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Sonntag, 12. Mai 2013

Werdet (nicht) politisch!

Sascha Lobo folgte in seinem Vortrag, der in einen politischen und in einen technischen Teil aufgeteilt war, der Argumentation, die er schon vor kurzem in seinem Blogpost zum #LSR vorgebracht hatte: die Netzgemeinde muss sich fragen lassen, ob sie nicht endlich mal etwas politischer und allgemein verständlicher für die eigenen Belange eintreten will.

Mit dieser Aufforderung fordert Lobo nichts weniger, als dass die Netzgemeinde sich auf politische Logiken und Spiele einlässt und sich in "das System" integriert. Schon Dueck hatte in seinem Vortrag u.a. die einfache Botschaft transportiert, dass man sich über seine Wertekreise hinweg unterhalten können muss. Die Piraten gehen auf dem gegenwärtig stattfindenden Bundesparteitag anscheinend denselben Weg, indem sie auf langanhaltende Forderungen der durch die Medien verstärkten Auffassung eingehen, Positionen zu beziehen. Es scheint sich also gegenwärtig nach den vielen Erfahrungen mit fehlgeschlagener Kommunikation zwischen Netzgemeinde und Politik ein Wandel anzudeuten. Dieses "Sich-Einlassen" auf das politische Spiel dürfte schon schmerzhaft genug werden; es werden sich mit Sicherheit nicht alle Beteiligten - vielleicht noch nicht einmal die Mehrheit - auf den Weg zum System der Offliner begeben. Zur Zeit scheint dies aber die einzige Möglichkeit darzustellen, die Rahmenbedingungen für ein freies und schnelles Internet in Deutschland auch nur einiger Maßen mitbestimmen zu wollen.



LSR, VDS, BDA, Drosselkom, Netzneutralität, Funkzellenabfrage sind alles Themen, die die gegenwärtige Regierung zu verantworten hat oder aber hätte. Dies entlässt aber, so Lobo, die Netzgemeinde nicht aus der Pflicht, endlich politischer aufzutreten (Seitenhiebe auf die Piraten durften nicht fehlen und wurden demonstrativ mit Applaus unterstützt) und sich die Sprache, Sichtweise und Argumentation der Politik anzueignen. Im Kern, so Lobo, läuft dies auf die Frage hinaus: Was könnte Merkel interessieren?


Ein Logo für das Internet?
(Foto: Ole Wintermann)


Die Bundeskanzlerin könnte beispielsweise interessieren, inwiefern die #Drosselkom mit ihrem Verhalten den Standort Deutschland für Internet-Startups gefährdet, in welcher Weise die juristisch überbordende Regulierung des Netzes in Deutschland dazu führen könnte, dass man eine große Zukunftschance für das Land verspielt. 

Die Kombination der Ansätze von Lobo (werdet politisch) und Dueck (denkt in Meta-Diskursen) formt in idealer Weise die Agenda der Netzgemeinde für die Bundestagswahl und das nächste Jahr. Es bleibt abzuwarten, ob Netzpolitik es schafft, nach Demografie, Umwelt- und Frauenpolitik auf Bundesebene DAS nächste große Querschnittsthema zu werden.

In dem technischen Teil seines Vortrags sprach er über die aufkommenden oder bereits existierende technischen Trends. Wenngleich Augmented Reality bereits vor 3-4 Jahren ein Thema auf entsprechenden Barcamps gewesen ist, scheint es v.a. wohl die aktuelle Android App Ingress zu sein, die es mit sich bringt, dass AR langsam dem breiten Nutzerpublikum gegenüber bekannter wird.



Quantified Self ist ein weiterer Trend, der nicht nur eine Spielerei mit körperbezogenen Daten (Gewicht, Kondition, Schlafqualitat, etc.) ist, sondern vielmehr den ersten Schritt in das komplette Screening des eigenen Verhaltens (noch: durch selbstbestimmte Datenerfassung) darstellt. Der kommunikativen Fehltritt von Telefonica deutete vor kurzem an, in welch fatale Richtung sich dieser Trend entwickeln könnte.

Schließlich stellte Lobo das Projekt Reclaim.fm vor, dass, wenn es technisch gut umgesetzt wird und für Nicht-Nerds nutzbar ist, durchaus wegweisend sein könnte. War es in den letzten Jahren opportun, alles in die Cloud zu verlagern, so haben nicht zuletzt die aggressiven Datentransferabkommen der USA, der laxe Umgang von Facebook und Co. mit den Sorgen der Nutzer um ihre Daten und eine schlechte Breitbandversorgung in Deutschland diesen Trend der Auslagerung von Daten stark ausgebremst. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass sich gegenwärtig ein Trend zur dezentralen Cloud-Anwendung andeutet. Dies kann die Cloud auf dem eigenen Server Zuhause oder aber bei kleinen regionalen Serverdienstleistern sein. Reclaim.fm soll irgendwann die Sammlung sämtlicher sozialer eigener Aktivitäten im Netz auf einer einzigen Blogseite dienen, um damit letztlich auch den Überblick über die eigenen Aktivitäten zu ermöglichen.