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Donnerstag, 16. Mai 2013

re:publica 13: Positives, Verbesserungspotenziale und sich abzeichnende Trends

Das Bühnenbild war jetzt nicht SO aufregend
(Alle Fotos: Ole Wintermann)
Die diesjährige RP13 war die insgesamt vierte RP, an der ich teilnehmen konnte. Wenngleich vier Jahre nur einen Abschnitt der Entwicklung der RP insgesamt darstellen, kann man doch einige Entwicklungen erkennen, die positiv, kritisch oder einfach neutral zu bewerten sind und aus denen sich mögliche Verbesserungspotenziale (einer sowieso schon spannenden Veranstaltung) ergeben.

Mein Dank gilt vorab aber dem engagierten Team der #RP13 und den vielen ehrenamtlichen Helfern, die es vermocht haben, dass man sich trotz der 4.000 Teilnehmer und der komplexen Agenda nie verloren gefühlt hat.

Unser Projekt www.futurechallenges.org hatte sich gemeinsam mit der ZBW in Hamburg mit dem Projekt "Open Solution" (Idee: crowd-basierte Erarbeitung von Lösungen für Globalisierungsprobleme) um eine Session beworben. Nachdem wir im letzten Jahr schon die Möglichkeit hatten, eine Session anzubieten, waren wir dieses Jahr leider nicht zum Zug gekommen. Mal sehen, ob sich nächstes Jahr wieder die Möglichkeit bietet, aktiv Inhalte anzubieten.

Was ist positiv zu sehen?
  1. Der Umzug vom Friedrichstadtpalast in die Station-Berlin ist aus meiner Sicht überwiegend positiv zu bewerten. Der zusätzliche Raum bietet Entwicklungsmöglichkeiten für die Teilnehmerzahl. Zudem passt die Örtlichkeit (bis auf die viel zu knapp bemessenen Toilettenkapazitäten) atmosphärisch sehr gut zu den Themen des Events. Angesichts dieser positiven Aspekte fällt die größere Innenstadtentfernung weniger ins Gewicht.
  2. Die Teilnehmer der RP13 sind grundsätzlich von positiver Motivation, Engagement, Offenheit, Kollaboration, Wertschätzung geprägt. Die positive Grundstimmung der RP finde ich auf keiner anderen Veranstaltung und Konferenz vergleichbarer Größe (Man stelle sich vor, der IT-Gipfel würde etwas von dieser Energie ausstrahlen; nun ja, das ist aber ein anderes Thema...)
  3. Neben den vielen BarCamps im Laufe eines Kalenderjahres bietet für mich nach wie vor nur die RP das authentische Erlebnis, das Gefühl zu haben, bezüglich netzpolitischer Themen am Puls der Zeit zu sein. 
  4. Die Redner- und Themenliste der RP ist bunt, ohne dass dies ins Belanglose umzukippen droht. Die Balance zwischen Tiefe und Breite der Vorträge ist aus meiner subjektiven Warte heraus sehr gut erreicht worden. Man hat nicht den Eindruck, passiver Teilnehmer einer Veranstaltung von geklonten Interessenvertretern zu sein. Von Cyborgs, Hacker-Punk über Verwaltungsdaten bis hin zu Umweltaktivisten finden sich alle Themen, deren gemeinsames Oberthema das Netz darstellt. 
  5. Man merkt dem Charakter der RP insgesamt an, dass auf den Bühnen keine Funktionsträger und Vertreter von Institutionen stehen, sondern ganz eigene Persönlichkeiten, die eine Botschaft transportieren. Es zählen damit die persönlichen Botschaften und Geschichten deutlich mehr als die gesichtslosen Botschaften von Funktionsträgern.
  6. Die Balance zwischen Vorträgen auf der einen und Kaffee-Talk auf der anderen Seite ist immer gegeben. Man ist weder von belanglosen Vorträgen noch Fokussierung allein auf das Kaffeetrinken gelangweilt.
  7. Die konsequente Öffnung für englischsprachige Sessions hat der Bandbreite der Inhalte gutgetan.
  8. Die Auswahl des Essens und Trinkens lässt keine Wünsche offen. Die Gerichte werden immer nahezu frisch zubereitet und sind im Umfang genau auf einen solchen Event abgestimmt.
Nicht jeder Sponsor wurde mit offenen Armen empfangen

