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Mittwoch, 16. Oktober 2013

Mein erstes BarCamp - der Kontrollverlust hat sich gelohnt

Fast genau vor 4 Jahren hatte ich zum ersten Mal die Möglichkeit, an einem BarCamp teilzunehmen. Die spezielle Herausforderung bestand nicht nur darin, dass es meine erste Teilnahme war sondern dass wir aus unserem Projekt heraus das BarCamp auch noch selbst organisierten. Die besondere Erfahrung dieser beiden sich überschneidenden Premieren hatte ich damals Moritz Avenarius zu verdanken, der mir monatelang eingeflüstert hatte, dass es an der Zeit wäre, neue Konferenzformate auszuprobieren. Ich bin froh, dass mich Moritz damals überzeugen konnte und wir als Institutionen diesen Weg dann auch gegangen sind. Auch Stefan Evertz (aka @Hirnrinde) gebührt Dank, da er uns damals mehrere Male beratend zur Seite stand.

4 Jahre später ist es erneut Moritz, der mich auf die Blogparade von @Hirnrinde hingewiesen hat, der dazu aufgerufen hatte, über den ersten eigenen BarCamp-Besuch zu berichten. Diese Gelegenheit nehme ich vor dem Hintergrund dieser Geschichte meines/unseres ersten BarCamps gerne wahr.



Die damalige Situation war für mich dadurch geprägt, dass ich nach 15 Jahren Berufstätigkeit traditionelle Konferenzen nicht mehr ertragen wollte. Stets musste man passiv in langen Stuhlreihen sitzend wichtigen Leuten zuhören. Wenn man Glück hatte, durfte man im großen Kreise sogar Fragen stellen. Immer wieder waren sich die Besucher dieser Konferenzen einig, dass die eigentlich interessanten Gespräche sowieso in den Kaffeepausen - und zumeist ohne die wichtigen Panelisten - stattfinden würden. Ja, wieso strich man denn dann nicht einfach die langweiligen Vorträge?

Da wir mit unserem damaligen Projekt FutureChallenges.org gerade an den Start gehen wollten, traf es sich außerdem gut, dass der Charakter eines BarCamps - so die damaligen Berichte der Pioniere - eher auf Mitmachen angelegt ist. Wir erhofften uns in der von uns geplanten Session einige Anregungen zur Ausgestaltung des Projektes. Das Mitmachen, so versprach mir Moritz, werde allein schon dadurch erleichtert, dass keine Einladungen mit der Bitte, Bitte, Bitte um Teilnahme verschickt würden sondern eine Anmeldung durch die Interessierten in Eigeninitiative im Internet erfolgen würde. Diese Menschen, die also nicht angeschrieben werden würden, würden sich zudem am Tag der Veranstaltung auch noch selbst um die Agenda kümmern.

Wie bitte? Wir waren fassungslos.

Wie konnte ein solches Format funktionieren? Wie könnte eine solche Un-Konferenz organisiert werden, wenn nicht alle Einzelheiten vorab geregelt und dann im Ablauf kontrolliert würden?

Sollten wir diesen Kontrollverlust zulassen?

Die Nervosität am Morgen des BarCamps war dann dem entsprechend groß, legte sich aber schnell, nachdem erkennbar geworden war, dass der Tag tatsächlich so ablaufen würde, wie Moritz es uns versprochen hatte. Ungewohnt war für mich dann in unserer Session das tatsächliche Ausmaß der Beteiligung der Teilnehmer an der Diskussion unseres kommenden Projektes. Es gab kritische, positive, engagierte, wohlmeinende und sehr informative Anmerkungen; dies war eine Fülle an Ideen, die mir bis dato auf keiner Konferenz auch nur annähernd untergekommen war (Bildliche Eindrücke gibt es hier. Leider hatten wir damals noch nicht auf CC geachtet). Es war für mich dann auch Ausgangspunkt der Entscheidung, nach Möglichkeit nie wieder an einer traditionellen Konferenz teilzunehmen oder aber im Fall der Fälle eine solche Konferenz mit Mitteln von Social Media zu nutzen, so dass die Zeiten des stundenlangen Sitzens in großen Konferenzsälen ohne die Möglichkeit des Engagements vorbei sein sollten.

Seitdem haben wir u.a. mit dem Government 2.0 Netzwerk Deutschland einige OpenGov-BarCamps gemeinsam veranstaltet. Ich habe inzwischen an vielen BarCamps zu Open Data-, Europa- und Zukunftsfragen teilgenommen. Vor 2 Jahren haben wir unser vorerst letztes BarCamp "How the Internet Changes our Reality" gemeinsam mit dem Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft und dem Club of Rome in Berlin organisiert.

Meine organisatorischen Erfahrungen hatte ich mal vor einiger Zeit im Blog des Gov 2.0 Netzwerkes Deutschland zusammengefasst, da ich der Meinung bin, dass sich das Format auch beständig weiterentwickeln muss, um weiterhin für innovativ denkende Menschen attraktiv bleiben zu können.

  1. Die inhaltliche Debatte in den Sessions könnte nachhaltiger gestaltet werden. Ein Einstieg innerhalb weniger Minuten und die Frage, was mit den Inhalten nach der Session geschehe sind Anlass, sich über eine nachhaltigere Nutzung der Inhalte Gedanken zu machen.
  2. Die Dokumentation der Inhalte erfolgt mangels Ressourcen nur sehr rudimentär. Auch hier wären aus Gründen der inhaltlichen Nachhaltigkeit trotzdem eine strukturiertere Doku sinnvoll.
  3. Sessionsanbieter müssen sich über ihre Rolle vorab im klaren sein: sollen Fragen gestellt werden, möchte ich Feedback, stelle ich ein Projekt vor, soll gemeinsam etwas erarbeitet werden? Unklarheit der Rollen führt zu Unsicherheit bei den Teilnehmern.
  4. Wäre es nicht mal an der Zeit, ein Online-BarCamp auszuprobieren?
  5. Lasst Mehrsprachigkeit zu! Es ist nicht ratsam, eine generelle Konferenzsprache vorzugeben, da dies in unproduktiver Weise Engagement einengt.
  6. Man sollte sich vorab im Klaren darüber sein, ob das BarCamp über mehrere Jahre hinweg als Marke aufgebaut werden soll oder ob es als Format fall- und themenbezogen genutzt werden soll.
Eine Herausforderung bleibt am Ende jedoch bestehen: Wie überzeugt man andere vom Nutzen des Kontrollverlustes?