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Donnerstag, 11. April 2013

Hätte Rousseau Twitter genutzt?

Twitter wird 7 (und Mainstream)

Twitter, dessen Nutzerinnenzahl in Deutschland auf 0,8 - 2,4 Mio. geschätzt wird,  hatte vor einiger Zeit Geburtstag und alle sind sie gekommen, um zu gratulieren. Altbekannte PC-Magazine aber auch Traditionsblätter wie die Zeitung mit den 4 Großbuchstaben oder das Fakten-Fakten-Fakten-Magazin verweisen auf diesen Geburtstag. Es wird im Zusammenhang mit dem Geburtstag die Vielfalt gelobt, die dieses Tool mit Blick auf die Nutzerinnen anscheinend offenbart. Twitter ist einerseits gerade dabei, mit einem größeren "Coolness"-Faktor als das angestaubte und mit Blick auf die Vernetzung beschränktere Facebook zu dem neuen Social Media Tool - für die mittlere Generation - zu werden. Andererseits muss es bedenklich scheinen, wenn nun der Mainstream Twitter erobert und damit gewisse Aspekte der Anwendung verloren gehen könnten. Sollte es nachdenklich stimmen, dass selbst die Westfälische Rundschau über Twitter schreibt (und fälschlicher Weise behauptet, das Tool würde v.a. von "Journalistinnen, Politikerinnen und PR-Fachleuten" genutzt).

Twitter bietet eher als Facebook, Xing oder Google+ die Möglichkeit zur schnellen, unmittelbaren und effektiven Kommunikation: Twitter ist ein großartiges Tool zur zielgerichteten kurzfristigen Recherche von Themen, zur Beantwortung der Frage, wer in welchem Themennetzwerk inhaltlich relevant ist. Es ist sehr gut geeignet zur ungefilterten Kontaktaufnahme zwischen Personen und Akteurinnen, die thematisch miteinander ins Gespräch kommen wollen. Veranstaltungen können unmittelbar bewertet und kommentiert werden, Verbesserungsvorschläge können sofort abgefragt werden.

Es ist damit nicht verwunderlich, dass Twitter gerade im Mainstream angekommen zu sein scheint. So nutzt das ZDF, das bereits mit #ZDFlogin relativ weit den Schritt zur Verbindung der Off- und der Online-Welt gewagt hat, Twitter und Facebook seit ca. 1 Monat aktiv. Es wird recht gut in den Ablauf des #ZDFMoma integriert; beide Tools werden offensiv zur Interaktion mit den Zuschauern genutzt. Dazu muss man allerdings auch sagen, dass @IndiesemNetz anscheinend wohl viel interne Vorarbeit geleistet hat, um die Verantwortlichen zu diesem Schritt der Öffnung zu bewegen.
Driftet Twitter nun ins seichte Fahrwasser ab?

In den letzten Monaten allerdings ist eine Verwässerung dieser tollen Eigenschaften von Twitter zu beobachten. Der (gefühlte?) Anteil der belanglosen "Ich koche jetzt einen Kaffee"-Tweets hat deutlich zugenommen. Der Anteil der nützlichen Tweets mit entsprechenden Verlinkungen hat merklich abgenommen. Die Tweets, die zu Talkshows oder auch #WettenDass gesendet werden, driften zunehmend in peinliches und plattes Fahrwasser ab. Der Umgangston auf Twitter deutet zunehmend auf einen Nachholbedarf an gegenseitiger Toleranz und Akzeptanz hin. Herablassende und teils aggressive Äußerungen sind keine Seltenheit. Das Problem von Spam-Tweets, die sich an einen Hashtag oder User anhängen, nimmt deutlich zu. Insgesamt ist Twitter deutlich unpolitischer geworden.

Woran könnte das liegen und welche Implikationen für die politische Nutzung von Twitter könnte diese Entwicklung haben?

#Aufschrei und #LSR - Licht und Schatten des Tools

Neben #LSR ist sicher #Aufschrei der Hashtag, der speziell in Deutschland in den letzten Monaten politisch am wichtigsten und relevantesten gewesen ist. Beide mit den Hashtags verbundenen Themen verdeutlichen aber zugleich das größte Problem des Tools; es ist dies die Kurzatmigkeit einer Twitter-Debatte.

Der Furor oder besser das Strohfeuer, das gerade mit #Aufschrei ausgelöst worden ist, hat sowohl Twitter - unter dem Aspekt der Wahrnehmung als Info-Tool - als auch dem Voranbringen des eigentlichen Themas mittelfristig geschadet. Twitter hat zwar mit diesem Hashtag zum ersten Mal den Sprung in das Bewusstsein der Nicht-Twitter-Menschen und damit der traditionellen Medien gefunden; es ist dort jedoch als Prototyp einer nicht-argumentierenden Shitstorm-Mentalität wahrgenommen worden. Ausläufer dieses Shitstorms haben sowohl Bundespräsident Joachim Gauck als auch die Journalisten Jan Fleischhauer und Harald Martenstein erreicht und sicher nicht zur besseren Akzeptanz des Tools in breiteren Bevölkerungsschichten geführt sowie zugleich das Thema ein Stück weit verbrannt. Wie kann es sein, dass ein solcher Furor den ersten Mann im Staate sowie zwei bekannte Journalisten und damit die Mitte der Gesellschaft trifft? Solche sich selbst disqualifizierenden Tweets, die in beliebiger Variation zuhauf in den Timeslines der politischen Themen gefunden werden können, führen eher zur Frage, wie denn diese Sache mit dem Zuwachs an Partizipation weiter verfolgt werden sollte (Achtung Ironie).





Besitzt Twitter eine reale und politische Relevanz?

