.

.

Donnerstag, 15. Mai 2014

Nivea lässt Väter jetzt nicht mehr außen vor

Update, 16.5.2014

Es scheint sich langsam herum zu sprechen, dass erstens auch Männer/Väter in der Lage sind sachlich für ihre Rechte und die ihrer Kinder einzutreten und dass zweitens der Zeitgeist, diese in der Werbung als Deppen darzustellen, kontraproduktiv für die eigene Marke und die den Verkauf der eigenen Produkte zu sein scheint.

Nachdem NIVEA meinte, in der weihnachtlichen Werbezeit einen "Familien"spot zeigen zu müssen, in dem das Kind noch nicht einmal zu Weihnachten seinen fehlenden Vater zu vermissen schien, gab es umfangreichen öffentlichen Protest (s.a. folgenden Text von Anfang Januar), der schließlich in einer Petition gegen den Spot mündete.

Infolge des Umfangs der Unterzeichner der Petition und des hohen Anteils kritischer YouTube-Kommentare erklärte sich die Beiersdorf AG bereit, ein Treffen mit den Initiatoren der Petition zu vereinbaren. In dem Treffen zeigte man sich von Seiten des Unternehmens einiger Maßen betroffen und gelobte eine veränderte Kundenansprache (das Protokoll des Treffens findet sich hier).

3 Monate später ist es nun soweit. Beiersdorf hat Wort gehalten und einen Werbe-Spot herausgebracht, der die Rolle des Vaters in ausgewogener Art darstellt, ohne gleich wieder in diskriminierende Stereotype zu verfallen.



Vielleicht ist dies ein erster Schritt in die Richtung, dass Werbung nicht infolge eines jeweiligen Zeitgeistes meint, irgendein soziodemografisches Merkmal (Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft) als Grundlage für herablassende Werbung nutzen zu müssen und Stereotype zu Lasten anderer Menschen für eigene Zwecke missbrauchen zu müssen.

Update, 05.01.2014

NIVEA verweigert Kommunikation mit Vätern - und diskutiert lieber ausführlich über Tierversuche

Inzwischen ist deutlicher geworden, dass NIVEA an einer Kommunikation über den weihnachtlichen Werbe-Clip mit Vätern, Müttern, Frauen und Männern - nach dem Aufkommen der breiteren öffentlichen Kritikwelle - anscheinend in keiner Weise interessiert ist. Nachdem man tatsächlich den gesamten Neujahrs-Urlaub abgefeiert hatte und sich im Netz 10 Tage lang nicht geäußert hatte, wurden die Kommunikationsstrategen des Unternehmens am 2.1. wieder aktiv, um auf Facebook.....auf die beständige Kritik an Tierversuchen einzugehen, eine neue Pflegedusche zu empfehlen und die Wünsche für 2014 abzufragen. Auf Twitter stammt der letzte Tweet von @nivea_germany gegenwärtig nach wie vor vom 23.12.2013!

Es sei an dieser Stelle die Lektüre der ausführlichen Statements von NIVEA zu den Tierversuchs-Posts auf deren FB-Profil empfohlen; so viel Zeit, um das Verhältnis zu Tieren zu diskutieren, so gar keine Zeit, um das Verhältnis der Kinder zu ihren Vätern zu thematisieren.

Ich halte es mitnichten wie Nico Lumma, der in seinem Neujahrs-Post dazu aufrief, sich in der Kommunikation mit Unternehmen als Konsumenten selbst "nicht so wichtig zu nehmen". Lieber Nico, die Unternehmen sind von ihren Kunden abhängig; wenn die Konsumenten nicht ernst genommen werden sollten, wer dann (auch der Shareholder-Value ist nur der aus den Kundenwünschen abgeleitete sekundäre Nutzen)? Fehler machen wir, so dein Kommentar, alle, das ist richtig. Sich aber der Kommunikation darüber zu versperren, zeugt nicht von der Souveränität eines Welt-Unternehmens.

