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Samstag, 11. Oktober 2014

Alexander Bard : "The major conflicts of the 21st century are going to be between the old and new elites"

Update, 11. Oktober 2014

Da sich hierzulande die gesellschaftliche Diskussion um das Digitale häufig leider sehr stark auf netzpolitische Grundsatzdebatten um Genderismus, die bösen digitalen Giganten aus den USA und auf die Re-Nationalisierung des Netzes beschränkt fokussiert, lohnt sich häufig ein Blick über die (nicht vorhandenen) nationalstaatlichen Grenzen der Debatte. 

Vor einem halben Jahr hatte ich bei einem solchen gewagten Blick auf den schwedischen digitalen Philosophen Alexander Bard hingewiesen. Bard stellt uns digital Interessierte immer wieder vor interessante Herausforderungen, die Wirkung des Digitalen auf die Gesellschaft mit völlig neuen bzw. ungewohnten Blicken zu interpretieren. Man muss natürlich nicht seiner Meinung sein; offen für alternative Sichtweisen zu sein, bedeutet aber auch, den eigenen Horizont zu erweitern. In der Zwischenzeit hat er zu seinem Themen auch ein Buch geschrieben, das zur Zeit auf einigen Seiten besprochen wird.

So schreibt der GUARDIAN unter der Überschrift "Is the internet God? Alexander Bard's Syntheism paves the way for a new elite": "Burning Man, and spin offs including Burning Nest in the UK, show that digital natives under 25 now see “the online world as the real world and the real world as a reflection of the online world,” says Bard". Er geht damit einen Schritt weiter als wir es eigentlich aus unserer eigenen Debatte gewohnt sind. Hierzulande wird immer wieder gern betont, dass Digital Natives nicht mehr zwischen Online- und Offline-Welt unterscheiden würden, da Beides dasselbe darstelle. Von konservativen politischen Offline-Vertretern wird dann stets geantwortet, dass die "reale" Welt nur offline existieren würde; dem entsprechend wird die digitale Welt als etwas Außenstehendes beschrieben ("Es ist der Kampf zwischen der schönen neuen digitalen Welt und dem realen Leben").

Wenn nun aber Bard schreibt, dass dieses Verhältnis zwischen On- und Offline genau andersherum gesehen werden müsste; welche Implikationen hat dies dann auf politische Prozesse und die Werte der Gesellschaft? Findet denn nicht eben längst online die tatsächliche gesellschaftliche Debatte statt? Schaut man sich die Social Media Debatte zu #Kobane und #Ukraine an und blickt von dort zurück in die traditionelle hierarchisch und elitär geführte öffentliche Debatte in den ÖR, so scheint es sich inzwischen um Parallel-Diskurse zu handeln. Man könnte den Eindruck gewinnen, die Online-Welt ist real und die Offline-Welt ist eine künstliche da gefilterte und elitär geführte. Diese reale Welt im Netz lässt uns, so Bard, längst soziales Verhalten vollkommen neu erlernen. Die Rolle des Einzelnen würde bereits einer Neu-Definition unterliegen. Es ginge nicht mehr um den Kant´schen Individualismus-Gedanken; das Ich defniere sich vielmehr erst durch Interaktion mit anderen heraus. Der Interaktionismus lösen den Individualismus ab. Die eigene Relevanz in der Gesellschaft, Politik et al. ergibt sich damit nicht aus der formalen Veranwortlichkeit sondern wird erst manifest in der situativen temporären Interaktion mit der jeweiligen Community.

Die wahren zukünftigen Konflikte , so schließt Bard denn auch im GUARDIAN, würden zwischen diesen traditionellen/formalen und den kommenden digitalen Eliten stattfinden.

Schließt man sich dieser Sichtweise und Interpretation des Netzes an, so erscheinen die NSA-Überwachungen nochmals in einem anderen Licht.

Eine weitere Rezension passend zur Frankfurter Buchmesse, auf der das Buch von Bard gestern vorgestellt worden ist, hat der ehemalige Pirat im EP, Christian Engström, verfasst.


Original-Post vom April 2014

Mit großem Interesse habe ich auf Basis dieser Überschrift den TEDx-Vortrag des schwedischen Künstlers und Vordenkers Alexander Bard angeschaut. Allzuhäufig leidet die netzpolitische Debatte unter einer gewissen Praxisferne, die sich immer dann offenbart, wenn netzfernen Menschen die übergeordnete Bedeutung des Netzes für die Zukunft der Menschheit erklärt werden soll. Datenschutz, Netzneutralität und Überwachung sind zu abstrakte Terme, um die Relevanz des Netzes für die Menschen zu verdeutlichen. Es fehlt nach wie vor eine Idee davon, wie Politik, Wirtschaft und Internet zukünftig systemisch miteinander in Verbindung stehen und warum wir angesichts der Netzdynamik über vollkommen neue Formen der Politik und der Wirtschaft reden müssen. Bard ist es zu verdanken, dass er sich genau über diesen Aspekt bei seinem Vortrag Gedanken macht. Warum ist dieses Internet eigentlich für die Menschheit so relevant?



Das "Ich" ist der Gott

Ausgehend vom Zitat "Ich denke also bin ich“ des französischen Philosophen Rene Descartes beschreibt er den Beginn der individualistischen Weltsicht, die durch Immanuel Kant und Albert Einstein in die politischen Philosophien und die Physik Eingang gefunden haben. So stellten nach Bard Sozialismus, Liberalismus und Kapitalismus stets den (atomisierten) Mensch in den Mittelpunkt.

