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Mittwoch, 8. Mai 2013

Finden Off- und Onliner zueinander?

Foto: Ole Wintermann
Die diesjährige re:publica begann fuer mich mit dem Vortrag von Gunter Dueck, der in gewohnt launiger Art und Weise dem Teilnehmern der Veranstaltung positiv und erfrischend gegenüber trat, gleichzeitig aber auch die Leviten las. Hauptbotschaft seines Vortrages war: Tretet ein Stück zurück, betrachtet die politischen Debatten im TV und im Netz von der Meta-Ebene aus und fragt danach, worüber eigentlich wirklich diskutiert wird.

Update vom 10.5.; nun ist der Vortrag auch auf Youtube erfügbar


Sprechen wir über das Netz oder sprechen wir über Menschenbilder?

In den Talkshows des deutschen Fernsehens kann man ermüdende binäre Diskussion beobachten (schwarz/weiß-Positionen), was fehlt ist hingegen der differenzierende Diskurs (Bereitschaft zum in Frage stellen der eigenen Position). Die fehlende Fähigkeit zum Diskurs verortete Dueck in der mangelnden Empathie als Folge eines kulturellen Ethnozentrismus. Diese Aussage kommt einem bei gewisser Kenntnis der systemischen Theorie nicht ganz unbekannt vor. Wie auch bei Sascha Lobos Vortrag am Abend gilt aber, dass beide Redner die Gabe besitzen, das zu formulieren, zu strukturieren und auszusprechen, was die meisten Onliner wahrscheinlich als unbestimmtes Gefühl mit sich herumtragen.

Halten wir andere Meinungen aus?

So definierte Dueck in seinem Vortrag verschiedene Arten kultureller Wertekreise, innerhalb derer die meisten Menschen (parteipolitisch) verortet werden können. Dabei ist wichtig zu betonen, dass Dueck jede Wertung vermieden hat. Ihm ging es vor allem darum, dass sich Teilnehmer eines Diskurses gewahr werden, Mitglied welchen Kreises sie sind und zu erkennen, mit welchen Begriffen und Wertungen die Mitglieder anderer Wertekreise kommunizieren. Wichtig ist das Erkennen der möglichen anderen Lebenswelt des Gegenübers. Nicht der Diskurs mit Gleichgesinnten führt zu Erkenntnisgewinn sondern der Diskurs mit Andersdenkenden.


Stehen sich Macht und Freiheit gegenüber?

In den Wertekreisen, in denen "Macht" die zentrale Variable darstellt, dominiert autoritäres Herrschen als zentrale Handlungsmaxime. In diesen Kreisen dreht sich alles um den Machterwerb und Machterhalt durch "die Besten". Herrschaftsinstrumente sind Personenkult, Unterdrückung, Überwachung und Zensur. Entscheider werden verehrt. Änderung wird von den Untergebenen nur erhofft, nicht jedoch aktiv versucht. Wissen ist ein Instrument der Machtausübung und wird nur weitergegeben, wenn es unbedingt notwendig ist. Intellektuelles wird als Gefahr gesehen. Innovation gibt es allein in Folge von politischen Eroberungen und Aufkäufen. Positiv werden solche Entscheider als "starke Persoenlichkeiten" konnotiert.

Foto: Ole Wintermann
"Pflicht und Schuld" (SPD, CDU) sind die zentralen Bestandteile der Wertekreise, in deren Zentrum "das System" steht. Kennzeichen der Machtausuebung sind komplexe Hierarchien, Bürokratie, Kontrolle, Regeln. Privilegien und Aufstiege werden "nach Verdienst" vom System zuerkannt. Oben stehen die Etablierten, die sich als gut "funktionierende Räder im Räderwerk" des Systems bewiesen haben. Unten wird nach Sicherheit und gutem Startchancen gestrebt. Der Grad der formalen Bildung bestimmt die Stellung in der Hierarchie des Systems. Innovation wird Begriffen als stete Weiterentwicklung in vorgegebenen Rahmen. Technologischer Fortschritt löst Unsicherheit aus. 

Im Wertekreise des "Winner takes it all" (FDP) dominieren Handlungsmaximenwie harte Arbeit, Markt, Wettbewerb, Erfolg. Als Folge der extremen Individualisierung der Sichtweise wird sich gegen die "Bevormundung" durch den Staat verwahrt. Oben stehen die, die "es geschafft haben". Sie sind Vorbild fuer die Unteren, die es auch irgendwann schaffen wollen, die es aber bisher aus eigenem Verschulden heraus noch nicht nach oben geschafft haben. Bildung wird als Instrument zur Erreichung der Pole-Position begriffen. Es zählt im wahrsten Sinne des Wortes die Bildungsrendite.

In den Wertekreisen der "Sinn-Gemeinschaften" (Grüne) zählt das Engagement für die Gemeinschaft. Toleranz, Empathie, christliche Grundwerte bilden die Basis für den Umgang miteinander. Unterscheidungen zwischen oben und unten werden sowohl einkommensbezogen als auch mit dem "Du" nach Möglichkeit minimiert. Bildung bedeutet die Fähigkeit zur Personlichkeitsentwicklung. Nachhaltigkeit und Verwirklichung dieser Grundwerte sind handlungsleitend.

Schließlich gibt es den Wertekreis der Selbstverantwortlichen und "Freien" (Piraten). Persönliche Unabhängigkeit und Absicherung Aller sind keine Antagonismen. Probleme werden gemeinschaftlich und transparent gelöst. Oben stehen anerkannte "Meister", die aber auch wechseln können. Häufig gibt es technisch verortete Spezialinteressen, die die Beteiligten in Open Source-Lösungen einbringen wollen.

Können Off- und Onliner zueinander finden?

Abschließend übertrug Dueck diese Systematik auf die Frage nach der individuellen Fähigkeit der Anpassung an Veränderung und Innovation. Hintergrund dieser Übertragung war die immer wieder auf der #RP13 anzutreffende (berechtigte) Klage der Onliner über das mangelnde Verständnis der Offliner von der gesellschaftspolitischen Relevanz netzpolitischer Themen. Der netzpolitische Diskurs und damit der Einfluss netzpolitischem Themen auf die Politik kann nur dann fortentwickelt werden, wenn sich die verschiedenen Teilnehmer des Diskurses über die unterschiedliche Kommunikation und das wertespezifische Verständnis von Semantiken bewusst werden.

Foto: Ole Wintermann
Dueck stellte am Schluss seines wie immer lebendig vorgetragenen Beitrags einige einfache Grundregeln für einen solchen Diskurs auf:

  • Menschen, die andere Wertekreise verstehen wollen, sind keine Verräter der eigenen Kreise
  • man muss miteinander über Wertegrenzen hinweg sprechen dürfen
  • das Auffinden von Gemeinsamkeiten kann nicht schaden
  • Veränderung sollte positiv konnotiert werden
  • es muss ein Mittelweg zwischen der Notwendigkeit zur Innovation und dem Versuch der Besitzstandswahrung gefunden werden 
Dueck hat damit eine Art Meta-Agenda fuer die netzpolitische Debatte der nächsten Monate aufgestellt, die man sich, gerade mit Blick auf ermüdende und enervierende Politiktalkshows, durchaus regelmäßig in Erinnerung rufen sollte. Vielleicht können die Piraten diese Sichtweise ja sogar noch rechtzeitig für ihren Wahlkampf nutzen, um eine Brücke zwischen Off- und Onlinern zu bauen.