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Dienstag, 17. Dezember 2013

Führt "digitale Realpolitik" zu schmerzloser Unfreiheit?

Letzte Woche versammelte @Rebastion als Geschäftsführer des Internet und Gesellschaft Collaboratory zum Jahresausklang netzaffine Menschen aus Berlin und Umgebung im BASE_camp. Zur Keynote eingeladen worden war @PhilippMueller, der über die Schnittstellen zwischen Online- und Offline-Welt referierte und für mehr gegenseitiges Verständnis warb. Insbesondere aber seine letzte Folie, die zur "digitalen Realpolitik" aufrief, gab durchaus Anlass zu einer angeregten Diskussion.

"Realpolitik" - dogmatischer Begriff oder wünschbares Szenario?

"Realpolitik", so meine eigene Anmerkung in dieser Debatte, sei ein denkbar schlecht geeigneter Begriff, um zu mehr Verständnis und Dialogbereitschaft zwischen Off- und Onlinern aufzurufen. Gerade der zu Anfang der Keynote von Müller selbst angesprochene "Kalte Krieg" und die mit ihm verbundene Semantik des Wir/Die, seine Bipolarität ohne jegliche Grautöne und sein Dogmatismus haben ein Aufeinander zugehen beiderseits des Eisernen Vorhangs verhindert. 

Meine Wahrnehmung der damaligen politischen Situation ist darüber hinaus auch von der Bipolarität  innerhalb der westdeutschen Debatte geprägt, die stets die Frage implizierte, ob man denn nun "für oder gegen den Westen" sei. Hatte man das Glück, nicht gleich entgegen gehalten zu bekommen "man solle dann doch rüber gehen", folgte doch zugleich ein mitleidiger Blick ob der spinnerten Vorstellung, dass es keine eindeutig wahrhafte Interpretation des Zustandes der Gegenüberstellung beider Blöcke gebe. Neutralität war damals nicht gefragt (Ähnlichkeiten mit der nach wie vor durch die Begrifflichkeit des "für oder gegen uns" geprägten US-Außenpolitik sind rein zufällig).

Man wurde also in den 1980er Debatten über die Abrüstung - gern von konservativen Parteivertretern - als jemand abgestempelt, der nicht fähig zur "Realpolitik" sei. "Realpolitik" war somit in deren Vorstellungswelt ein Ausdruck übergeordneten strategischen Denkens, dessen sich nur wenige Teilnehmer der politischen (Abrüstungs-) Debatte rühmen durften. Kritiker der damaligen dogmatisch verfahrenen Block-Situation waren demnach irreale Spinner, nicht des politisch logischen Denkens fähig.

Wenn also heute von der "digitalen Realpolitik" gesprochen wird, dann hat dies zumindest für ältere Semester unter uns genau diesen Beigeschmack - zumal es ja auch heute vorgeblich darum geht, vom hohen Ross des digitalen Verständnisses hinab zu steigen und sich dem vorgeblich Mehrheitsmeinung der Bevölkerung anzupassen, die in ihrer alltäglichen Realität keine Zeit für netzpolitische und datenrechtliche Meta-Debatten habe. Der Begriff der "Realpolitik" droht demnach erneut, Opfer einer dogmatischen Vereinnahmung zu werden, die dieses Mal, 30 Jahre nach der Abrüstungsdebatte, die Argumente der Onliner für mehr Datenschutz und gegen staatliche Totalüberwachung diskreditieren soll (obgleich an dieser Stelle ausdrücklich darauf hingewiesen sei, dass dies nicht die Intention von @PhilippMueller gewesen ist!).

Im Anschluss an diesen Einwurf ergänzte @JensBest die Debatte um die These, dass die finanzkräftigen und politisch einflussreichen Akteure der bisherigen Offline-Welt sich des Internets mit Hilfe einer strikten Fokussierung auf den Massenkonsum als sinnstiftenden Zweck des Netzes auf vielerlei Art wieder (zurück) ermächtigen (Stichworte: Regulierung, Balkanisierung, Umsatz). 

Dieses konsequente Herausstellen der Machtfrage hat mich dann doch in der Folgezeit etwas stärker beschäftigt. Als ich in einem vollkommen anderen Arbeitskontext kurz darauf mal wieder einen Blick in das Cluetrain-Manifest (CM) werfen konnte, kam mir sogleich die Debatte des Abends beim Colab in den Kopf. Und ich stellte mir die Frage:

Das Cluetrain-Manifest - von der Macht des Faktischen einge(über)holt?

