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Freitag, 29. März 2013

"The Questions we are not asking and the Risks we are not seeing"

Von der Welt 1.0 zu den Interdependenzen globaler Megatrends

In der letzten Woche hatte ich Gelegenheit, gemeinsam mit meinem Kollegen Jan Arpe an einem Workshop unserer Kooperationspartner von der schwedischen Tällberg-Foundation teilzunehmen. "The Questions we are not asking and the Risks we are not seeing" lautete der Titel des in Lausanne stattfindenden Treffens von Teilnehmern aus NGOs, Forschungsinstituten und Unternehmen (das auch von unserer Seite aus unterstützt worden war).

Globale Ungleichheiten, das Schwinden natürlichen Ressourcen, der Klimawandel, der Kampf um Regulierung und Spielregeln, der soziale Wandel, und die Bedeutung von Social Media in Demokratien sind die sich gegenseitig beeinflussenden Themen, die die Menschen und die Entscheider weltweit am meisten bewegen. Angesichts der nicht mehr darstellbaren globalen Komplexität kommt es nunmehr darauf an, in der Vielzahl der vorliegenden Daten zu dieser globalen Interdependenz Muster zu erkennen und zu interpretieren. Fachlich bedingte Voreingenommenheiten hindern aber häufig genug Entscheider daran, unbelastet von fachlichen Vorurteilen neue Perspektiven einzunehmen. Auch in dieser Debatte war immer wieder der Reflex zu verspüren, auf komplexe Herausforderungen sofort konkrete und vermeintlich einfache Lösungen anzubieten. Es ist aber eben nicht mehr möglich, auf traditionelle Weise Lösungen für Politik und Wirtschaft zu erarbeiten.

Ist Wandel überhaupt möglich? 


Angesichts der komplexen Herausforderungen und des Umfangs der notwendigen Anpassungen des persönlichen Verhaltens der politischen und ökonomischen Entscheider wie auch der Bürger wurde auch hinterfragt, ob eine Anpassung der Gesellschaft und der Rahmenbedingungen überhaupt im Bereich des Möglichen läge. Der eine Teil der Teilnehmer sah die Möglichkeit darin, die Menschen zu Änderungen zu bewegen in der verbesserten Kommunikation der Probleme. So sei es beispielsweise möglich, den Klimawandel durch die Ansprache des Wetters zu thematisieren. Während der Begriff Klimawandel inzwischen sehr umstritten sei, könne man über den Begriff des Wetters einen Zugang zu den Menschen erreichen.

Der andere Teil der Teilnehmer war in diesem Punkt skeptisch eingestellt. Man müsse die Menschen dazu bewegen, ihr Verhalten zu ändern. Basis des Verhaltens sind aber langfristige Werte und Einstellungen, die durch Semantiken aber nur marginal zu modifizieren seien. Zudem spräche die Statusfixierung der Entscheider gegen eine Änderung des Verhaltens auch dieser Akteure. Eine bedeutende Rolle und Hoffnung wurde dann von allen Teilnehmern dem Internet zugeschrieben. Der Kontext von Internet und Veränderung sei aus Sicht der Teilnehmer aus dreierlei Gründen offensichtlich.

Der erste Grund ist das Vorhandensein von umfassende Informationen im Netz. Diese ermöglichten mehr Reflexionen über die eigenen Einstellungen und über Entscheidungen in Politik und Wirtschaft; tradierte Verhaltensweisen würden, da alternative Erklärungspotenziale vorlägen, eher als früher in Frage gestellt.

Das teilweise Wegfallen der Gleichung Information=Macht würde weiterhin auch im Hierarchieverhältnis das Augenmerk eher auf andere Qualifikationen der Akteure lenken. Information kann damit nur noch im weitaus geringeren Maße als Machtinstrument "missbraucht" werden. Dies sei der zweite Grund.

Der dritte wichtige Grund schließlich dafür, dass das Internet tradierte Prozesse infrage stellen könne, ist die Debatte über Relevanz. Relevanz ergäbe sich heute nicht mehr aus formalen Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten sondern durch den faktischen Mehrwert eigener Beiträge und damit durch die Relevanz, die durch Dritte bestimmt werde.

Dass diese drei Gründe einige der anwesenden Teilnehmer begründet ins Grübeln brachten, war mehr als nachvollziehbar. Die Ambivalenz in der Debatte um die Ursache von Wandel entspricht einer Unsicherheit in der öffentlichen Debatte; nach wie vor ist ungeklärt, ob bspw. der Klimawandel durch einen Global Governance Mechanismus oder aber durch das Wirken jedes Einzelnen angegangen werden sollte. Wahrscheinlich handelt es sich aber auch hier um eine Sowohl-als-auch-Antwort. Sowohl die Soziologie als auch die Politikwissenschaft als Erklärungsansätze von sozialen Dynamiken seien zur Zeit aber nicht fähig, Antworten auf diese Fragen zu geben, da sich der Forschungsgegenstand schneller verändere als sich die Forschungsfrage anpassen könne.