Auch ich gehöre zu der Generation, die die blauen Creme-Dosen seit der eigenen Kindheit kennen und daher mit diesen auch (bisher positive) Erinnerungen an dieselbe verbinden. Wenn nun aber eben diese Firma jenen Vätern der Baby-Boomer und der Generation X-Generation meint vor Augen führen zu müssen, dass sie im Lebenskonzept der deutschen "Durchschnitts"-Familie nicht vorgesehen sind, so muss ich auch NIVEA mitteilen, dass diese Firma in meinem Konsum-Konzept nicht mehr vorgesehen sein wird. Ich werde für diese veränderte Sichtweise offensiv in meinem Bekanntenkreis werben und wahrscheinlich nicht umsonst hoffen, dass ich - neben einigen anderen Bloggern, die sich des Themas angenommen haben - nicht der einzige bleiben werde.

Dies umso mehr, als dass die Übersetzung der polnischen Variante des Werbe-Clips zwar den Vater erwähnt, ihn jedoch - so dir mir vorliegende englische Übersetzung - für einen Taugenichts hält - und das Kind um eben diese Rollenzuschreibung weiß.

NIVEA scheint ein grundlegendes Problem mit Vätern zu haben.

"The holidays are approaching. I have to meet Nikolay at last! Vlodek knows. And then - to help my mother at kitchen, because father is always playing the fool when mother doesn't see. And I need to eat some honey cackes as there is no room on the Christmas tree for all. And then grandma and grandpa will come. And holidays will start. And we'll be together at last! Inscription: "Family is the best present!" A great thank you to Олег Шинкаренко who translated the video in short term!


Disclaimer: Falls sich bei der Übersetzung des polnischen Textes ein Fehler eingeschlichen haben sollte, bin ich, im Gegensatz zu NIVEA, für jeden Hinweis auf den Fehler dankbar.


Update, 27.12.2013

Die Liste der Blogs und Medien, die über die vaterlose Werbung von NIVEA schreiben, wird langsam umfangreicher.

"NIVEAs Weihnachtswerbekampagne - Wo ist Papa?"
"#aufschrei: NIVEA against MEN?"
"Die schrecklich nette Weihnachtsfamilie von NIVEA"
"Josef und Nivea. Und eine Weihnachtsgeschichte"
"Frohes väterfreies Fest wünscht NIVEA"
"NIVEA trollt uns zu Weihnachten"
"Shitstorm gegen NIVEAs Weihnachts-Spot"


Update, 26.12.2013

Das umstrittene - weil vaterlose - Weihnachts-Video von @NIVEA_Germany hat in den letzten Tagen zu einigen Beiträgen in Blogs bis hin zur Erwähnungen in traditionellen Medien geführt.

NIVEA rührt sich indes weiterhin nicht, sondern hat sich in den längeren Feiertags-Urlaub verabschiedet. Gekonntes Krisenmanagement eines solch großen Unternehmens, das in besonderer Weise mit Wertefragen in Verbindung gebracht werden kann oder eben mit dem Video auch selbst möchte, sieht eindeutig anders aus.

Es geht weiterhin und wohlgemerkt nicht um die Festlegung des Unternehmens auf eine einzige "selig machende" Variante der Familien, sondern erstens um die zu beobachtende Konsistenz der entsprechenden Video-Reihe, in der allein - und dies ist ebenso unzeitgemäß - die Mutter im Fokus steht. Zweitens ist die fehlende Sprachfähigkeit eines solch großen Konzern, der ja eben dicht bei den Menschen sein möchte, verblüffend.

Letztlich läuft der Konzern damit Gefahr, dass die mangelnde Sprachfähigkeit die reine PR-Dimension des Videos entblösst.

Um die Kommunikation zwischen Konsumenten und dem Konzern zu fördern, werde ich hier zunächst einen offenen Brief veröffentlichen, den Michael Strassburg formuliert hat und der deutlich macht, welche Emotionen bei den Kunden geweckt werden - Emotionen, auf die NIVEA bisher aber in keiner Weise eingegangen ist. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Michael Strassburg.



"Sehr geehrte Damen und Herren,

Die von ihrem Unternehmen publizierte Weihnachtswerbung hat mich schockiert.