Was könnte man kritisch sehen?
  1. Die Räume scheinen häufig entweder zu groß (Stage 1) oder aber generell zu klein (bspw. Stage 3) zu sein. Es gab nur wenige Räumlichkeiten, die einiger Maßen gut zur Zahl der Sessionteilnehmer passten. Folge waren entweder leere Stühle oder überfüllte Räume mit teils schlechter Belüftung.  
  2. Die Größe der Veranstaltung bringt es unter Kostengesichtspunkten anscheinend mit sich, dass zunehmend auch größere und im Allgemeinen bei den Teilnehmern nicht so beliebte Sponsoren mit dabei sind. Die Veranstalter sollte darauf achten, dass der Charakter sich nicht hin zu einer Verkaufsveranstaltung entwickelt. Wenngleich dieses Risiko relativ gering erscheint, sollte es doch stark im Interesse der Veranstalter liegen, dass der Markenkern der RP (die Gemeinde trifft sich zu netzpolitischen Themen) nicht durch die großen externen Marken verwässert wird.
  3. Das System der Qualitätssicherung der Vorträge sollte transparenter und stringenter erfolgen. Die qualitative Bandbreite sowohl der Inhalte als auch der Vortragsmethode ist doch sehr groß. Man muss heute keinen Beitrag mehr ohne Folien, Struktur und jeglichen netzpolitischen Bezug im Rahmen der Veranstaltung halten (Bsp. Allmendinger). Positivbeispiele wie die Vorträge von Dueck, Kleske und Schleicher könnten die Kriterien für die Auswahl im nächsten Jahr liefern.
  4. Der RP-Blog im Netz dient nicht wirklich als digitaler Kompass für die Inhalte der Vorträge sowie die Social Media-Aktivitäten der Teilnehmer. 
Offline-Variante von Facebook und Google+

Vorschläge zur Verbesserung
  1. Die auf Papier ausgedruckte und als Wall platzierte Agenda der RP12 war eine schöne Möglichkeit, mit Leuten ins Gespräch zu kommen und ohne im PC oder dem Faltplan extra nachschauen zu müssen einen guten Gesamtüberblick über die Veranstaltung zu erhalten. 
  2. Erhöhung der Toilettenkapazitäten.
  3. Transparente Vorgabe von Anforderungen bezüglich der Qualität/Neuigkeitswert/Vortragsart bei der Ausschreibung der Sessions.
  4. Zeitnaher Release der Vortrags-Videos (nach welchen Kriterien werden Videoaufnahmen gemacht?).
  5. Umfangreichere technische Möglichkeiten zur Verlinkung und Vernetzung der Inhalte des eigenen Blogs mit dem RP-Blog sowie zentrale Inhalte-Pools (bspw. für Bilder hier muss ich mich korrigieren. Der Fotostream befindet sich nun hier) anbieten.
  6. Kooperationen mit ausländischen Medienpartnern anstreben, um die nach wie vor starke Fokussierung auf Deutschland etwas aufzuweichen.
Ideale Rahmenbedingungen