Leadership 2.0 als Ausweg?

Jan und ich hatten mit unserem Vortrag am ersten Tag die Möglichkeit, Leadership 2.0 als möglichen Lösungsansatz für die genannten Herausforderungen darzustellen. Leadership 1.0 (in Politik und Wirtschaft) geht von dem Paradigma aus, dass Entscheider durch besseren Zugang zu Wissen automatisch die bessere Entscheidung treffen können. Dies spiegelt sich dann auch in ihren formalen Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten. Entscheidungen werden zumeist innerhalb oder bezüglich eines einzigen Themenfeldes getroffen. Im Falle einer wichtigen politischen Entscheidung mit nationaler Bedeutung werden Öffentlichkeit und der interessierte Bürger nur ex post über den Prozess informiert. Eine proaktive Kommunikation im Sinne einer beiderseitigen Informationen findet nicht statt. Traditionelle Medien haben in diesem System die Aufgabe, die Entscheidung entsprechend zu vermitteln, nicht aber wirklich substantiell zu kritisieren, um nicht ihren exklusiven Zugang zu den Entscheidern zu gefährden. Zeit spielt in dieser Logik keine überragende Rolle.


Leadership 2.0 bricht mit vielen dieser Prozesslogiken. Die Akteure müssen die Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Themenfeldern explizit berücksichtigen. Es gibt keine herausgehobene nationale Orientierung bei der Formulierung der Politiken mehr; globale Entwicklungen sind Ursache und zugleich Fokus des Handelns. Die proaktive und rechtzeitige Einbindung der interessierten Bürger erfolgt über Werkzeuge der offenen Regierungsweise. Damit sind Kommunikation und Partizipation entscheidende Bestandteile des Prozesses und keine Kosmetik. Es findet demnach ein beständiger Austausch zwischen Entscheidern und Bürgern sowie in anderen Fällen Unternehmen und Konsumenten statt. Die Orientierung an den Präferenzen der Bürger, Konsumenten und letztlich auch Arbeitnehmern ist dabei die handlungsleitende Maxime; Institutionen verdanken ihre Existenz letztlich diesen Personengruppen und nicht umgekehrt. Die getroffenen Entscheidungen sind dann jeweils Prototypen. Diese Prototypen unterliegen beständig weiteren Anpassungen an veränderte Rahmenbedingungen. Es gibt damit nicht mehr die einzig wahre letztendliche Lösung. Der Prozess insgesamt ist auf Flexibilität, Austausch, und Schnelligkeit ausgelegt.

Im Anschluss an unseren Vortrag gab es eine lebhafte und angeregte Diskussion, über die wir uns sehr gefreut haben. Dabei standen unterschiedliche Nachfragen im Mittelpunkt der weiteren Debatte. Kann Komplexität überhaupt regiert werden? (Nein, darum geht es aber auch gar nicht. Es geht vielmehr darum, dass das politische System flexibel genug ist, um überhaupt der Komplexität Rechnung zu tragen. Es geht um die Anpassungsfähigkeit des Systems) Was geschieht mit den vorhandenen legislativen Strukturen und Prozessen, die auf eine repräsentative Demokratie ausgelegt sind? (Es gibt kein entweder-oder sondern nur die Ergänzungen der legislativen Werkzeuge durch partizipative Elemente). Wie können wir überhaupt Leadership 2.0 erreichen? (Die Art der Fragestellung entspricht dem alten Paradigma von Führung. Es ist aber weniger die Frage, wer es erreicht, sondern dass viel mehr Bürger sich das Recht dazu nehmen und das System nur noch darauf reagieren kann) Brauchen wir angesichts dieser immensen Aufgaben eventuell so etwas wie eine autoritäre Regierungsweise? (Diese letzte Frage basiert ebenfalls auf einem tradierten Verständnis von Leadership; es kann doch nicht allen Ernstes darum gehen, von einem "weisen Diktator" den Ausweg aus der Komplexität gezeigt zu bekommen!).

In der Debatte sollte, so die Debattenteilnehmer, besser zwischen zwei Ebenen der Analyse unterschieden werden. Es sei dies erstens die inhaltliche Ebene und zweitens die prozedurale Ebene. Leadership 1.0 sei eher auf die inhaltliche Ebene fokussiert. Es würden inhaltlich richtige Entscheidungen von den Entscheiden erwartet. Leadership 2.0 bedeute aber eine Neudefinition von Führung. Es ginge vielmehr darum, einen wesentlichen Anteil daran zu haben, die Regeln des Spiels, des Prozesses jeweils neu festlegen zu lassen. Diese Neudefinition geht in Richtung einer Moderation und eines Empowerments durch Setzung eines passenden Frameworks, innerhalb dessen engagierte Menschen in effizienter und effektiver Weise das vorgegebene Ziel erreichen können.

