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Sonntag, 9. November 2014

Von der "Youth Bulge" des #Mauerfalls zur "Silver Bulge" des alternden Deutschlands?

Update, 9.11.2014

Vor einem Jahr hatte ich mir einige Gedanken darüber gemacht, warum sich anscheinend niemand darüber zu wundern scheint, dass auf den Bildern von der Nacht des Mauerfalls eigentlich v.a. junge Menschen zu sehen sind. Wie sähen diese Bilder heute aus? Würden sich auf den Bildern dann angehende Opas und Omas in die Arme fallen? Oder andersherum gefragt: War der Mauerfall vielleicht nur deshalb möglich, weil auf beiden Seiten der Mauer gerade besonders viele Menschen in einem Alter waren, in dem man eher auf eine (politische) Barrikade steigt als dies bei Mitte 50-Jährigen der Fall wäre? 

Das Spiegelbild einer jungen Gesellschaft, die gegen die Machthaber auf die Barrikaden steigt, ist dann aber eben tendenziell auch eine stark gealterte Gesellschaft, die sich politischen und wirtschaftlichen Innovationen gegenüber ausgesprochen verschlossen zeigt. 

Die Demographie hat uns vor 25 Jahren geholfen; erschwert sie uns aber heute im Gegensatz dazu den Einstieg in eine digitale Gesellschaft? Ist dieser Kontext nur konstruiert oder könnte er real sein?

Der Mauerfall - Folge eines Youth Bulge?

24 25 Jahre ist es her, dass wir diese Bilder am Abend der Maueröffnung gemacht haben. Es war eine spannende Zeit. Dank der eher jugendlichen Spontanität und des Studentenlebens hatten wir kurzfristig beschlossen, abends von Kiel nach Berlin zu fahren. Ein kurzfristiger Entschluss, den keiner unserer damaligen Fahrgemeinschaft jemals bereut hat. Die Nacht verbrachten wir dann an verschiedenen Mauerabschnitten, an denen sich die Öffnung der Mauer durch stundenlanges Dröhnen der Bagger bemerkbar machte.

Sieht man sich heute die Bilder vom Mauerfall an, so fällt auf, wie jung die Bevölkerung damals gewesen ist. Seien es die Demonstrationen in Leipzig oder später direkt in Berlin; das geschätzte Alter der Menschen, die damals aktiv gewesen sind, müsste nach diesen Bildern bei etwa 30 Jahren liegen. Der ältere Mann mit Hut auf dem oberen Bild ist uns noch gut in Erinnerung als Jemand, der während des langen Wartens "von früher" erzählte. Heute sind etwa 25% der Bevölkerung in dem Alter dieses Herren.

Das Durchschnittsalter der Bevölkerung in Deutschland lag 1989 in Deutschland etwa 5-6 Jahre unter dem Altersschnitt der Bevölkerung im Jahre 2013. Das aussagekräftigere Medianalter ist im gleichen Zeitraum von etwa 37,5 Jahren auf etwa 47 Jahren angestiegen. Dies bedeutet, dass ein heute 47-Jähriger älter und zugleich jünger ist als die jeweils restlichen 50% der Bevölkerung. Zur Zeit des Mauerfalls hatten wir also demnach eine deutlich jüngere Bevölkerung. Der Kontext einer jungen Bevölkerung mit der Bereitschaft zu (deutlichen) gesellschaftlichen Änderungen, wird häufig als Youth Bulge bezeichnet. Hinzu kam im deutschen Fall, dass die Baby-Boomer - teils auf beiden Seiten der Grenze - damals  den Kern dieses Youth Bulge gebildet haben; so waren zur Zeit des Mauerfalls die Baby-Boomer eben genau in dem Alter zwischen 24 und 34 Jahren.

Ich habe mich schon desöfteren gewundert, dass es im Kontext der Youth-Bulge-Debatte bisher anscheinend keinen Verweis auf die relativ junge Bevölkerung der damaligen DDR gegeben hat, sondern dass stets auf afrikanische oder stark islamisch geprägte Länder, die sich in einer Krisensituation befinden, verwiesen wird.

Baby-Boomer überall

Die Baby-Boomer sind jene Personen, die zur Schirrmacher-Generation gehören und uns etwas Jüngeren schon ein Leben lang in etlichen Kontexten vielleicht auch etwas paternalistisch begleiten. Waren es in der Schule die vollen Klassen, die alle Aufmerksamkeit der Lehrer in Anspruch nahmen, so waren es auf den Kinderspielplätzen stets die etwas älteren Baby-Boomer, die die Spielgeräte mit dem Vorrecht des Älteren in Anspruch nahmen und für uns Nachgeborene kein Platz ließen. In der Unizeit waren es die Baby-Boomer, die die politischen Gremien sowie die Assistenten-Stellen besetzten und uns erneut etwas Jüngeren ihre Sichtweise der Dinge allein aufgrund des Umfangs ihrer Alterskohorten aufdrängten. Als wir dann Anfang der 1990er Jahre auf den Arbeitsmarkt drängten, hatten die Baby-Boomer in den Nach-Wende-Zeiten bereits viele interessante Stellen für Akademiker besetzt. Seitdem sind es die Baby-Boomer, die  jetzt zwischen 48 und 58 Jahren alt - den nachkommenden Generationen durch das umfassende Besetzen von Entscheider-Positionen erneut kaum Luft zum beruflichen Atmen lassen.