"The Internet is enabling conversations among human beings that were simply not possible in the era of mass media."

Diese These des CM beinhaltet die Machtfrage und impliziert, dass die Massenmedien nicht willens oder fähig seien, die Kommunikation zwischen den Menschen zu ermöglichen. Es liegt nahe, dass Systeme und die in ihnen tätigen Akteure danach bestrebt sind, diesen Gatekeeper-Zustand der tradierten Medien durch die Rückeroberung der Interpretationshoheit wieder herzustellen. Nachdem Twitter jahrelang von den Qualitätsjournalisten dieses Landes ignoriert worden ist, sind erste Akteure des tradierten Journalismus mit der jeweiligen Medienmarke im Rücken (im Profil) dabei, die etablierten Twitterer und deren Follower-Zahl mit hoher Dynamik zu überholen. Die Interpretationshoheit wandert zurück zu den bekannten Stakeholdern der durch die Massenmedien veröffentlichten Meinungsbildung.

"The networked market knows more than companies do about their own products. Companies need to realize their markets are often laughing. At them."

Nachdem ein großer Teil der Unternehmen, die traditionell auf Massenkonsum ausgerichtet sind, lange Zeit die Wirkungsmacht der sozialen Medien verschlafen haben und zu Recht verlacht worden sind, lachen diese Unternehmen inzwischen zunehmend über Kritiker ihrer eigenen Marktmacht. Kein Unternehmen, das inzwischen nicht stolz auf einen überstandenen Shitstorm verweisen kann. Kritik auf der eigenen Facebook-TL steht dem CSR-Gedanken der Unternehmen gut und tut zudem nicht weh, ist zumeist vollkommen irrelevant und morgen schon wieder vergessen. Stattdessen widmet man sich kurz danach wieder der Wohlfühlkommunikation mit den Stammkunden, die sowieso kein Interesse daran haben, sich ihren Konsum von den Öko-Spinnern verderben zu lassen. Zurück zum Tagesgeschäft.

"To speak with a human voice, companies must share the concerns of their communities. But first, they must belong to a community."

Gilt diese These des CM wirklich nach wie vor? Ist es nicht vielmehr und mit Blick auf die Communities von BMW, Nike, Adidas und anderen so, dass inzwischen umgekehrt inzwischen die Unternehmen, die sich geschickt in den sozialen Medien bewegen, ihre Communities - im weiteren Sinne - (er)kaufen? Wer auf die Facebook-Seite von BMW mit seinen knapp 15.000.000 Kontakten schaut, könnte schnell zu der Erkenntnis gelangen, dass einige Brumm-Brumm-Fotos und eine zu gewinnende Reise ausreichen, um wohlfeile Likes zu erhalten. Wer kauft also wen?

"Org charts worked in an older economy where plans could be fully understood from a top steep management pyramids and detailed work orders could be handed down from on high."

Mir ist kein Investor durch eine Berichterstattung in den traditionellen Medien bekannt, der aufgrund des sozialen Medienechos zu einem Unternehmen Mrd. an € in dieses Unternehmen investiert hätte. Nach wie vor zählt, so meine These, in diesen Sphären die handwerklich solide gemachte ppt mehr als jegliche Empathie oder Kommunikationsfähigkeit. Gibt es außerdem wirklich Unternehmen in relevanter Anzahl, in denen sich die Prozesse der Entscheidungsfindung ein Stück weit umgekehrt haben? Ich habe meine Zweifel und ich glaube, dass auch bei dieser These normativer Wunsch und empirischer Ist-Zustand verwechselt werden.

"Why do we need faceless annual reports and third-hand market research studies to introduce us to each other?"

Geht es bei den Jahres/Quartals-Berichten wirklich um Kommunikation oder Kennenlernen? Geht es nicht vielmehr um einen ausgedruckten Showroom der Selbstdarstellung? Muss ich für die Selbstdarstellung wirklich die gleichberechtigte Kommunikation mit virtuellen Counterparts beherrschen? The show must go on.

"We are immune to advertising. Just forget it."

