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Mittwoch, 3. Juli 2013

Dieses Internet-Ding: Man kann es auch positiv sehen

Wieso stellt dieses Internet eine gefühlte Bedrohung dar?

Das Digitale scheint heute nach wie vor und erst recht nach Aufdeckung von #PRISMA und #TEMPORA für viele Menschen, die nicht täglich im Internet unterwegs sind, etwas Bedrohliches und Unheimliches zu sein. So schreibt @Afelia in der WELT: "Wir stehen mit dem Internet als neuem Kommunikationsmedium auf der Schwelle revolutionärer Möglichkeiten."

Seltsam ist es und wundert mich immer wieder: Wieso macht (Online-) Kommunikation solche Angst? Wieso wird Online-Kommunikation mit Einsamkeit gleichgesetzt? Wieso spricht man von digitalen Horden, wenn man über im Netz aktive Menschen spricht? Wieso wühlt so viele Menschen das Gespräch über die Methoden der online-basierten Zusammenarbeit so auf? Wieso scheint die Debatte über die massenhaften Überwachung der Bürger dann wieder nur eine kleine Community zu interessieren?

Mein Eindruck ist, dass man aus Sicht der Onliner (Disclaimer: die pauschale Einteilung in Off- und Onliner dient der Verbildlichung und ist nicht 1:1 auf die Realität übertragbar) bildliche Anwendungsbeispiele dafür finden sollte, dass das Digitale keine Bedrohung darstellt, dass es helfen kann, globale Konflikte zu lösen, dass es grundsätzlich eigentlich für die Menschen zur Verfügung steht, dass es Grenzen zwischen Menschen und Kulturen einreisst. Nicht im Netz aktiven Menschen muss anhand dieser Beispiele gezeigt werden, wieso das Thema ein Thema ist und dass sie sich dafür nicht fürchten müssen.

So waren es beispielsweise die Überschwemmungen in weiten Teilen Deutschlands und die daraufhin auf Facebook und Twitter einsetzende und koordinierte Hilfsbereitschaft die den Menschen mit einem Schlag vor Augen führte, was das "Soziale" an den sozialen Medien ist. Nicht, dass wir täglich neue Überschwemmungen bräuchten; die Facebook-Gruppen haben aber auch am Ende die bisher zumeist mit dem erhobenen Zeigefinger dozierenden und zwangsfinanzierten Öffentlich Rechtlichen dazu gezwungen, im Sinne der Flutopfer über die unterstützenden Facebook-Gruppen zu berichten.

Der "Trendreport" zeigt uns die positiven Gegenbeispiele


Es gibt darüber hinaus aber natürlich eine Vielzahl weiterer Beispiele, die sich zu einem Gesamtbild der sozialen Interaktionen und Hilfspotenziale des Netzes zusammenfügen. Vor kurzem haben die Aktivisten von Betterplace.org u.a. mit Unterstützung meiner Kollegen aus dem Projekt "Effekt hoch n" eine Meta-Übersicht ("Trendreport") dieser Trends im Netz zusammengestellt, die allen Interessierten Off- und Onlinern empfohlen sei und von denen ich die aus meiner Sicht wichtigsten hier kursorisch darstellen (und teils ergänzen sowie in eigene Worte fassen) möchte.
Ich stelle dabei den Positivbeispielen aus dem Trendreport die jeweiligen negativen Beispiele an die Seite, so dass deutlich wird, wie unterschiedlich ein und derselbe Trend gesehen kann, je nachdem, ob man sich eher als Off- oder Onliner betrachtet.

Reaktion ist in Echtzeit möglich

Negativ: Regelmäßig wird beklagt, dass Themen können nicht mehr "durchdacht" werden könnten. Reaktionen und Äußerungen würden nicht geplant sondern ad hoc erfolgen. Dies verursache Stress sowohl bei Entscheidern als auch denjenigen, über die entschieden wird.

Positiv: Krankheitsausbrüche können global gesammelt und beobachtet werden. Hilfe im Fall von Katastrophen kann vor Ort koordiniert werden. Marktpreisänderungen auf Rohstoffmärkten können am Zwischenhändler vorbei direkt an die Produzenten kommuniziert werden. Wissen kann zeitnah weitergegeben werden.

Behalte dein Geld, dein Engagement zählt

Negativ: Mit den sozialen Medien werde der Kostenloskultur der Weg bereitet. Zudem könnten Idealisten die Welt sowieso nicht retten. Was nichts kostet, könne nichts wert sein.

Positiv: Authentizität gewinnt gegenüber dem Besitz und dem Ausweis an finanziellen Ressourcen an Bedeutung. Es zählt der Mensch und seine Leitung für die Gemeinschaft und nicht sein Geld. Jede/r kann im Kleinen vor Ort helfen. Bisher durch den Marktpreis nicht bewertbare Empathie wird sichtbar.

Die Crowd kennt die Lösung bereits

Negativ: Die Angst der Autoritäten vor Bedeutungs- und Statusverlust führt zu Prozesskonflikten. Gern wird dann auf eine mögliche und unnötige Verlangsamung von Entscheidungsprozessen hingewiesen, die durch den Zwang zur "Alibi-Partizipation" verursacht werde.

Positiv: Das schnellere Finden einer Lösung beschleunigt Entscheidungsprozesse. Entscheidungen werden auf eine breitere Informationsbasis gestellt, so dass sie länger gültig und fundierter legitimiert sind. Dies bedeutet nicht zuletzt eine Wertschätzung der Engagierten. Innovationen jenseits von verfestigten Prozessen werden befördert.

