheidung treffen zu können und zu müssen. 

Worin könnte die Lösung liegen?

Eine eindeutige Antwort auf diese Frage käme der Hybris gleich, für jedes Problem auch zeitnah eine Lösung zu haben oder diese zumindest schnell erreichen zu können.

Sollte es daher nicht vielmehr erst mal darum gehen, die miteinander verbundenen globalen Wechselwirkungen ansatzweise zu erkennen und zu verstehen? Während die Klimaforschung sich genau auf diesem Weg befindet, ist bspw. die ökonomische Forschung nach wie vor der Meinung, die Welt mit ihren Modellen bereits abbilden zu können. Vielleicht sollte es der erste Schritt, diesen Modelltheoretikern in der Wissenschaft, den Alpha-Gestalten in der Wirtschaft beizubringen, dass sie genau auf dem Weg der Elite sind, die die NASA Studie als Voraussetzung für das Scheitern der Gesellschaft beschreibt.