.

.

Montag, 13. Mai 2013

Allmendinger, @SchleicherEDU und @jkleske zu Arbeit, Globalisierung und Bildung auf der #RP13

Das "Ende der Arbeit" interessierte etliche Teilnehmer
(Foto: Ole Wintermann)

Wie unterschiedlich man Vorträge zum Thema "Arbeitsmarkt" gestalten kann, konnte man sehr schön den Vorträgen von Jutta Allmendinger, Andreas Schleicher und Johannes Kleske beobachten. Alle drei Vortragende stehen für unterschiedliche Generationen und Herangehensweisen an das Thema Arbeit/Bildung. 

Jutta Allmendinger - Zeit, Geld, Familie

Jutta Allmendinger rief in gewohnter Weise Stereotypen ab ("die Frauen", "die Männer"), ohne dies irgendwie mit Daten und Folien zu begleiten. Der übliche Hinweis bezog sich auf "die Studien, die wir durchgeführt haben". Andere soziodemografische Merkmale wie Alter, soziale Herkunft, Migrationshintergrund, Bildung, Stadt/Land blieben gänzlich unerwähnt. Das ist wenig wegweisend. Die Welt schien im Vortrag von Jutta Allmendinger nur aus stereotypischen Männern/Frauen und ihren Problemen, die sie miteinander in der Haushaltsaufteilung haben, zu bestehen:
  • Frauen wollen mehr Arbeit UND mehr Zeit fuer Familie.
  • Stereotype in der Verteilung der Arbeit sind zusammengebrochen (Frage: Wieso arbeiten die Studien dann mit diesen Stereotypen?)
  • Familienpolitik ist Frauenpolitik
  • In den Gender Pay Gap dürfen Strukturmerkmale wie bspw. Arbeitszeiten nicht mit einbezogen werden (deren Berücksichtigung würde ja auch zu gänzlich anderen Zahlen führen), da dies nur die bestehende Logik des Arbeitsmarktes verstärken würden
Die Ausführungen sind nicht neu und stehen in der Tradition ihres festen Weltbildes. So hat sie bereits vor Jahren für die (traditionelle) Hausmännerehe geworben mit dem Hinweis, dass Männer ja sowieso schlechter qualifiziert seien. Die Dominanz dieses festen Weltbildes ist bei ihr auch bei diesem konventionell vorgetragenen Beitrag wieder deutlich geworden. Schade, langsam wird es langweilig.

Die Frage, wie Männer UND Frauen den Widerspruch zwischen mehr Karriere auf der einen und mehr Kindern und Familie auf der anderen Seite auflösen können, "beantwortete" Allmendinger im allerletzten Satz ihres Vortrags mit dem Hinweis, man müssen "die Marktwirtschaft neu ordnen". Nun ja...

Johannes Kleske - Das Ende der Arbeit

Gänzlich anders gestaltete sich der Vortrag von Johannes Kleske, der er vermochte, die Zuhörer durch die Kombination einer reduktionistischen Foliengestaltung, der Verbindung von historischen Analysen mit geschichtlichen Bildern und des Fokus auf ein höchst brisantes und alle Arbeitenden interessierenden Themas wahrlich in seinen Bann zu ziehen. Der Vortrag dauerte eine ganze Stunde; dennoch leerte sich der Saal nicht sondern zog ganz im Gegenteil immer mehr Zuhörer, wie auf dem obigen Bild erkennbar ist, in seinen Bann.

Kleske meint, dass wir allzu häufig nur die negativen Bilder von Robotern im Kopf haben. Dabei gibt es gerade in der Pflege viele Bereiche, in denen Roboter Dienste ergänzen und verbessern können. Beispiele für weitere Automationen sind Google Car und der Einsatz von Drohnen. Nun denkt jeder bei Drohnen sicherlich zuerst an deren bedenklichen militärischen Einsatz. Kleske meinte hierbei jedoch eher den Einsatz von Drohnen zum Sammeln von bspw. Verkehrsdaten.

Zudem sind Roboter, und dies war für mich ein neues Verständnis von "Roboter", nicht nur physikalisch zu betrachten. Auch Algorithmen stellen eine Art von Robotern dar.


Foto: Ole Wintermann
Kleske verdeutlichte anschaulich am Beispiel von Ärzten und Juristen, wie die Automation von Tätigkeiten inzwischen selbst in Bereiche vorgedrungen sei, in denen man nie vermutet hätte, dass jemals eine menschliche Tätigkeit durch Roboter ersetzt werden könnten. So können Mustererkennungen in der Fall-Diagnose und der Recherche der Rahmenbedingungen sowohl bei Juristen als auch Ärzten eingesetzt werden. Sport- und Wirtschaftsjournalisten werden in den USA teilweise schon durch Algorithmen ersetzt.

Der nächste Schritt in der Dezentralisierung von Produktion und des Einsatzes von Robotern wird der Einsatz von 3D-Druckern sein.

