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Sonntag, 6. Oktober 2013

Gelbe Linien: Einreise in die DDR (1982) - Einreise in die USA (2012)

Die gelbe Linie war stets die kritische Linie, wenn es darum ging, die Grenze zu diesem Land zu überschreiten. Die gelbe Linie war nicht nur einfach die gelbe Linie; sie war vielmehr Ausdruck der impliziten Macht und Willkür, die die Grenzbeamten des Landes, in das man einreisen wollte, auf den Einreisenden ausüben konnten. Begann man die Einreise mit einem unerlaubten Übertreten der gelben Linie vor dem Posten des Grenzbeamten, so musste man mit einer Zurückweisung und einem erneuten Anstehen am Ende der Schlange der Wartenden rechnen. Zudem konnte man sicher sein, in der weiteren Prozedur der Fragen und Angaben nicht sonderlich freundlich behandelt zu werden.

Foto: loop_oh, CC BY ND 2.0 
Wurde einem dann das Überschreiten der gelben Linie erlaubt, so war man erpicht darauf, sogleich den Pass dem Beamten vorzulegen und die Reaktion dieser hoheitlichen Figur mit gewisser Sorge abzuwarten. Wie musste man den Blick deuten? War der Blick des im Umgang mit potenziellen Systemfeinden geschulten Grenzbeamten überhaupt zu deuten oder war es diese Kälte und unspezifische Mimik, die stets verunsicherte?

Nach einem Blick in den Pass und mögliche weitere Reiseunterlagen folgten die obligatorischen insistierenden Fragen, die man teilweise aufgrund der Sprache, die einem immer noch fremd vorkam, nicht vollständig verstand. Nachfragen wäre allerdings eine denkbar schlechte Strategie gewesen, hätte es doch deutlich gemacht, dass man den Beamten entweder nicht richtig zugehört hätte oder aber dass man ihn eventuell noch nicht mal richtig ernst genommen hätte. Die insistierenden Fragen missachteten jeden Form der Privatsphäre und waren eigentlich auch nicht dazu geeignet, mit einem unbekannten Menschen in einem anderen Land besprochen zu werden. Wo man denn gedenke zu übernachten, ob und wie viel Bargeld man dabei habe, zu welchem Zwecke man einreisen wolle, welche Städte und besonderen Ausflugsziele auf dem persönlichen Programm stünden. Auch wurde es immer gern gesehen, wenn sogar Adressen und Namen angegeben werden konnten, über die man selbst während des Aufenthaltes eventuell zu kontaktieren sei.

Begleitet wurden diese Frage und das Ausfüllen von leeren Feldern in bürokratischen Formularen mit Fragen nach eventuell kritischen Gütern, die man im Gepäck dabei habe. Es war durchaus auch üblich, in den Formularen oder in den persönlichen Interviews anzugeben, ob man gegen das System aktiv werden wolle oder dies in der Vergangenheit bereits getan habe. Unsicherheit machte sich breit, war doch nicht klar definiert, was mit systemkritischen Aktivitäten gemeint war und ob nicht vielleicht entsprechende Geheimdienste nicht schon eine persönliche Akte angelegt hatten, da die eine oder andere politische Betätigung die eigene Vergangenheit geprägt hatte. Hatte es beim letzten Telefonat in das Land, in das man einzureisen gedachte, nicht verdächtig in der Leitung geknackt, als man die politische Lage im Einreiseland kritisch diskutierte? Musste der damalige Gesprächspartner eventuell mit Repressalien rechnen, wenn jetzt an der Grenze falsche Angaben gemacht wurden?

Die gesamte Prozedur des Grenzübertritts konnte durchaus im schlechtesten Fall 2 Stunden dauern. Hatte man dann diese Einreise hinter sich gebracht, so machte sich nicht etwa ein Gefühl der Entlastung breit. Nein, ganz im Gegenteil. Es war klar, dass es ab sofort besser war, die Schere im Kopf zu haben, um nicht im falschen Moment das Falsche zu sagen. Denn eines war klar: wurde man während dieses Aufenthaltes politisch auffällig, so konnte man nicht mit der Milde dieses Staates rechnen, dieses Staates, dessen Staatsbürger man nicht war.

P.S. Es gibt Dinge, die ändern sich nicht. Es ist in diesem Fall die Willkür eines Staates gegenüber Menschen, die nicht dem eigenen System zugerechnet werden. Die gelbe Linie war und ist Ausdruck dieser Willkür. Alle o.g. Schritte des Grenzübertritts sowohl in die DDR als auch die USA wurden persönlich so durchlaufen.