Diese Art dieser öffentlichen Hatespeech auf Twitter führt zu demokratietheoretischen wie auch kulturellen Fragen des Umgangs der Menschen einer freien Gesellschaft miteinander. Wenn wir uns diesen Fragen nicht stellen, können wir beispielsweise der Bedeutung und Tragweite von Open Government gar nicht nicht bewusst werden. Wer legt wie fest fest, was Hatespeech ausmacht? Wie sollen die Gewichte von Meinungen der Menschen bewertet werden? Wie wollen Off- und Online-Debatten miteinander verbunden werden? Wie kann im besten Sinne der "Volonte Generale" identifiziert werden? Was hätte Rousseau von Twitter gehalten? Hätte er es genutzt?

Gibt Twitter der Mehrheitsmeinung eine solche herausragende Bedeutung, dass Meinungen von Minderheiten oder auch nur nicht-populäre Standpunkte keine Chance auf Anhörung und Akzeptanz haben oder gibt Twitter Minderheitenmeinungen ein größeres Gewicht als es diesen eigentlich angesichts des Anteils des Themas in der politischen Debatte und des Anteils der betroffenen Menschen zukommen sollte? Anders ausgedrückt: Fördert Twitter die Tendenz zur einheitlichen Meinung oder bläht Twitter für die Mehrheit der Bevölkerung irrelevantere Themen künstlich auf? Ich denke, dass der bisherige Erfahrungshintergrund der Menschen mit Twitter als Kommunikationstool nicht ausreicht, um darauf eine eindeutige Antwort geben zu können.

Eine (von mehreren) Analysen der #Aufschrei-Debatte hat diese offene Frage in interessanter Weise thematisiert. Es wurde deutlich, dass die absolute Zahl der Tweets anscheinend kaum eine Aussage über die tatsächliche Relevanz des Themas in der Gesellschaft zulässt. Sascha Lobo verweist in einem aktuellen Blogbeitrag zu #LSR denn auch darauf, dass es bisher keine Verbindung zwischen den Twitter-Debatten und den politisch relevanten Debatten im Real Life gebe. Es scheint alles darauf hinzudeuten, dass Twitter für die Politik noch nicht flächendeckend relevant geworden ist, wenngleich es vereinzelte Ausnahmen gibt, die aber nicht unbedingt flächendeckend Sympathien für das Tool wecken.

Führt Twitter also nur zu wenig konstruktiven PR-Strohfeuern?

Twitter ist nicht wirklich für längere Debatten geeignet. Dies liegt aber nicht etwa an der Begrenzung der Zeichenzahl sondern an der fehlenden Geduld, sich auf den anderen einzulassen. Anscheinend muss in Zukunft der Umgang mit Twitter ebenso eingeübt und kulturell kodifiziert werden wie dies ehemals auch bei den ersten Newsgroups und Foren geschehen ist. Geschieht dies nicht, so wird das "Schwert" des Shitstorms irgendwann stumpf, es nervt dann nur noch, ständig mit "irgendeiner" Betroffenheit - die sicher stets ihre jeweilige Existenzberechtigung hat - angetriggert zu werden.

Des Weiteren wäre es wünschenswert zu akzeptieren, dass es unterschiedliche Formen der Kommunikation gibt. Bevor man/frau zu einem vorschnellen Urteil bezüglich der Einstellung des Gegenübers kommt, sollte man/frau doch mal einen Blick in die Timeline werfen, um abschätzen zu können, ob ein Tweet wirklich bösartig gemeint war. Es ist einfach nur anstrengend, ermüdend und öde, hinter jeder Äußerung, die einem selbst nicht passt, sofort eine Rassistin, Antisemitin, Sexistin, Chauvinistin, Extremistin, Feminazi, Maskulistin, korrupte und unwissende Politikerin sowie ignorante Nicht-Expertin zu vermuten. Dieser Hang zur Einordnung jeder Twitterin in eine menschliche und gesellschaftlich verwerfliche Kategorie wiederspricht dem eigentlichen Ansinnen, gesellschaftliche Vielfalt zu leben und zu akzeptieren.

Durchatmen und Gelassenheit lernen

Schließlich sollte man sich als Person des öffentlichen Lebens aber auch daran gewöhnen, dass eine andere Meinung nicht gleich als persönlicher Angriff zu betrachten ist. @volker_beck hatte @jensbest und mich geblockt, nachdem ich ihn auf den Widerspruch hingewiesen hatte, dass er sich zwar seit Jahren für Menschenrechte einsetzt, angesichts der Abwägung zwischen Religionsausübung und Kinderrechte aber beim Thema Beschneidung plötzlich die Rechte der Kinder als weniger gewichtig betrachtet.

Es scheint so, als wenn Twitter von einigen Akteurinnen ausschließlich zur Bestätigung des eigenen Weltbildes und weniger zur Erweiterung des eigenen Weltbildes genutzt wird. Ich denke, die meisten Twitter-Userinnen (mich eingeschlossen) sollten alle noch etwas mehr an Großzügigkeit, Toleranz und Offenheit an den Tag legen.

Daher sollten wir beim Umgang mit Twitter folgende Stichworte im Hinterkopf haben:
  • Twitter ist eine Chance zur Erweiterung des Horizonts und kein Schlachtfeld
  • nicht jede anders gelagerte Meinung stellt gleich die eigene Existenz in Frage
  • es geht um Debatten und nicht um die eigenen vermeintliche moralische Überlegenheit
  • es gibt Menschen, die eine andere als die eigene Meinung haben
  • es lohnt sich durchaus Twitterern folgen, die eine solch andere Meinung haben 
  • bei triggernden Tweets 3mal durchatmen und erst dann antworten
  • die Zeiten eindeutiger Wahrheiten und des Besitzes dieser Wahrheiten sind vorbei
  • du bist nur Einer/Eine von vielen