Die quantitative Analyse der Entwicklung zeigt nach Kleske, dass vor allem im mittleren Einkommensbereich Jobs wegfallen. Zudem steigert der technische Fortschritt die Geschwindigkeit des Verscwindens von Jobs gegenüber der Entstehung neuer Jobs. Die Zeit nach der Finanzkrise ist nach Kleske bzgl. der Arbeitsmarktdaten in den USA davon geprägt, dass sich das Wirtschaftswachstum schon seit Monaten von der Beschäftigungsentwicklung abgekoppelt hat.

Er zeigte zwei mögliche Zukunfts-Szenarien dieser Entwicklung auf; in der Dystopie übernehmen Maschinen die Kontrolle und die Entscheidungen, die eigentlich nur die Menschen betreffen. In der positiven utopischen Variante übernehmen Maschinen unsere Arbeit und geben uns damit - ebenso wie das bedingungslose Grundeinkommen - erst die Freiheit zur Selbstverwirklichung. 

Den abschließenden Vorschlag, mit dieser Herausforderung hierzulande umzugehen, fand ich innovativ, da so noch nicht gehört: Wir sollen das Dichter und Denker-Selbstverständnis nicht nutzen, um GEGEN Internet und Robotik zu agieren, sondern um die gegenwärtigen Debatten intellektuell tiefer zu durchdringen, als dies bei den Erik Schmidts dieser Welt geschieht. 

Andreas Schleicher - 21. Century Skills

Das dritte Beispiel eines Vortrags zu den Themen "Arbeitsmarkt/Bildung" war die Keynote von "Mr. Pisa", Andreas Schleicher, von der OECD. Dem Vortrag, der mit einer zum Glück technisch nicht überbordenden Prezi-Präsentation unterstützt wurde, zeigte sehr schön - und dies im Gegensatz gerade zum Allmendinger-Vortrag - wie man umfangreiche Daten in kurzen und prägnanten Ergebnissen erläutern kann. Man merkte Schleicher seine jahrelange Erfahrung in diesem Themenfeld und dem proaktiven Umgang mit den üblichen Gegenargumenten an. Aus meiner persönlichen Sicht war dies neben dem Vortrag von Dueck der produktivste Vortrag, dem ich auf der #RP13 beiwohnen konnte.



Da der Vortrag aufgezeichnet wurde und zudem so informationsdicht ist, dass der Versuch der vollständigen Wiedergabe scheitern muss, habe ich mal im Folgenden die aus meiner Sicht wichtigsten Aussagen aufgeführt:
  • Grundsätzlich ist zu erkennen, dass gute Bildung mit späterer Lebenszufriedenheit und Vertrauen in die Institutionen einhergeht. 
  • Oft zählen die Zertifikate und nicht das, was man kann. 
  • Der Umfang von manuellen Routinearbeiten nimmt stark ab. Das was leicht unterrichtet und überprüft werden kann, wird immer wichtiger, nimmt aber auch in der aktuellen Wertigkeit stark ab (Halbwertszeit des Wissens).
  • Die Fähigkeit zu Analyse und Interaktion, und nicht etwa das Bespielen der "Festplatte", ist die wichtigste Zukunftskompetenz. Demnach sind Kommunikation und Kollaboration sowie die Kenntnis der Technologie, die diesem Zweck dient, dabei elementare Bestandteile der Skills. Gerade aber diese Kompetenzen haben geringe Halbwertszeiten und werden an den Schulen kaum gelehrt.
  • Schülern darf nicht von Beginn an vermittelt werden, dass sie etwas nicht brauchen oder können.  Sie müssen auch gefordert werden können, um Zutrauen in eigene Fähigkeiten entwickeln zu können.
Souveräner Auftritt
(Foto: Ole Wintermann)
  • Lernen ist ein sozialer und gemeinschaftlicher Prozess. Klingt simpel; ein Blick in deutsche Klassenzimmer zeigt, wie schwierig die Umsetzung ist.
  • Es müssen Verbindungen zwischen den Fächern hergestellt werden. Aber: welcher Lehrer soll dies können müssen?
  • Heute zählt eher die Fähigkeit, bei Bedarf zielgerichtet Spezialist zu werden.
  • In Finnland ist der Lehrerberuf sehr beliebt, da dort das Verständnis vorherrscht, dass es um Empowerment geht. Dies ist etwas anderes als das industrielle Fließband-Lernen.
  • Kreativität muss gestärkt werden. Lernen mit offenem Ende ist immer wichtiger. 
  • Die Lehrer müssen hinter den Inhalten und Methoden stehen, die sie vermitteln. Es besteht Bedarf eines Feedback-Verfahrens für Lehrer. 
  • Technik muss zur Unterstützung des Unterrichts eingesetzt werden können.
Alle drei Vorträge waren nicht nur bezüglich ihrer Inhalte sondern mit Blick auf die verwendeten Methoden der Darstellung der Inhalte aufschlussreich. Es hat mir mal wieder gezeigt, dass lebendige Vorträge keine Frage des Alters sind, dass die Technik sehr wohl strukturierend und unterstützend eingesetzt werden kann, dass Daten auch spannend dargestellt werden können und dass die Vorträge die langweiligsten Vorträge sind, in denen es um die Bestätigung des eigenen Weltbildes sind.