Zum Abschluss der Debatte gab es zwei weitere interessante Nachfragen. Die erste verwies auf die nur marginal vorhandenen Regierungssysteme im manchen sich entwickelnden Ländern; soll in diesen Ländern von vornherein auf Leadership 2.0 gesetzt werden, quasi um sich die erste Stufe der Herstellung einer standardisierten Regierungsweise zu ersparen? Die zweite bezog sich auf die Idee, Gesetzgebungsprozesse im Sinne eines beständigen Prototypings ähnlich der Code-Entwicklung als einen iterativen Prozess zu betrachten. Ich fand diese Analogie aus dem Coding eigentlich sehr passend und praktikabel.

Szenarien als Tool der Reduzierung von Komplexität?

Die Vertreter der Firma, die die Szenarien als methodischen Ansatz zur Komplexitätsreduzierung vorstellten, hatten es bei der Vorstellung der Ergebnisse ihrer Studien nicht ganz einfach. Es gab sowohl Widersprüche bezüglich des Inhaltes als auf der Methode. Inhaltlich gab es starke Kritik am prognostizierten Festhalten der Szenarien an fossilen Energieträgern für die Energieversorgung der Zukunft. Desweiteren war ein Argument für die Beibehaltung der des bestehenden Energiemix aus meiner Sicht nicht stichhaltig. So legte die vortragenden Experten mit Blick auf die Skalenerträge einer standardisierten Produktion dar, dass für eine ausreichende Energieversorgung eine globale und zugleich zentralisierte Infrastruktur notwendig sei, und diese ja im übrigen auch bereits seit Jahrzehnten existiere. Insofern handelte es sich meiner Meinung nach um ein sehr systemisches Argument. Die Existenz der Struktur ist das Hauptargument für die weitere Fortexistenz der Struktur.

Es sind aber doch gerade die globale Infrastruktur und die Zentralisierung die entscheidenden Argumente gegen die bisherige Energiepolitik. So kann nicht übersehen werden, dass die Energiewende in Deutschland nicht nur eine Veränderung der Energiebereitstellung mit sich bringt sondern auch ein vollkommen anderes Verständnis von der Beteiligung der Bürger im Zuge der Bereitstellung impliziert. Wenn immer mehr Bürger Kooperativen gründen, um in einer Genossenschaft gemeinsamen Strom zu produzieren und zu vermarkten, dann beinhaltet dies auch ein demokratisches Element. Das Gegenargument der Experten, dass Deutschland für den Weltmarkt der Energieproduktion nicht relevant sei, war aus meiner Sicht kein Gegenargument. Es geht nicht um die Wirkung einer deutschen Energiepolitik auf das global bereitgestellte Energieangebot sondern um den Export einer Idee. Für den Export einer Idee ist kein großer Aufwand von Nöten; die Idee handelt von der Wiedererlangung der Souveränität des Konsumenten gegenüber den zu mächtigen Energiekonzernen.

Es stellt sich im Verlauf der weiteren Debatte der anwesenden Teilnehmer auch heraus, dass es problematisch ist, in Ländern, in denen Solarenergie aufgrund der klimatischen Bedingungen eine realistische Option darstellt, stattdessen zentralistische Strukturen für den Verkauf und die Abnahme von Öl und Gas aufzubauen. Die Idee der Energiewende habe große Chancen auf einen erfolgreichen Export, da sie auch ganz unterschiedliche Protagonisten - wie in Deutschland die Grünen und die konservative Landbevölkerung, die mit der Umstellung der Energie auch ein Geschäftsmodell entdeckt hat - in neuen politischen Koalitionen vereine.

Nachdem diese inhaltliche Kritik geäußert worden war, kam es zudem auch zu methodischen Anmerkungen. Dabei kam natürlich auch wieder die schon häufig vorgebrachte Kritik des deterministischen Ansatzes der Szenarien zur Sprache. Es kann im Ergebnis nur das herauskommen, was am Anfang des Prozesses auch in das kausale Modell, das zudem heuristisch von den Teilnehmer des Szenario-Prozesses erstellt worden ist, "hineingesteckt" wurde. Der Erkenntnisgewinn hielte sich demnach in Grenzen und müsse in Zeiten neuer Methoden der Sammlung von Daten mit Hilfe sozialer Medien sowieso infrage gestellt werden (wenngleich hierbei die unterschiedlichen Zeithorizonte der Methoden beachtet werden solle). Die aktuelle Entwicklung gehe weg von Szenarien, die in kleinen abgeschlossenen Kreisen zusammengestellt würden, hin zu Big/Open Data.

Es muss aus der Sicht vieler Teilnehmer in der Summe hinterfragt werden, ob Szenarien in der derzeitig vorliegenden Form überhaupt eine Zukunft hätten. An diesem Punkt war der Hinweis des Experten von Spotitfy ganz hilfreich, der darauf hinwies, wie losgelöst von menschlichen Einschätzungen inzwischen die Verwertung und Interpretation der Daten erfolge.

Wie geht es weiter?

fc_org wird im Juni das Tällberg-Forum kommunikativ begleiten und versuchen, Teile der Debatte, die sich mit eben diesen Themen befassen werden, zu kommunizieren und wie schon beim Global Economic Symposium einem breiteren Publikum über zu öffnen.