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Sonntag, 14. April 2013

Das geht gar nicht: Tschernobyl und Werbung für Kernenergie

Wisst ihr noch, wie Milch mit einem Becquerel-Gehalt von 15 pro Liter schmeckt?

27 Jahre sind inzwischen seit dem Unglück von Tschernobyl vergangen. Man muss schon etwas älter sein, um sich bewusst an die direkte Folgen und die damalige Stimmung erinnern zu können. Nach der Explosion des Kernreaktors verfolgten wir tagelang in höchster Anspannung die Wettervorhersagen. Von wo weht der Wind? Woher kommt der Regen? Welche Region in Europa trifft es in welchem Ausmaße? Was sind Isotope? Welche Arten von radioaktiven Stoffen gibt es? Welche Lebensmittel können noch "gefahrlos" verzehrt werden?

Ein großer Teil der Bevölkerung versuchte, sich rudimentäre Kenntnisse der Physik anzueignen, da man nicht mehr den Eindruck hatte, sich auf politische Akteure oder Wissenschaft verlassen zu können. So lernte man bspw., dass die Korrelation zwischen Strahlenexposition und Zahl der Krebserkrankungen konstant positiv ist; es gibt keinen Schwellenwert, bis zu dem Radioaktivität harmlos ist oder durch den Körper "verarbeitet" wird. Ja, man kann Radioaktivität noch nicht einmal durch Abkochen vermindern. Heute klingen all diese Erkenntnisse banal. Damals gab es aber kein Internet; die Bevölkerung war auf die Aussagen der Politik angewiesen, die wiederum auf die Aussagen einer technikgläubigen Wissenschaft angewiesen war.

1 Woche nach dem Unfall gab es ausgiebigen Regenfälle in Deutschland. Aufgrund der hohen Strahlenbelastung des Regens mussten die Schüler in den Schulen eingesperrt werden. Wir haben durch die geschlossenen Fenster geschaut und uns gesagt: So sieht also radioaktiver Regen aus.

Einige Wochen später wurde erhöhte Radioaktivität in einer großen Zahl von Lebensmitteln nachgewiesen. Der Radioaktivität war bei der Nahrungsaufnahme nicht mehr zu entkommen. Das machten uns die auf den Milchpackungen aufgedruckten Becquerel-Werte klar. Diese Wertangaben überließen den Verbrauchern die freie Wahl, ob für ihn ein Wert von 15 noch vertretbar schien oder nicht. Wie aber sollten Verbraucher dies überhaupt beurteilen können? Weiß noch Jemand, wie es sich anfühlt, bewusst vertrahlte Lebensmittel zu sich nehmen zu müssen? Damals dachte man zudem noch nicht systemisch und konzentrierte sich allzusehr auf die Rohstoffe wie Milch, bevor diese in die Nahrungsmittelherstellung eingebracht wurde. Jod-Tabletten zum Blockieren der Ansammlung in der Schilddrüse waren häufig ausverkauft.

Und immer wieder hieß es: "Für die Bevölkerung besteht keine Gesundheitsgefahr". Dies war gelogen und diese Lüge wird sich in den nächsten Jahrzehnten in den Krebsstatistiken wiederfinden.

Wer heute "Tschernobyl" bei Google eingibt, wird mit den ganzen Folgen dieses Unfalls konfrontiert. In der Web-Suche findet man seitenweisen die Adressen der Opfer- und Hilfsorganisationen, die sich heute, während die Atom-Lobby nach neuen Absatzmärkten Ausschau hält, mit den lebenslangen Folgen der Verstrahlung von Kindern und Erwachsenen beschäftigen. Ein kurzer Klick auf die Bildersuche (Vorsicht: Triggerwahrnung) zeigt ungefiltert das menschliche Leid, das die Kernenergie uns gebracht hat.




Vor einiger Zeit wurden im Nord-Atlantik 222.000 Fässer Atommüll entdeckt. Im Ärmelkanal liegen 28.000 Fässer Atommüll, die im Schnitt den 10fachen Gehalt an Radioaktiviät aufweisen, wie dies beim Atommüll in der Asse der Fall ist.

In dieser Situation fällt dem Deutschen Atomforum nichts Besseres ein, als auf diesen Google-Seiten, die den Schrecken der Radioaktivität zeigen, Werbung für Kernenergie zu schalten. Dies ist geschmacklos, da eine solche Platzierung in dem Moment bewusst vorgenommen wird, in dem man für die Anzeigen das Schlüsselwort "Tschernobyl" aktiviert.

Wie kann es sein, dass die Atom-Lobby mit einer eigenen Seite, die Nüchternheit und Wissenschaftlichkeit "ausstrahlen" soll, sich gegen die realen Schreckensbilder positioniert? Vielleicht hat es das Forum nach wie vor nicht verstanden, dass es der Bevölkerung nicht um die Frage der Technik sondern um die moralische und umweltpolitische Dimension der Kernkraft geht. Tschernobyl ist erst 27 Jahre her; vielleicht geht es aber auch gar nicht um das Lernen sondern ums Geld?