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Mittwoch, 13. März 2013

"Ungleichheit" - ein erster Aufschlag

And the winner is: Ungleichheit

Unser FutureChallenges.org-Projektteam wird sich demnächst mit der (sozialen) Ungleichheit befassen - und das ist auch gut so. Nach 3 Jahren Diskussion von verschiedenen Aspekten der Globalisierung auf unserer Plattform ist anhand der Userzahlen eindeutig festzustellen, dass alle Formen der Ungleichheit - bzgl. des sozialen Aufstiegs, des Zugangs zu Bildung und Gesundheitsleistungen und des Einkommens - die stärksten Emotionen und Reaktionen von allen Themen, die wir in den 3 Jahren platziert haben, hervorrufen. Man könnte auch sagen, dass nachfrageseitig die Präferenz für diese Debatte eindeutig zu erkennen ist; das Oberthema der Globalisierung kann anscheinend am besten durch die Fokussierung auf Ungleichheit/Ungerechtigkeit konkretisiert werden.

Gerechte/gleiche Verteilung ist kein esoterisches Wohlfühlthema

Das Thema Ungleichheit ist sowohl aus sozialwissenschaftlicher bzw. gesellschaftlicher als auch volkswirtschaftlicher Perspektive ein wichtiges Zukunftsthema. Dabei handelt es sich häufig um eine emotional geführte Debatte, da die Darstellung der Ungleichheit über quantitative Daten häufig der individuell wahrgenommenen Ungleichheit widerspricht und aus diesem Widerspruch, der das Gerechtigkeitsempfinden stört, Unmut erwächst. So wird seit Jahren in bekannten Print-Medien die Geschichte der (weiblichen) Altersarmut bemüht, wenngleich die Zahlen für Deutschland seit 20 zu dem Ergebnis kommen, dass das Armutsrisiko und die tatsächliche Armut bei Kindern und jungen Familien mit Abstand am höchsten ist. Hier zeigt sich, dass die Gleichung Ungleichheit = Ungerechtigkeit medial besonders dann angewendet werden kann, wenn eine alternde Gesellschaft andere Perspektiven erst gar nicht mehr zulässt. Die sich entwickelnden Länder hingegen haben im Gegensatz dazu im Ungleichheitskontext mit anderen Herausforderungen zu kämpfen (bspw. hohe Abhängigkeit der Bildungschancen von den finanziellen Ressourcen der Eltern), die dort aber ebenso emotional debattiert werden.

Es ist nicht so, dass das Empfinden von Ungerechtigkeit nur Ausdruck von "Phantomschmerzen" ist; vielmehr deutet die (national sehr spezifische Form der) Ungleichheit häufig auf eine gesamtgesellschaftlich ineffiziente und verzerrte Allokation von Ressourcen hin. Insbesondere wenn Ungleichheit mit sozialer Immobilität über die Generationen hinweg einhergeht, muss dies als bedenklich angesehen werden, da die soziale Mobilität als Ausdruck der Perspektive auf Änderung nicht als Kompensation der individuellen Unzufriedenheit fungieren kann. Neben sozialen Folgekosten (Kriminalität, hohe Sozialausgaben) wirkt sich das Fehlen dieses Aufstiegsanreizes auch negativ auf die volkswirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit aus. Die Frage der Verteilung ist damit kein esoterisches Wohlfühlthema sondern mit ökonomischen Effizienzfragen verbunden.

Welche aktuelle Analysen zur Ungleichheit liegen vor?

Während die einen Analysen davon sprechen, dass die Ungleichheit nicht zugenommen hat sondern der Wert der Gleichheit einfach nur populärer geworden ist (alternativ: die Standards der Festlegung von Ungleichheit oder aber die Einkommensbezugsgröße haben sich verändert), sprechen die anderen von tiefen globalen Verwerfungen in Folge gestiegener Ungleichheit. In Deutschland wird dabei tendenziell eher auf den Gerechtigkeitsaspekt rekuriert während in den angelsächsischen Ländern auf die negativen ökonomischen Folgen dieser Ungleichverteilung hingewiesen wird. Damit aber liegen so viele semantische Unschärfen und sprachlich bedingte unterschiedliche Perzeptionen vor, dass eine eindeutige Aussage kaum zu treffen ist.


Methodische Herausforderungen

Dabei ist die Materie durchaus komplex und stellt auch die mediale Verwertung und Darstellung des Problems vor große Herausforderungen (das obige Video stellt eine positive Ausnahme dar). So muss erstens nach den Vergleichsräumen gefragt werden; handelt es sich um einen innerstaatlichen oder einen supranationalen Vergleich ? Zweitens ist die Frage zu beantworten, ob dabei Mikro- oder Makrodaten zum Tragen kommen. Drittens geht es schließlich unter Einbeziehung von Kaufkraftparitäten um die Grundlage des Vergleichs; handelt es sich um absolute oder relativ Ungleichheit respektive Armut?

Nun kommen aktuelle Studien zu dem Ergebnis, dass sich - grob gesprochen - die Ungleichheit auf supranationaler Ebene durch den Aufholprozess der BRICS-Staaten und von China in den letzten 10 Jahren verringert, die innerstaatliche Ungleichheit aber gerade in diesen Staaten sowie Skandinavien und Deutschland vergrößert hat. Welche Schlüsse sind jetzt aber daraus zu ziehen? Kann es einen Global Governance-Mechanismus geben, der dem entgegen wirkt? Kann man angesichts der Tatsache, dass makroökonomische Variablen anscheinend keinen Einfluss auf Ungleichheit haben, überhaupt einen Ansatzpunkt zum Gegensteuern identifizieren? Wird Ungleichheit kulturell unterschiedlich bewertet?

Sind Globalisierung und Ungleichheit überhaupt relevant?

Während der bekannte Soziologe Ulrich Beck und auch das World Economic Forum die Ungleichheit zu einem der wichtigsten Zukunftsthemen ausrufen, zeigt uns Google Trends, dass die Relevanz des Themas "Economic Inequality" seit Jahren auf niedrigem Niveau stagniert.

"Globalization" + "Economic Inequality"



"La desigualdad economica" + "globalizacion"


Dieser Gegensatz erweitert das Feld der möglichen Herausforderungen bei Befassung mit dem Thema. Handelt es sich um ein Elitenthema oder geht es vielmehr darum, dass es inzwischen viele ausdifferenzierte Schattierungen von Ungleichheit gibt, so dass die einfache plakative Überschrift nicht mehr ausreichend ist, um die Dimensionen des Problems ausreichend darzustellen? Vielleicht liegt es aber auch einfach in der Tatsache begründet, dass die Ungleichheit v.a. in spanischsprachigen Ländern sowie in Russland und China erlebt und thematisiert wird?

Die emotionalen Texte und Reaktionen der Blogger unseres fc_org-Netzwerkes zu diesem Thema lassen mich vermuten, dass Letzteres der Realität eher zu entsprechen scheint.

Fortsetzung folgt...