Dem zugrunde liege der Glaube an die Einzigartigkeit sowie die Relevanz des eigenen Ichs. Das „Ich“ sei der Gott der Neuzeit. Die Neurowissenschaften hätten nun aber in den letzten Jahren diese Sichtweise vom Kopf auf die Füße gestellt. Das (körperliche) Sein bestimme das Handeln und nicht umgekehrt. Damit sei der Individualismus tot.

War Nietzsche der erste Netzwerk-Theoretiker?

Ersetzt werde diese tradierte Sichtweise nun durch den bereits durch Friedrich Nietzsche angedachten Relativismus, der aber nach wie vor die Beziehung des Individuums zum anderen Individuum in den Mittelpunkt stelle. Anstelle dessen müsse man daher nun inzwischen eher vom „Relativismus“ sprechen; nicht mehr die Individuen, die im Netzwerk durch Nodes ersetzt würden, spielten eine Rolle sondern es sind vielmehr die Beziehungen, die im Zentrum der Betrachtung von Gesellschaft stünden. Es gebe keine Individuum mehr sondern es existiere nur noch die Gesellschaft aus Ausdruck von unendlich vielen Beziehungen. Das Ich werde durch das Soziale ersetzt, so Bard.

Hier komme nun das Internet ins Spiel: Es sei die erste Möglichkeit, globale Netzwerke und Bewusstsein herzustellen. Es relativiere die eigene Bedeutung und damit die individuelle Sichtweise auf die Welt. Es manifestiere den Relationismus.

Im Gegensatz zum Hyper-Kapitalismus und zum Hyper-Individualismus, die erst die Voraussetzungen für die Umsetzung der selbstzerstörerischen Agenda der Marktwirtschaft geschaffen hätten, träten nun die Netzwerk-Bewegungen beispielsweise der Piraten und der Grünen. Die Grünen und die Piraten seien zwei Seiten ein und derselben Netzwerk-Medallie. Das Problem sei aber, dass sie das noch nicht erkannt hätten und auch nicht miteinander reden würden.

Leider endet der Vortrag an eben dieser Stelle und lässt einige große Fragen unausgesprochen im Raum stehen.

Wie verhalten sich Netzwerke und Politik zueinander?

Er geht in seiner Konzeption an dieser Stelle, bei der es um die Eigenschaft der Netzwerke geht, nicht weit genug bzw. schränkt die Analyse leider auf die parteipolitischen Bewegungen ein. Netzwerke, wie sie durch das Internet zunehmend ermöglicht werden, bringen die Relativierung der eigenen Bedeutung mit sich, sie lassen Hierarchien erodieren, sie hinterfragen die Einzigartigkeit und Richtigkeit kultureller Eigenschaften einer sozialen Gruppe, sie atomisieren das Individuum und seine vormalige Interpretationshoheit über politische und soziale Missstände.

Die Auswirkungen dieser Netzwerk-Eigenschaften auf die globalisierte politische Willensbildung und Entscheidungsfindung sowie die globalisierte Wirtschaftsweise führt Bard leider nicht aus. Dies täte aber eigentlich Not, denn hier würde sich der argumentative Kreis schließen, der beispielsweise ausführen könnte, warum eben Netzneutralität so elementar wichtig ist, da es eine Grundvoraussetzung für das Funktionieren dieser neuen Netzwerke ist. Auch könnte er anführen, dass die Machteliten kein Interesse an diesen Netzwerken haben und damit begründen, warum derzeit ein Cyberwar auf vielen Ebenen gegen die Interessen der Bevölkerung sowohl in demokratischen wie autokratischen Staaten geführt wird. 

Die alte Offline-Welt huldigt dem Individualismus, die neue Online-Welt den Netzwerken 

Schließlich könnte er dann auch die Frage beantworten, warum das Aufeinandertreffen von Offline- und Online-Welt stets in allen politischen Systemen solche Konflikte auslöst: Es ist der Gegensatz von individualistisch geprägter Offline-Welt und Offline-Perspektive auf der einen und die netzwerkbasierte Sichtweise der Online-Welt, die sich an dieser Stelle systemisch und kategorisch widersprechen und Friktionen verursachen.

Zudem scheint er im kulturpessimistischen Sinne die Individualität generell abzulehnen und beraubt sich damit unnötiger Weise eines Stücks der Überzeugungskraft seiner Argumentationskette. Er verneint die Gleichzeitigkeit von Individualismus und temporäre Mitgliedschaft in diesen Netzwerken, denen man sich anschließen kann, um vorübergehend das Ziel des Netzwerkes zu unterstützen. Diese Wechselwirkung zwischen individueller Entscheidung und dem Aufgehen im Netzwerk hätte ebenfalls eine genauere Analyse verdient.

Alles in allem aber ist bewundernswert, seit wie vielen Jahren Bard bereits die philosophische Debatte um das Internet auf internationaler Ebene prägt und voran bringt. Insofern ist auch dieser Beitrag wieder sehr horizonterweiternd und empfehlenswert.

Wie provinziell wirkt vor dem Hintergrund dieses Vortrags - sowohl in methodischer wie auch inhaltlicher Sicht - unsere rein innerdeutsche aufgebauschte Debatte um die vermeintliche "Digitale Demenz", vorgetragen von einem gewissen Herrn Spitzer. Peinlich.