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Sonntag, 30. März 2014

Tritt der Daten-Journalismus auf der Stelle?

Daten-Journalismus im Jahre 2010

"Einerseits werden Daten nicht allein dadurch sinnvoll und verwendbar, dass sie sehr schön und flexibel aufbereitet werden; andererseits sollte man nicht unbedingt programmieren können, um die Daten für seine Arbeit zu verwenden“, so hatte ich vor 3 1/2 Jahren in einem Blogpost die Herausforderung beschrieben, vor der der Daten-Journalismus stand.

Daten-Journalismus im Jahre 2014

Auf QZ.com titelt nun ganz aktuell Allison SchragerThe problem with data journalism“ und stellt fest: "But they can’t just hire graphic designers to make pretty pictures. Making sense out of raw data requires more analytic firepower and more willingness to do independent research than journalists have traditionally been comfortable with“.

Hat sich der Daten-Journalismus die letzten 3 Jahre wirklich nicht weiterentwickelt?

Ein sehr anschauliches Beispiel dafür, was dabei herauskommt, wenn tolle Graphiker mit der Erstellung einer schön anzusehenden Infographik beauftragt werden, liefert diese aktuelle Übersicht über Migrationsströme zwischen verschiedenen Weltregionen in vier 5-Jahres-Perioden. Am Ende werde ich aber mit der Frage allein gelassen: Was sagen mir die bunten Flächen und Pfeile außer der Tatsache, dass sich Menschen bewegt haben?

Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital
CC BY-NC 3.0
Haben Programmierer sowie Wissenschaftler auf der einen und Journalisten auf der anderen Seite nach wie vor nicht den Weg zueinander gefunden?

Auf der vor kurzem veranstalteten #SMWHH hatte es auf dem entsprechenden Podium den Hinweis gegeben, dass in den Redaktionen der traditionellen Medien nach wie vor "zu viele Germanisten“ aktiv seien. 

Wenngleich diese Sichtweise auf der einen Seite sicherlich eine übertriebene Pauschalierung darstellt und auf der anderen Seite auch Programmierer lernen müssen, im Sinne der Konsumenten ihrer Graphiken zu denken, beschreibt dies doch das weiter bestehende Dilemma des Daten-Journalismus.

Schrager identifiziert insgesamt mehrere Defizite (ja, es gibt natürlich auch Gegenbeispiele):
  • Daten geben sowohl dem Leser als auch dem Journalisten ein falsches Bild von fachlicher Autorität. Das Beschreiben von Daten sei etwas anderes als deren inneren Kontext zu verstehen (stimmt!)
  • Daten würden zu sehr zum Bestätigen der eigenen vorgefassten Meinung genutzt statt die eigene Beurteilung mit Hilfe neuer Daten zu hinterfragen.
  • Journalisten sind nicht speziell darin geschult, Daten wissenschaftlich korrekt in ihre Recherche einzubinden (These aufstellen, Datenkontext herstellen, These hinterfragen, Datenrelevanz beurteilen) und daraus eine "Storyline" zu entwickeln 
  • Journalisten sind nicht darin geschult, die „Richtigkeit“ und Konsistenz der genutzten Daten zu überprüfen.
  • Es besteht nach wie vor die Meinung, dass einfache Kausalitäten für einen Beitrag zu „langweilig“ seien. In der Wissenschaft sei man nicht so sehr von dieser Hybris bezüglich der Interpretationsfähigkeit komplexer Datensätze geprägt.
Schrager liegt aus meiner Sicht mit ihrer Analyse und dem Hinweis auf die Wichtigkeit des Daten-Journalismus vollkommen richtig.

Datenjournalismus im Jahre 2018?

Mal sehen, ob sich die Erkenntnis in den nächsten 4 Jahren weiter verbreitet. Es sei solchen Pionieren der deutschen datenjournalistischen Szene wie dem Open Data City-Team und Marco Maas gegönnt, dass sie mit ihren am Leser orientierten Infographiken, die es zudem sehr prima verstehen, eine interessante Geschichte, einen Plot, systematisch und konsistent aus den Daten abzuleiten, von den Medien ausreichend Beachtung zugesprochen bekommen. Die Durchsicht ihrer mit etlichen Preisen ausgezeichneten Infographiken und Plattformen sei jedem Journalisten ans Herz gelegt. Da ist sicher ein großes Lernpotenzial vorhanden, sofern man nicht gerade damit beschäftigt ist, vom hohen Ross herab auf den #Hoodie_Journalismus zu schauen. Team-Arbeit im Sinne von Arbeitsteilung ist das Erfolgsgeheimnis, das eigentlich keines ist, aber eine entscheidende Änderung der individualistischen Arbeitskultur bedingen würde.

Hierzulande besteht aber ja im Qualitäts-Journalismus nach wie vor nicht der große Anpassungsdruck in der Anwendung neuer Methoden wie im englischsprachigen Ausland sowie in Skandinavien. Noch nicht.