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Montag, 22. Juli 2013

Debatten auf Twitter: Sind wir zu Toleranz fähig?

Viele Nachrichten-Gucker/Leser werden sich in diesen Tagen wahrscheinlich dabei ertappen, wie sie auf die Ereignisse in Ägypten schauen, sich fragen, wie sich politische Gruppen mit einem solchen Hass gegenüber stehen können und sich dann einbilden, dass die negative Grundstimmung, die durch dieses #Internetdingens anscheinend mit angefacht worden ist, ja in Deutschland so gar nicht denkbar wäre. Gern wird ja auch von den Experten und Kommentatoren in den Traditionsmedien immer wieder betont, dass die Gesellschaft in den arabischen Ländern zuerst lernen müssen, Demokratie zu leben, mit Demokratie umgehen zu können.

Beim Blick in so manche hiesige Themen-Timeline auf Twitter beschleicht mich aber zunehmend das Gefühl, dass diesem Blick auf andere im Umbruch sich befindende Länder vielleicht eher ein post-koloniales Selbstverständnis als weniger eine objektive Analyse zugrundeliegen könnte.

Foto: Katerha, CC BY 2.0 
"Brechreiz", "Das kotz mich an", "Menschlicher Abschaum, bitte RT", "Spinner gesucht", "Bin angepisst", "Selbstgefällige Lolliklauopfer", "Totalitär-feministische Hirnzwerge", "Privilegiengewichse von nicht-marginalisierten (Männern)", das Erstellen von als Spam zu kennzeichnenden Twitter-Accounts in einer Black-List; dies sind einige wenige und nicht explizit recherchierte Eindrücke aus meiner Twitter-Timeline der letzten 3 Tage.



Kann es sein, dass wir nicht den geringsten Grund haben, von oben herab auf die Länder zu schauen, die sich gerade an die Demokratie herantasten oder vielleicht im Grunde genommen am Ende eine lebendigere Demokratie haben als wir hierzulande.

Wie kann es sein, dass in einem Moment (richtiger Weise) gegen #PRISM und die nicht-demokratischen Auswüchse der Geheimdienste per sozialer Medien vorgegangen wird und im nächsten Moment zum Erstellen einer Liste von Menschen anderer politischer Meinung, um deren Netzwerke zu analysieren, wohlgemerkt in Deutschland und nicht in Ägypten, aufgerufen wird?

Wie kann es sein, dass MdBs offen von "Brechreiz" und "Das kotzt mich an" sprechen, wenn sie die Verhaltensweisen einer anderen Partei zu einem bestimmten Thema ansprechen?

Wie kann es sein, dass Politiker, die in den höchsten Tönen tagtäglich Toleranz gegenüber ihrer eigenen Lebensweise einfordern, über Menschen anderer Meinung als "Fundamentalistische Religioten" sprechen?

Ja, auch ich habe mich schon im Ton vergriffen, denn dazu eignet sich Twitter leider sehr gut. Wenn aber selbst auf Rückfrage hin, ob denn diese Kraftausdrücke wirklich so gemeint seien, noch eine Bestärkung erfolgt, kann nicht mehr von affektivem Posting gesprochen werden.

Es geht dabei nicht um irgendeine richtige oder falsche politische Meinung. Die o.g. Zitate stammen aus allen relevanten politischen Parteien und Richtungen. Wieso ist es so schwer, andere Meinungen auszuhalten? Meinen die betreffenden Personen allen Ernstes, die Welt um sie herum würde oder müsste so denken und die gleichen Denk-Logiken befolgen wie sie selbst? Twitter und Co. führen uns zum ersten Mal vor Augen, dass es dort draußen sehr viele Menschen gibt, die nicht dieselbe Meinung wie man selbst haben. In ehemaligen Zeiten der medialen Gatekeeper konnte man leicht in die Vorstellung flüchten, die Kommentatoren, deren Meinung man verurteilte, würden nur eine Einzelmeinung darstellen, der große Rest der politisch Interessierten würde schon wie man selbst denken. Diese Zeiten des eingebildeten öffentlichen Konsenses sind aber vorbei.

@kritikkultur hat schon vor einiger Zeit einen Post geschrieben mit der Überschrift "Ihr müsst mehr retweeten", in dem er die Verödung der eigenen Twitter-TL in Folge der Ausbildung der bekannten Filter-Bubbles beklagt. Er spricht von seiner eigenen TL ganz offen als einer "Closed-Shop" Veranstaltung mit Gesprächen über Politik und "Meta-Gequatsche". Er appelliert an die Leser, einfach wieder mehr RT zu nutzen, um die TL bunter zu halten. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Kann ich aber die TL bunter gestalten, wenn ich fürchten muss, durch eine politische Äußerung auf einer Black-List zu landen und einen Shitstorm sowie ein Massen-Mailing zu erleben? Wohl kaum.

In der älteren Politikwissenschaft nannte man soziale Konfliktlinien, die ehemals die Parteipräferenzen bestimmt haben, social cleavages. Ehemals gab es nur wenige gesellschaftliche Konfliktlinien. Kirche/Gewerkschaft, Stadt/Land, Arbeiter/Beamte und einige weitere Gegensätze bestimmten die veröffentlichte Debatte. Inzwischen haben sich aber die Lebensstile atomisiert, so dass gesellschaftliche Aggregate schwieriger auszumachen sind und auch eher eine temporäre Natur aufweisen.

Dieses #Internetdingens offenbart nun diese Atomisierung in deutlicher Weise. Ich denke, dass wir noch nicht gelernt haben, mit der Sichtbarwerdung der Atomisierung der Lebensstile umzugehen. Provokativ gefragt: Sind der internationale Berliner Hipster oder der Grüne MdB wirklich zwangsläufig toleranter als das CDU-Mitglied und der Schützenkönig im politisch schwarzen OWL? Ich habe da inzwischen meine Zweifel. Die umgekehrte pauschalisierte Sicht ist natürlich genauso wenig richtig.

Was kann man/frau tun?

Wie o.g. ist die Nutzung der RT-Funktionalität ein erster wichtiger Schritt. Tauchen damit dann politische Meinungen in der TL auf, die einen selbst "antriggern", dann heißt es 3x tief durchatmen und nicht sofort über Twitter öffentlichkeitswirksam zu lamentieren, dass man ja wieder so "engstirnige" Tweets lesen und deren Verfasser sofort "melden" müsse. Vielleicht hilft es, sich mal zu überlegen, in welchem Kontext der missliebige Tweet geschrieben worden sein könnte, was den Schreibenden dazu bewogen haben könnte, eine solche Äußerung zu tätigen. Vielleicht ist es ja erhellend, den Verfasser zu fragen, wie er die Aussage denn genau meine?

Wie wäre es mit einem Dialog? Alles andere ist inhaltliche Monokultur, fade und öde sowie einer lebendigen Demokratie nicht würdig.

Vielleicht sollten wir am Ende nicht ständig mit dem Finger auf Ägypten zeigen? Vielleicht können wir von Ägypten lernen?