Welche Trends waren in den Vorträgen erkennbar?
  1. Globalisierung ist inzwischen deutlich mehr als der Austausch von Gütern über tradierte staatliche Grenzen hinweg. Jeder einzelne Internetnutzer kann inzwischen Produkte unter seinem Namen herstellen lassen, Designer in Indien konkurrieren mit Designern in Europa, staatliche Konstrukte werden nur noch als Hemmnis des Austauschs von Gütern und Informationen zwischen Menschen weltweit betrachtet, das Wissen über miserable Produktionsbedingungen kann durch keine Greenwashing-Kampagne mehr unter Kontrolle gehalten werden. Haben wir die Antworten auf die Frage, wie auf diese totale Globalisierung reagiert werden könnte? Wie verhalten sich reglementierte nationalstaatliche Systeme zur Freiheit der Globalisierung?
  2. Gleich mehrere Vorträge haben sich dem Thema "Cyborg" aus technischer wie ethischer Perspektive genähert. Wenngleich die Vorträge teils etwas abwegig erschienen, deuten sie doch an, wohin die technisch mögliche Reise gehen könnte. Implantierte Chips, Kameras oder sonstige Sensoren geben eine Ahnung davon wieder, in welcher Weise die Menschen zukünftig ihre Sinne erweitern könnten.
  3. Die Nachricht, dass Google Palästina anerkannt hat, hat vor kurzem die Frage aufkommen lassen, welche Art von Institution (Staat oder Netzunternehmen) für den Alltag der Menschen inzwischen relevanter geworden ist. Nur im Netz ist jeder Mensch gleich. Staaten und Regulierungen werden zunehmend als Verursacher für Konflikte, Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten wahrgenommen. Die Menschen wenden sich zunehmend von Staaten und traditionellen Institutionen ab und wenden sich gleichzeitig den Menschen mit gleichem Interessenhorizont im Netz zu. Global Governance erhält damit gleich eine vollkommen andere Konnotation.
  4. Sollen sich Onliner dem traditionellen Politikbetrieb zuwenden, um ihre Interessen im Offline-System abzusichern? Diese Frage wurde nicht nur in der Piratenpartei diskutiert sondern auf der RP13 auch von Dueck und Lobo gestellt. Die Gefahr der Aufgabe der digitalen Identität muss abgewogen werden mit der Chance, Online-Interessen im Offline-System abzusichern. Eine Antwort auf diese Frage ist nicht in Sicht.
  5. Coding ist DIE zukünftig nachgefragte Kompetenz, die aber gleichzeitig auch absolut unabhängig vom Ort der Erstellung ist und damit die aktiven Coder einem hohen Wettbewerbsdruck aussetzt. Wenn Roboter und Algorithmen zunehmend Menschen ersetzen, sollte es das Ziel sein, Programmierer genau jeder Roboter und Automatismen zu sein.
  6. Krypto-Partys, VDS, BDA, VPN und TOR sind Begrifflichkeiten, mit denen man sich in Zukunft vielleicht im eigenen Interesse noch besser beschäftigen sollte. Schien die Warnung von @ioerror auf der #RP12 zu Facebook als dem ersten weltweiten Überwachungsinstrument noch sehr fatalistisch, rücken diese Themen nun langsam in das Blickfeld der normalen User. Man sollte sich also langsam auf den Weg begeben, um sich in diesen Fragen fortzubilden.
  7. Nach dem Vortrag von Gunter Dueck, der dort als Einzelperson/persönlichkeit vor ca. 2.000 Teilnehmern gesprochen hatte, wurde für den Redepart direkt im Anschluss der Direktor eines bekannten IT-Forschungsinstitutes mit einem Millionenbudget angekündigt. Von den 2.000 Zuhörern verblieben schätzungsweise 50 im Saal, um dem Direktor zu lauschen. Besser als dieser Gegensatz des Umfangs der Zuhörerschaft kann der Wandel in der öffentlichen Relevanz hin zum Social Trademark nicht verdeutlicht werden. Die Menschen wollten Dueck, der keinerlei öffentliche Funktionen ausübt, zuhören, sie waren jedoch nicht an den Ausführungen des Funktionsträgers interessiert. Zu Ohren kam mir in diesem Kontext die Anekdote eines Vorstandes, der sich fragte, wer er eigentlich sei, wenn er keine Vorstandsfunktion mehr innehabe.
Man könnte auch fragen: Wofür stehst du? Was treibt dich an? Wer bist du? Warum sollte ich dir zuhören?

Es kann nicht schaden, sich diese Frage ab und an selbst zu stellen.


Quo Vadis Netzpolitik