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Sonntag, 29. Dezember 2013

@ggreenwald, @kaidiekmann, der #30c3 und die deutsche Demographie

Ich muss gestehen, ich habe mir @KaiDiekmann in einem Podcast von Thomas Koschwitz angehört. Ich habe tatsächlich die gesamten 10 Minuten durchgehalten, um auf diese Weise kurz und bündig etwas über den viel zitierten Silicon Valley Aufenthalt von Diekmann zu erfahren. Kurz nach dem Anhören des Interviews habe ich dann unabhängig davon den folgenden Tweet von Leander Wattig lesen können:
Das Schöne daran war, dass Beides so ideal zueinander passte und sich zur Herausforderung, vor der D in den nächsten Jahren mit Blick auf die Netzpolitik stehen wird, zusammenfügte. Das Zitat von Wattig ist die Antwort auf die Verweigerungshaltung eines großen Teils der Baby-Boomer-Generation, der Diekmann - auch nach expliziter Selbstaussage - angehört.

Um Hein Blöd zu zitieren: Früher war alles besser

Beliebte Einwände der Baby-Boomer gegen jede Form der Digitalisierung ihres Arbeits- und Lebensumfeldes (einschließlich der passenden Repliken) sind:

"Das Internet kann den persönlichen Kontakt nicht ersetzen"
(Soll es auch gar nicht)
"Wir dürfen nicht immer nur über technische Tools sprechen"
(Aber über die sozialen Implikationen der Technik)
"Ich muss den Text ausgedruckt vor mir liegen haben"
(Dann drucke ihn doch aus)
"Im Internet steht so viel Falsches"
(Und noch mehr Richtiges)
"Die Jugend starrt nur noch auf den Bildschirm"
(Dabei selbst vor dem linearen TV sitzend)
"Wenn alles online bestellt wird, verlieren wir Arbeitsplätze und die sozialen Kontakte"
(Online, sozial und Umsätze schließen sich nicht aus)
"Nicht Jeder hat Internet"
(Nicht Jeder hat fliessend Wasser-Anschluss)
usw......

Was ist genau das Problem? Jeder sollte nach seiner Facon selig werden; lassen wir den Baby-Boomern doch den linear angelegten TV (Disclaimer: Ich bin mir der Pauschalisierung dieser Aussage bewusst).

Das Problem ist, dass diese Baby-Boomer in Deutschland momentan an den Schalthebeln sitzen und in unserer alternden Gesellschaft eine "Silver-Bulge" (als Gegenkonstrukt zum "Youth-Bulge") bilden. Diekmann spricht in dem Interview daher auch von dem expliziten Vorteil in der digitalen Welt, den die USA aufgrund ihrer "günstigeren" Demographie besäßen. Da es in der Geschichte der Menschheit noch keine empirischen und verschriftlichten Erfahrungen mit schrumpfenden und alternden Gesellschaft gegeben hat, kann man indes nur erahnen, dass eine solche Gesellschaft tendenziell Innovationen und Veränderungen ablehnender gegenüber steht - was angesichts der Beobachtungen auf der individuellen Ebene der Alterung letztlich auch nicht verwundern sollte (politisch korrekt wird dies umgekehrt definiert und als Innovationserhalt im Alter oder Innovationsfähigkeit "auch in der Zukunft" betitelt).

Journalismus für die Älteren? Aktionismus für die Jungen?

Ausdruck dieser nachhaltigen und hartnäckigen Verweigerung großer Teile der journalistischen Zunft in Deutschland, sich an die Digitalisierung der medialen Kontrollfunktion in einer Demokratie anzupassen, scheinen aktuell die Reaktionen von ZEIT und FAZ auf den Beitrag von @ggreenwald auf dem #30C3 in Hamburg zu sein. In seinem Beitrag schildert Greenwald nochmals die demokratietheoretischen Herausforderungen der flächendeckenden Überwachung und die persönlichen Probleme, die sich für ihn aus der Veröffentlichung der bearbeiteten Inhalte ergäben hätten.


Während Greenwald von Brasilien aus, seine Anwälte haben ihm abgeraten zu reisen, diese Situation schildert, sitzen bei der ZEIT und der FAZ einige Journalisten kuschelig warm, während sie mit erhobenen Zeigefinger in Richtung Greenwald Kommentare verfassen. So schreibt die ZEIT schon im Teaser-Text, dass Greenwald mit seiner Arbeit eine "Grenze überschritten habe" und sich mit den "Aktivisten gemein gemacht hätte" ("Aktivist" scheint in der vormals sich selbst als revolutionär sehenden Entscheider-Elite das zu sein, was im konservativen Pendant der "Wutbürger" genannt wird). Zudem bescheinigt man Greenwald, dass er durchaus "sachlich und gründlich" gearbeitet habe. Soviel Borniertheit ist angesichts der Materialien, die Greenwald im Interesse insbesondere aller nicht-US-Bürger veröffentlicht hat, eigentlich kaum zu begreifen.
Daraus ist in der ZwischenZEIT eine Debatte über die Objektivität des Journalismus - immerhin hält @oler von #SPON etwas dagegen - entstanden, auf die ich hier gar nicht weiter eingehen will. Mir geht es eher darum, zu fragen, wieso es erst eines Chefs des größten konservativen Flaggschiffs in diesem Lande bedarf, bevor die Baby-Boomer dieses Landes auf die Idee kommen, dass sich eventuell die Rahmenbedingungen des Journalismus und seiner Aufgabe in der demokratischen Zivilgesellschaft ändern könnten?

