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Sonntag, 1. Dezember 2013

Wenn Erwachsene im Netz Kindern die Schuld an deren eigenem Schicksal geben

Warum wird Jungen heutzutage eigentlich so wenig Empathie entgegen gebracht? 

Müssen die heutigen Jungen eventuell für die überkommenen Verhaltensweisen der vorherigen Väter-Generation büßen, bei denen das Alleinverdiener-Modell in Form der Hausfrauen-Ehe dominierend vorkam und von dem sich die damaligen Väter auch keinesfalls verabschieden wollten? Stehen die heutigen Jungen in einer Art Stellvertreter-Schuld? Kann es sein, dass das individuelle Schicksal der Jungen heute infolge eines pro-Mädchen-Zeitgeistes und der Gender-Ideologie als einem Gegentrend zu dieser unseligen Vergangenheit zu kurz kommt?

Haben sich die (radikalen!) VertreterInnen einer feministischen Ideologie mal gefragt, wie Jungen sich fühlen, denen heute beim sog. Boysday die Geringverdiender-Jobs angeboten werden, aus denen man die Frauen gerade zur Zeit "befreien" will? Meint frau eigentlich ernsthaft, dass die Jungen diese doppelzüngige Strategie nicht bemerken? "Lol" würden diese Jungen antworten.

Wieso ist auf heutigen Schulhöfen der Begriff "Opfer" als herablassender Ausdruck so beliebt? Könnte es sein, dass die ältere Generation an der einen oder anderen Stelle die Opferschraube etwas überdreht hat? (Etwas sehr sarkastisch aber das Problem der Inflationierung von Opferzuständen aufgreifend: Warum die Pole Position im Opferwettrennen so wichtig ist)

Was denken männliche Jugendliche, wenn auf Youtube der Geschlechterkampf von feministischer Seite als militaristischer Konflikt dargestellt wird und frau ihnen mit dem MG in der Hand "Warme Grüße" wünscht?



Welchen Eindruck bekommen männliche Jugendliche von dieser Gesellschaft, wenn ihnen auf CNN empfohlen wird, dass sie vor dem Geschlechtsverkehr die schriftliche Freigabe durch die entsprechende Frau per SMS anfordern sollen, da der Missbrauch des Vergewaltigungsvorwurfs aus persönlicher Rache oder zur Nutzung einer beruflichen Karrierechance inzwischen anscheinend so weit verbreitet ist?
Was denken Jungen, wenn ihnen in auflagenstarken Zeitungen die Überschrift vorgehalten wird "Männer sind schlimmer als Tiere", wenn ihnen als Antwort auf die Frage, wieso sie nachts in der Stadt auf dem Nachhauseweg überfallen worden sind, die ideologiegeschwängerte Antwort entgegengehalten wird:

"Street Harrassment ist ein Problem des Patriarchats. Es ist das Problem einer rassistischen, hetero- und cissexistischen Gesellschaft, die toleriert, dass sich Menschen, die nicht cismännlich, weiß und hetero sind in der Öffentlichkeit nicht uneingeschränkt sicher fühlen können."

Ideologisches Dogma: Mädchen werden diskriminiert - Jungen sind selbst schuld

Ausschlaggebend für diese auf die individuelle Ebene der Betroffenheit zielende Frage war für mich der gegenüber Jungen in der Schule erschreckend herablassende Post von Anatol Stefanowitsch. AS hatte seinen Beitrag als Antwort auf einen vorausgegangenen SPIEGEL-Artikel verfasst, der die Frage in den Raum stellte, ob die Erzeugung eines negativen Jungen-Stereotyps eventuell eben diese Jungen zu schlechteren Leistungen in der Schule - sich selbst verstärkend - bringen könnte.

Immerhin ist die Bedeutung der durch Stereotype zugeschriebenen sozialen Rollen eine der Hauptpfeiler der feministischen Argumentation zur Erklärung der angeblichen Benachteiligung von Frauen in unserer Gesellschaft. AS, der ansonsten gern feministisch argumentiert und das soziale Zuschreiben von Rollen als sexistisch und rassistisch geißelt, stellt nunmehr im umgekehrten Fall diese Rollenzuschreibung als Wirkungsmechanismus vollkommen in Frage und spricht am Ende davon, dass die Jungen eben gerade selbst Schuld seien:

"Eher halte ich es eher für wahrscheinlich, dass die „schlechteren“ Leistungen der Jungen deshalb zustande kommen, weil die Mädchen inzwischen weniger stark daran gehindert werden, Leistungen auf dem für sie normalen Niveau zu erbringen. (...) Und das würde einfach nur bedeuten, dass sie sich ein wenig mehr anstrengen müssen. Und das wiederum, hat noch keiner geschadet."