Symptomatisch für das Selbstverständnis dieser Generation, die sich allein aufgrund des eigenen Kohortenumfangs nie selbst wirklich in Frage stellen musste, steht Schirrmachers Buch "Das Methusalem-Komplott". Darin warnt er vor der Altersdiskrimierung einer alternden Gesellschaft. Es ist schon erstaunlich: nachdem seine Generationen 30 Jahre Zeit hatte, das Bild der Alten in der Gesellschaft positiv zu beeinflussen, befürchtet er, stellvertretend für seine Generation, dass das selbst produzierte Altenbild vielleicht doch nicht so sehr positiv ausgefallen ist, und warnt, kaum dass die Baby-Boomer vor der Verrentung stehen, vor der Diskriminierung der eigenen Generation. Selbstkritik sieht anders aus.

Erleben wir zukünftig die innovationsferne "Silver Bulge"?

Vor einiger Zeit wurde der sogenannte Web Index aktualisiert. Dieser Index beschreibt den faktischen Beitrag des Internets im jeweils untersuchten Staat zu sozialen, ökonomischen und infrastrkturellen Zuständen. Deutschland landete erneut nur auf Platz 16 und damit hinter allen potenziellen und relevanten Wettbewerbern auf dem globalisierten Markt.

Während in vielen asiatischen Ländern und natürlich in Skandinavien neue Formen des digitalen Unterrichts in den Schulen ausprobiert werden, streiten sich bei uns in Deutschland nach wie v.a. technikferne Baby-Boomer in den Ministerien und Pädagogen über Dreigliederigkeit und die Frage, ob Bayern oder Bremen besseren Unterricht bietet.

Der mangelnde Breitbandausbau in Deutschland wird leider nur von einigen betroffenen regional tätigen Unternehmen und der Netzgemeinde beklagt. Einen breiten Widerhall hat dieses Defizit, das zukünftig zu einem gefährlichen Standortdefizit werden könnte, aber in einer Bevölkerung, die im Vergleich zu anderen entwickelten Ländern deutlich älter und technikferner ist, bisher nicht gefunden.

Stattdessen wirbt das Öffentlich Rechtliche, in deren Verwaltungsgremien ebenfalls überwiegend Baby-Boomer sitzen, weiter für traditionelles TV und lässt in den meisten Fällen keine Gelegenheit aus, um die "Gefährlichkeit" und die innewohnende Kriminalität eines anonymen Netzes den Mitgliedern der Silver Age Generation vor Augen zu führen.

Statt in die Infrastruktur des Netzes zu investieren - Stichwort öffentliches WLAN - wird sich lieber Gedanken darüber gemacht, wie mit Hilfe einer Pkw-Maut in Beton und Asphalt investiert werden kann, damit die Autos, die v.a. für die Baby-Boomer-Generationen konstruiert worden sind - SUV, hoher Einstieg, viel PS, hoher Preis - wieder über schlaglochfreie Pisten rasen können. Kein Wort davon, dass nicht nur das TV sondern zunehmend auch der Wert eines Auto-Besitzes von den jüngeren Generationen deutlich relativiert wird.

Statt die Schüler und Studenten mit einer Infrastruktur auszustatten, die die beständige Verbindung zum Netz und die Nutzung der Bildungsressouren - Stichwort OER - ermöglichen würde, wird in Verhandlungen zur #GroKo ohne jegliche Scham sowohl von CDU - Mütterente - als auch SPD - weibliche Altersarmut - die Verschuldung der jungen Generationen in in der Nachkriegszeit noch nie gesehene Schuldenhöhen getrieben, um das eigene älter gewordene Wählerklientel zu Lasten der jüngeren Menschen zu bedienen.

Einer Generation weiblicher Baby-Boomer ist nun im Alter das Erreichen von elitären Machtpositionen - Stichwort Quote in Aufsichtsräten - wichtiger als die Beteiligung - Stichwort Jugendquote - der jüngeren Generationen sowohl an politischen Entscheidungen wie auch in Unternehmen.

Was erwartet uns in einer Silver Bulge-Gesellschaft?

Wir bewegen uns damit in unserer stark alternden Gesellschaft insgesamt weg von Investionen in die Zukunft und in eine jüngere Generation hin zu Statuserhalt, Konsumabsicherung und Verweigerung von technischen Neuerungen sowie politischen Neuerungen - Stichworte Generationengerechtigkeit in die Verfassung und Volksentscheide auf Bundesebene - durch eine ältere Baby-Boomer-Gesellschaft.

Eine beständig kleiner werdende jüngere Alterskohorte am Arbeitsmarkt muss eine beständig größer werdende - bereits heute sehr wohlhabende - und (demnächst) verrentete Baby-Boomer-Generation finanzieren, ohne selbst die Infrastruktur in Bildung und Internet zur Verfügung zu haben, derer es bedürfte, um überhaupt entsprechende Einkommens- und Produktivitätszuwächse erarbeiten zu können.

Damit bleibt am Ende die Frage: Wenn ein Youth Bulge in einer Gesellschaft revolutionäre Zustände befördern kann, kann dann ein Silver Bulge eine Gesellschaft infolge mangelnder Innovationsfähigkeit und Willen zur Veränderung in den Ruin treiben?