Unsere alternde Offline-Gesellschaft verweigert sich dem Netz

Die Antwort kann nur darin liegen, dass wir längst in einer Silver Bulge leben, die eben durch die zunehmende Verweigerung von neuen Entwicklungen die Lebenswelt- und Erwerbschancen der jüngeren Generation nachhaltig schädigt. Während in Berlin eine Internet-Szene entstanden ist, die inzwischen weltweit beachtet wird, können die Start-Up-Gründer in den vormaligen Statussymbolen einer alten Industriegesellschaft wie den ICEs der DB noch nicht einmal Internetanschluss bekommen. Auch der Festnetz-Breitband-Ausbau wurde jahrelang in Folge der Markt-Ideologie der FDP verhindert. Eine politisch relevante Blogosphäre ist in D (abgesehen von der Netzpolitik) - so wie es scheint - weiterhin nicht existent bzw. nicht relevant. Und auch die netzpolitische Blogosphäre ist in weiten Teilen eben gerade die Reaktion auf Weigerungen der Baby-Boomer in Wirtschaft und Politik, das Netz in seinem Potenzial und seiner Wirkungsmächtigkeit auf die Gesellschaft anzuerkennen.

Und dann kommt also Kai Diekmann und rollt dieses tradierte journalistische Feld von hinten auf, indem er bspw. sagt:

"Der Durchschnitts-Amerikaner greift täglich nur noch 2mal zum Handy (sic!), um zu telefonieren."
"Die digitale Oberfläche ist die Zukunft von Zeitung."
"Unsere Inhalte müssen so gut sein, dass User bereits sind, dafür Geld zu bezahlen. (...) Das ist ja auch der Musikindustrie gelungen."
"Der große Trend, auf den wir uns einstellen müssen, ist der Trend zum Handy." (sic!)
"Die digitale Revolution verändert die Lebensgewohnheiten."
"Diese Veränderungen sind für uns eine Chance."
"Papier ist eine begrenzte Oberfläche."

(Dass er während des gesamten Interviews nur von "Handys" statt "Smartphones" spricht, zeigt seine PR-Kompetenz mit Blick auf die alternden Zuhörer des Podcasts).

Alles von dem, was Diekmann in dem Interview beschreibt, wurde seit Jahren von bekannten VertreterInnen der netzpolitischen Szene immer wieder dargelegt. Es ist nicht Neu. Und doch wird es, weil es eben Diekmann ist, dieses Mal eher erhört werden (was , da es der Sache dient, grundsätzlich positiv zu bewerten ist!).

Können alternde Systeme innovativ sein?

Am Ende muss einem diese jahrelange Verschleppung von Innovationen zu der Frage führen, wie gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Systeme überhaupt innovativ gehalten werden können - und dies insbesondere unter Berücksichtigung der Alterung der Gesellschaft. Kann ein solches System tatsächlich nur von innen heraus durch Vertreter des tradierten Systems selbst bewegt werden? Haben die Argumente für die Digitalisierung und gegen die Standard-Einwände der Baby-Boomer (wie oben zitiert) erst dann Gewicht, wenn sie von Traditionalisten geäußert werden? Können ähnliche Beobachtungen eventuell auch in anderen Politikfeldern gemacht werden?

Das Anwendungsbeispiel speziell in der Netzpolitik/Digitalisierung führt uns zu der Frage: Wie erhöhen wir die Chance, dass in einer alternden Gesellschaft zukünftig innovative jüngere Stimmen besser gehört werden?

In diesem Sinne ist das Zitat vom jüngeren Leander Wattig sehr schön als die Antwort auf den deutschen tradierten feuilletonistischen Kulturpessimismus zu verstehen. Allein: Wattig hat weniger Follower als die BILD-Zeitung.

Fußnote: Dass die BILD im gleichen Atemzug den wohlhabenden deutschen Rentnern (im Aggregat betrachtet!) immer wieder vorgaukelt, sie wären die wahren Opfer der Finanzkrise, passt dann wieder gut ins Bild einer alternden Gesellschaft, in der auch Medien am Ende die spezielle Nachfrage der älteren Mitbürger besonders zu bedienen wissen.