Wir sind als Massenkonsumenten immun gegen Werbung, nur weil wir netzaffinen Menschen meinen, im Netz ausschließlich auf selbstbestimmte konsumpessimistische Gesellschafts- und Systemkritiker zu treffen? Wohl kaum. Wie schon erwähnt sind es gerade die FB-Portale der digitalen Pioniere aus den nicht-digitalen Sphären, die uns vormachen, wie empfänglich Online-Kunden für Werbung sind. Die Zahl der FB-Freunde von BMW liegt um den Faktor 10 über der der Greenpeace-Freunde. Auf 10 Freunde des BMW-Automobils kommt 1 Greenpeac-Aktivist, der nach den Klimafolgen der ressourcenfressenden Automobile fragt. Warum sollte das Unternehmen diese Relation als Misserfolg der Werbung interpretieren?

"Have you noticed that, in itself, money is kind of one-dimensional and boring? What else can we talk about?"

Erst das Web 2.0 und die sozialen Medien haben uns allen deutlich vor Augen geführt, wie viele Menschen dort draußen leben, die emphatisch sind, anderen benachteiligten Menschen helfen wollen und für die es nichts langweiligeres gibt als Geld. Das ist gut so. Das Netz hat aber nicht durch Empathie sondern erst dadurch eine Relevanz für den Alltag des Durchschnittsbürgers bekommen, dass es möglich war, Waren per Amazon zu bestellen, Videos per iTunes zu leihen oder mit der virtuellen Währung Bitcoin zu spekulieren. Nur Geld zählt.

"To traditional corporations, networked conversations may appear confused, may sound confusing. But we are organizing faster than they are. We have better tools, more new ideas, no rules to slow us down."

Lasst uns das Netz überwachen, regulieren, filtern, balkanisieren, feudalisieren, so die (nicht explizit ausgesprochenen) Kampfansagen von Unternehmen, Regierungen und Sicherheitsdiensten an wen? An die eigentlichen und täglich aktiven Nutzer des Netzes. Das Netz wird den Menschen weltweit aus der Hand gerissen, weil staatliche Institutionen einen inhärenten Drang zur Überwachung haben, weil Unternehmen hoffen, als Folge von künstlicher Knappheit und Offline-Grenzen Renditen in die Höhe treiben zu können, weil diese Institutionen den Menschen den Umgang mit dem Netz nicht zutrauen. Weil sich ein Paternalismus ausbreitet, der den Menschen den "Gang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit" erschweren möchte.

Schmerzlose Unfreiheit?

Manchmal trifft dieser Paternalismus dann engagierte Onliner selbst in postdemokratischen Ländern die Willkür von Unternehmen, die demokratisch und/oder politisch nicht mehr kontrollierbar sind. So war es bspw. jüngst der Twitter-Account von @_JennyGER_, einer Piraten/Finanz-Bloggerin, der mit seinen 25.000 Followern aufgrund einer falsch begründeten Meldung durch das ZDF für 2 Monate gesperrt war. Jeder Protest der Bloggerin und ihrer zahlreichen Follower sowie der offensichtliche Irrtum bei der Meldung des Accounts gingen ins Leere. Jegliche Entschuldigung von Twitter für das fehlerhafte Sperren blieb nach Auskunft von @_JennyGER_ aus. Man muss nicht derselben inhaltlichen Meinung wie die nicht dem Mainstream entsprechende Bloggerin sein; entscheidend ist die Willkür, die bei dieser Sperrung zum Ausdruck gekommen ist.

Dieser Konflikt um den Zugang zu frei verfügbarer Information geht für die Bürger und Konsumenten, die nicht im gleichen Maße online unterwegs sind, ohne dass sie es bewusst wahrnähmen gerade zu ihren Ungunsten aus. Der Bürger merkt zur Zeit gar nicht, warum der immer wieder temporär auftauchende Konflikt zwischen Onlinern und Offlinern für ihn so relevant sein müsste. Die Posse um die Benennung des #Datenautobahnministers Dobrindt wird nur einem kleinen Teil der politisch interessierten Öffentlichkeit überhaupt als netzpolitischen Grundsatzproblem bewusst geworden sein. Die Vereinnahmung und Verreglung des "neuen" digitalen Themas und seiner Akteure scheint für die etablierten Akteure das beste Mittel zu sein, um sich der Unbequemlichkeit des Themas letztlich zu entledigen.

Das macht es am Ende für den Bürger und Konsumenten vielleicht sogar erträglicher.