Wie offensichtlich ihr Unternehmen den Teil der Familie ausblendet, der diese entscheidend mitbegründet ist für mich eine unglaubliche Respektlosigkeit gegenüber den Kindern und anderen Mitgliedern unserer Gesellschaft und zeigt die vorherrschenden gesellschaftlichen Positionierungen gerade auch ihres Unternehmens.

Sie reihen sich damit in eine Reihe der Verantwortlichen ein, die ein väterfeindliches Gesellschaftsbild vermitteln, hier sogar mit romantischen Inhalten. Jedes Kind wünscht sich nichts sehnlicher als den Vater an seiner Seite, egal wo sich dieser Vater tatsächlich im Moment befindet. Ja es sind die Kinder, die sich die Nase am Fenster plattdrücken und den Vater herbeisehnen, der vielleicht NICHT zu Hause sein kann. Möglicherweise sitzt er in einem LKW arbeitet im Ausland oder ist auf einem Schiff mitten im Ozean.

Was für ein verklärter Anblick ihrer Marketingabteilung, die entweder nur aus Frauen besteht oder dessen Verantwortlicher nichts anderes kennt und selbstverständlich nicht das notwendige Feingefühl für eine solche Situation reflektieren kann.

Sie sollten darüber nachdenken ihre Männerpflegeserie in "Nivea Uncle" umzubenennen, Männer scheinen nur willkommene Zahler aber als Väter nicht vorgesehen zu sein.

Abscheulich!

Ich frage mich ernsthaft, wer diesen Spot abgesegnet hat. Verachtung meinerseits greift viel zu kurz für das, was ich als Vater für ihr Unternehmen empfinde. Angesichts dieser unverantwortlichen Haltung habe ich mein Badezimmer nicht nur großflächig gesäubert (von Nivea Produkten) und werde zudem dafür sorgen, dass sich mein Bekannten- und Freundeskreis diesen Werbespot anschaut.

Unsere Familie wie auch die Familien unserer Freunde sind nur vollständig, völlig unerheblich, ob getrennt, verheiratet oder was auch immer, wenn der Vater der Kinder diese auch erleben kann und darf!

Ich verachte ihren Werbespot aufs äußerste und habe ebenfalls kein Verständnis für die jetzt vermutlich aufkommenden gesellschaftlichen Diskussionen über die unterschiedlichen Lebensformen die es heute gibt. Keiner ihrer Verantwortlichen kümmert sich um die Sichtweise des Kindes. Es gibt kein einziges Kind auf dieser Welt, welches seinen Vater, wo auch immer er ist, nicht vermisst. Familiäre Bande vermittelt man nicht SO! Es ist die billigste Erfolg haschende Imagemethode gegenüber der Zielgruppe Frau als diejenige die den Einkauf tätigt. Es wäre ein leichtes gewesen den Vater des Kindes zumindest in einem kleinen Bildausschnitt zu zeigen, das wurde sorgfältig vermieden. Jetzt kommt vermutlich im Nachgang zum Aufschrei über diesen Werbespot ein Vater Werbespot, leider zu spät, Familie ist immer, nicht nur bei Gelegenheit!

Ich habe verstanden!

Michael Strassburg"


Offener Brief von Elmar Riedel an NIVEA:


"Liebes Nivea-Team,

herzlichen Glückwunsch zu eurem Weihnachts-TV-Spot. Die handelnden Personen sind supersympatisch, die Farben, das Licht, die Stimmung. Ein ganz besonderer Spot der so erwähnenswert ist, dass ich dieses Lob gerne auch an diverse Medien weiterleite.

Bei allen Sympathie erweckenden Elementen zeigt ihr trotzdem Mut. Immerhin grenzt ihr rund 11.400.000 Menschen aus, die eigentlich im möglicherweise überholten Familienfest-Bild fehlen.
Wie ich auf diese Zahl komme?
Laut statistischem Bundesamt sind alljährlich 150.000 Kinder und Jugendliche von Scheidung betroffen. Hinzu kommen rd 75.000 Kinder und Jugendliche aus nichtehelichen Trennungen die statistisch nicht erfasst werden. Sind zusammen 225.000 Minderjährige im Alter von 0-18 Jahren, also 19 Jahrgänge. Macht 4.275.000 Minderjährige die sich fragen wo in Ihrem Spot der Weihnachtsliebe ihr Vater abgeblieben ist.