Wenn allein ein Blick in die gegenderten Statistiken der Bildungslandschaft die deutliche Sprache des Übergangs von einem mehrheitlich von Jungen dominierten Gymnasiums hin zu einem von Mädchen dominierten Gymnasium sprechen, ist es mehr als euphemistisch, wenn AS davon spricht, dass dies nur Folge davon sei, dass Mädchen nun "weniger stark daran gehindert werden, Leistungen auf dem für sie normalen Niveau zu erbringen". Redet er damit gar von einer "natürlichen" "biologischen" Überlegenheit eines Geschlechts?

Einzelne Fraktionen des Feminismus wiederholen die Fehler des Chauvinismus

Der Text von AS ist inzwischen auf Seiten, die sich generell und intensiv mit diesen Themen beschäftigen, analytisch betrachtet und natürlich kritisiert worden (hier und hier). Zugleich ist es gegenwärtig in radikalen Teilen der feministischen Ideologie en vogue, die Verachtung gegenüber Männern, die Emotionen für sich als Thema entdeckt haben oder aber die Missstände gesellschaftlicher Art zur Sprache bringen (Männer sind mehrheitlich vertreten unter Obdachlosen, Gefängnisinsassen, Selbstmördern, Berufsunfällen etc.) in Form sogenannter "Male Tears" zum Ausdruck zu bringen (ein gewisses Grundverständnis ideologischer Keywords wie im folgenden Tweet vorausgesetzt).
Damit aber wiederholen die VertreterInnen dieser radikalen Auslegung des Feminismus genau die Fehler, die sie zu Recht insbesondere seit den 1970er Jahren den damaligen Chauvinisten unter meinen männlichen Geschlechtsgenossen vorgeworfen hatten; es war dies die fehlende Wahrnehmung tatsächlicher geschlechtsspezifischer Problemlagen und Benachteiligen, es war dies die herablassende Haltung gegenüber Frauen, die öffentlich aus der Hausfrauen-Ehe und damit dem Zeitgeist ausbrachen.

Die "Emanze" als chauvinistischer Kampfbegriff der 1970er Jahre wurde fataler Weise nunmehr ersetzt durch den "Anti-Feministen" oder auch "Maskulisten"als feministischen Kampfbegriff gegenüber Personen anderen Geschlechts, die fähig sind, unangenehme Nachfragen zu stellen.

Dass dieses Themengebiet - auf beiden Seiten der Geschlechterfront - noch nie eines gewesen ist, dass mit Mitgefühl, Verständnis, Rücksicht oder Ratio einhergeht, ist nicht neu. Der Schritt, den AS hier aber gegangen ist, ist ein Schritt neuer "Qualität": Er macht sich als Erwachsener über die Schicksale von Kindern/Jungen indirekt lustig, in dem er die Benachteiligung von Jungen im Bildungssystem als eigenverschuldet darstellt und die Lösung seinem Text nach allein im Verhalten des Kindes begründet liegt. Dies wiegt umso schwerer, als dass AS in teils sehr wortreichen Beiträgen auf seinem Blog immer wieder von moralisch übergeordneter Warte darlegt, dass sprachliche Ungenauigkeiten seiner Mitmenschen oder auch das unbewusste Nutzen von Begriffen und Sprache wie in deutschen Ausgaben der Bücher von Astrid Lindgren Ausdruck von Rassismus und Sexismus seien.

Wenn die ideologische "Wahrheit" über die individuelle Wahrheit siegt

Ich finde es bedenklich, dass auf die politisch korrekte Verwendung eines Begriffes damit letztlich mehr Wert gelegt und im Zweifel mehr Empörung für die falsche Übersetzung eines einzelnen Begriffs erzeugt wird als wegen der Diskriminierung von Jungen im Bildungssystem. Die ideologisch überfrachtete Debatte um die "wahre" Opferrolle, um die abstrakten nicht nachweisbaren aber irgendwie gefühlten strukturellen Diskriminierungen hat inzwischen, wie auch bei anderen gesellschaftlich wirksamen Ideologien immer wieder erkennbar ist, vollkommen in den Hintergrund rücken lassen, dass es am Ende um Einzelschicksale von Jungen (und Mädchen) geht.

Ich finde es erschreckend, wenn in eigentlich freien Gesellschaften Ideologien - wie in diesem Text von AS meiner Meinung nach zum Ausdruck kommt - Interpretationshoheit über persönlich empfundene Schicksale erhalten, wenn die Interpretation eines gesellschaftlichen Zustandes als "richtiger" erachtet wird als die persönlichen Schicksale, die mir selbst beispielsweise in der Elternarbeit an der Schule immer wieder begegnen.