Skalierung ermöglicht Entgrenzung der Wirkung

Negativ: Die Entgrenzung der Wirkung führe zum Verlust von Kontrolle und Steuerung. Man befürchte implizit den Zusammenbruch traditioneller Geschäftsmodelle der Beratung, die auf Knappheit der Informationen beruhen. Es wird zudem kritisiert, dass sich der Wirkungsbereich auf Digital Natives beschränke.

Positiv: Gute Ideen können sich schneller verbreiten und Menschen jenseits nationaler, kultureller und sozialer Grenzen helfen. Entscheidungen können auch von jenseits des eigentlichen Zuständigkeitsraums tradierter Autoritäten beeinflusst werden.

Erzähle deine Geschichte

Negativ: Persönliche Geschichten werden häufig mit Oberflächlichkeit gleichgesetzt. Persönliche Betroffenheiten würden zu stark gewichtet. Gern wird dies in einem Atemzug mit dem drohenden Niedergang des Qualitätsjournalismus genannt.

Positiv: Auch schwierige Sachverhalte kann einer größeren Zahl an Menschen zugänglich gemacht werden. Die Meinungsbildung in der Politik wird aus dem alleinigen Verantwortungskreis der Eliten herausgeführt und stärker demokratisiert; dabei steht die Menschlichkeit und die im positiven Sinne persönliche Betroffenheit im Mittelpunkt.

Offene Daten können auch sinnvoll genutzt werden

Negativ: Daten können angeblich nur von Experten richtig interpretiert werden. Die Verlässlichkeit der Daten, die sich im Netz finden, könne nicht garantiert werden. Die Offenlegung u.a. der Daten, deren Sammlung der Steuerzahler durch seine Steuerzahlungen erst möglich gemacht hat, seien zu aufwändig.

Positiv: Es sind bezogen auf die Problemlage effizientere Entscheidungen infolge transparenter Entscheidungsgrundlagen möglich. Prozesse können optimiert werden, Bürger erlangen infolge der Transparenz der Entscheidungsgrundlagen ein Stück weit ihre Souveränität zurück. Korrelationen zwischen verschiedenen Politikfeldern werden sichtbar. Die Steuerung von Ressourceneinsatz wird verbessert.

Immer erreichbar sein

Negativ: Selbst in den entlegensten Regionen sei der moderne Mensch noch erreichbar. Nie könne man abschalten. Man benötige internetfreie Zeiten. Es gebe nichts, was nicht noch etwas auf mich warten könne. Wieso solle man ständig die Möglichkeit zur technischen Spielerei dabei haben?

Positiv: Selbst in den entlegensten Regionen in Afrika können heute Ärzte medizinische Unterstützung leisten. Mit Solarzellen auf der eigenen Hütte kann die Verbindung per Akku in die Wirtschaftszentren gehalten werden. Somit sind selbst ehemals entlegene Regionen fähig, wirtschaftliche Innovationen gewinnbringend am Markt anzubieten.

Ständige Verbesserung als Chance und nicht als Gefahr begreifen

Negativ: Man müsse auch mal zu einer endgültigen Entscheidung kommen. Wenn ein Beschluss demokratisch zustandegekommen ist, müsse dieser auch Geltung besitzen. Vor dem Beschluss könne man gern Verbesserungsvorschläge vorschlagen; irgendwann müsse aber auch mit dieser Beteiligung Schluss sein.

Positiv: Beschlüsse sind im Moment ihres Zustandekommens bereits wieder veraltet, da sich die Rahmenbedingungen schon wieder verändert haben. Gesetze, Entscheidungen in Unternehmen, politische Positionspapiere, Planungsdokumente können daher immer nur einen Beta-Charakter aufweisen. Sich für ständige Veränderungen zu öffnen bedeutet daher, veränderungs- und anpassungsfähig zu sein. Dies ist eine Chance für die Person, die Partei, das Unternehmen, die gesetzliche Regelung.

Eigenen Zugriff auf potenzielle Ressourcen bekommen

Negativ: Finanzielle, informationelle, politische oder soziale Ressourcen müssen von Institutionen und Experten verwaltet und zugeteilt werden. Politische, soziale und wirtschaftliche Systeme benötigten eine gewisse Verlässlichkeit, um stabilisierend wirken zu können.

Positiv: Es bedarf keiner zentral gesteuerter Institutionen wie Parteien, Banken, Verwaltungen oder großer Unternehmen mehr, um im Einzelfall den Bedürfnissen von Menschen, Bürgern, Kunden entgegen zu kommen. Mit dem Netz werden Einzelpersonen sowie kleine NGOs und Unternehmen in die Lage versetzt, unabhängig vom guten Willen einer anderen Institution Ressourcen zu sammeln, um ein Start-Up zu finanzieren, Hilfe von Bürgern zu koordinieren, Güter und Dienstleistungen sehr viel passgenauer und schneller für Menschen im Bedarfsfall anzubieten.

Neben diese Trends, die ich zum größten Teil in eigenen Worten wiedergegeben habe, führt der Trendreport noch einige weitere Trends auf, auf deren Darstellung ich hier aber aus Platzgründen verzichtet habe.

Zur Erklärung der Trends anhand nachvollziehbarer Praxisbeispiele haben die Aktivisten von betterplace.org zudem noch eine umfangreiche Link-Sammlung auf ihren Seiten platziert, die ebenfalls sehr ans Herz gelegt sei.

Am Ende bleibt zu hoffen, dass auch der Trendreport wieder eine weitere kleine Brücke zwischen On- und Offline-Welt baut, auf der sich beide Seite näherkommen können und das gegenseitige Verständnis fördern können.