Bei einer Geburtenrate von 1,5 Kindern/Familie sind 2.850.000 getrennt lebende Elternteile (rd.90% Väter) betroffen. Unterstellen wir, dass von dieser Seite noch durchschnittlich 1,5 Großelternteile präsent sein könnten/wollten kommen nochmal 4.275.000 Großeltern hinzu. Sind zusammen 11.400.000 Menschen. Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen (überwiegend) väterlicherseits mal ganz außen vorgelassen.

Sicher gehören nicht alle zu euren Zielgruppen. Wieviele davon es sind könnt ihr besser abschätzen als ich. Aber Heranwachsende, Männer und Senioren gehören sicher dazu. Ich denke, mit 8.000.000 liege ich nicht falsch.
Mutig!

Darf ich einen Vorschlag machen?

Am 15.Juni 2014 ist der hierzulande noch wenig beachtete Echte Vatertag im Gegensatz zum alljährlichen Besäufnistag an Christi-Himmelfahrt der in weiten Teilen auch richtigerweise Herrentag heißt. Obwohl das oft gar nicht herrlich ist was man da auf den Straßen sieht. (http://de.wikipedia.org/wiki/Vatertag
Wie wäre es denn mit einem Spot zu diesem Anlass? Der kleine Junge aus eurem Weihnachtsspot würde sich sicher freuen seinem Papa zum echten Vatertag eine Freude zu machen. Andere Söhne und Töchter aus Normal- (auch Patchwork-) Familien auch.

Euer Elmar Riedel

PS: eure PR-Antwort war nicht wirklich überzeugend




21.12.2013

Weihnachten ist für die meisten Menschen in der westlichen Welt (nicht für alle) mit den Gedanken an die Familie verbunden. Dass sich der Begriff der Familie in den letzten Jahren gewandelt hat, ist kein Geheimnis sondern einfach nur Reminiszenz an veränderte Sozialstrukturen. Biologische und soziale Rollen stimmen nicht mehr zwangsläufig überein. Selbst die Anwesenheit von Kindern wird von Vertretern der SPD und den Grünen nicht mehr als Voraussetzung dafür gesehen, um von "Familie" sprechen zu können (Disclaimer: Ich teile diese Auffassung nicht; bei einer Alten-WG würde ich bspw. nie von einer "Familie" sprechen wollen). Es gibt dabei kein richtig oder falsch; jeder und jede kann selbst entscheiden, welche Gruppe von Menschen sie oder er als die Familie bezeichnet.

Eines aber ist unstrittig.

Eine Kind vom Alter 4 Jahren wird in jedem Fall zu Weihnachten an seinen sozialen und/oder biologischen Vater denken, so ihm dieser bekannt ist. Ist dem Kind der eigene Vater nicht bekannt, wird es beim Anblick der anderen Familien fragen, wo denn der eigene Vater eigentlich sei. Wie man es auch betrachtet: eine Vater-Figur würde sicher offline oder virtuell eine Rolle im Leben dieses Kindes spielen.

Wie kommt also @Nivea_Germany auf die Idee, einen Onkel als Vater-Ersatz zu verwenden und das Kind ausgerechnet zu Weihnachten nicht einen Gedanken an den möglichen Vater widmen zu lassen?



Das Werbe-Video scheint in gewisser konsistenter Fortführung des vormaligen Videos produziert worden zu sein, dass mit den Worten beginnt: "Ihr armen Männer".



Auch dieses dritte Beispiel mit dem Titel "Mama" spricht von der "starken Mama", die alles allein bewältigt. Nivea scheint damit vollkommen unfähig zu sein, Väter durch die eigenen Produkte anzusprechen. Anscheinend legt Nivea damit keinen Wert auf Männer (Väter) als Kunden.



Pampers hatte vor Jahren einen väterfeindlichen Werbespot gedreht und änderte diesen nach massiver Kritik der Konsumenten dahingehend ab, dass die Väter nun in der Kinderbetreuung nicht mehr als Deppen dargestellt wurden.

Wahrscheinlich muss Nivea diese Lernkurve erst noch durchlaufen.