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Sonntag, 1. Februar 2015

Leben auf dem Land hat Zukunft!

Ursprungs-Post: 25. März 2013

Die Stadt aus Sicht der Toskana-Fraktion

Städte sind hip, man geht zum Altern zurück in die Stadt, Latte Macchiato nach dem Theaterbesuch schlürfen und wohnen in altersgemischten Quartieren ist die Art von Alterung, die sich die Baby-Boomer in Funk, Fernsehen und Printmedien selbst zurechtschreiben. Da hat die nette Oma von nebenan nichts anderes im Sinn und zu tun als regelmäßig auf die Kinder des Doppelverdienerehepaars aus der Nachbarschaft aufzupassen. Sind die Kinder dann älter, bringen sie dann natürlich auch gern den Müll der Omas und Opas aus der Nachbarschaft mit vor die Haustür, so die realitätsfernen Vorstellungen der Berufsgruppe mit dem höchsten Anteil an Kinderlosen.


Ich glaube, dass deren relativ pauschal vorgetragene These, dass der demographische Wandel quasi automatisch zu einer Rückkehr in die Innenstädte führen wird, so zukünftig nicht mehr zu halten sein wird. Bei den bisherigen Überlegungen zu den Auswirkungen des demographischen Wandels ist die Rolle und die stark steigende und in Zukunft sogar noch elementarere Bedeutung von Internetinfrastrukturen nicht berücksichtigt worden.


Dabei gab es ehedem gute (theoretische und teils empirische) Gründe für die Rückkehr in die Innenstadtlage (es muss zudem gefragt werden, inwiefern die These der Rückkehr in die Innenstädte überhaupt anhand der Zahlen haltbar ist, weisen doch die Kernstädte seit 20 Jahren eine nahezu unveränderte Bevölkerungszahl auf (hier: S. 34):

a) Durch die gesunkene Attraktivität der Innenstädte waren die Wohnkosten in diesen Lagen lange Zeit gesunken und hatten damit das relative Preisgefüge zugunsten der Innenstadt verändert.
b) Gleichzeitig mit der Vereinzelung der Haushalte und der sinkenden Geburtenraten wurde das Wohnen in den Innenstädten lange Zeit pauschal als Möglichkeit betrachtet, miteinander ins Gespräch zu kommen und "Kultur zu pflegen".
c) Die 68er Generation hat die Kultur der innerstädtischen Wohngemeinschaften salonfähig gemacht. WGs haben vielen Studenten erst die Perspektive eines finanzierbaren Studiums ermöglicht. Henning Scherf als beispielhafter Protagonist dieser Generation lebt zur Zeit vor, wie die Wohnkultur auch im höheren Alter ihren Wert haben kann.
d) Die Baby-Boomer haben im jüngeren Alter für einen starken Zuzug in die Innenstädte gesorgt.
e) Das Leben im Grünen wurde als spießig und das Leben in den Metropolen als "hip" angesehen.

Dieser dominante Interpretationstrend wurde in den letzten Jahren in der öffentlichen Debatte als so einzig richtig wahrgenommen, dass die Städtebauplanung in wesentlichen Punkten immer wieder deren Argumente genutzt hat, ohne die Pauschalität der Aussage wirklich in Frage zu stellen (beispielhaft für viele Städte). Reurbanisierung galt als der Mainstream-Sichtweise.

Das uralte Konzept der Stadt steht vor einem grundlegenden Wandel

Die Stadt wurde als unmittelbares Lebensumfeld interpretiert. Damit aber sah die Politik einen guten Ansatz, Politik nahe am Bürger zu machen. Die Stadt wurde aus Sicht der Politik vor allem als Anbieter einer realen Infrastruktur betrachtet. Mobilität und Diversifikation der Lebensstile wurden als ein ganz zentrales Argument für die Rückkehr der Baby-Boomer in den Innenstädte betrachtet (S. 32). Noch 2011 schrieb die Bundesregierung über die Innenstadt als den Ort der Arbeit und des Wirtschaftens. Dabei liest sich die Studie aber vielmehr wie ein von Wunschdenken dominiertes Schriftstück, wenn die Überschrift darauf hinweist, dass "starke Städte starke Kern benötigen" und in den Innenstädten das "jahrhundertealte" kulturelle und wirtschaftliche Erbe bewahrt werden müsse. Es darf bezweifelt werden, dass dies Gründe für einen Zuzug in die Kernlagen sein könnten. Wenn die Studie davon schreibt, dass "Innenstädte traditionell Orte des Handels" seien, bekommt man eine Ahnung davon, das es sinnvoll sein könnte, diesen Mainstream der Interpretation aufzubrechen.

Auch Medien und Zukunftsforscher, die traditionell in den Großstädten angesiedelt sind und produziert werden, springen auf diesen Interpretationstrend auf. So verwundert es nicht, wenn in schöner Regelmäßigkeit der Zuzug in neuartige Wohnquartiere in Berlin, München, Hamburg oder Frankfurt beschrieben wird. Die dort genannten Lebensstile, die als ursächlich für den Zuzug in die Kernlagen betrachtet werden, sind aber keinesfalls als typisch für das gesamte Land anzusehen. Auch handelt es sich überwiegend um ungebundene Menschen im Alter von 18 bis 30 Jahren, die aber bei Eintritt in eine regelmäßige Erwerbstätigkeit und der Gründung einer Familie sogleich diese Lagen wieder verlassen. Dies wird gern übersehen. Einige Zukunftsforscher meinen gar, ältere Mitbürger dürften "nicht auf das Land abgeschoben werden". Dies verkennt die Realität in weiten Teilen der Bevölkerung, in denen das Leben auf dem Land als Familie und im Alter aus verschiedensten Gründen (ideell, vertraute Umgebung, soziale Beziehungen) ganz klar präferiert wird.

Das Internet neutralisiert die Gründe zum Wohnen in der Stadt

Das Internet wird es mit sich bringen, dass ein relativ naturnahes Wohnen (soweit man im dichtbesiedelten Deutschland davon sprechen kann) mit der Versorgung mit grundsätzlichen Gütern des alltäglichen Bedarfs und der Kommunikation mit anderen Menschen kombinierbar ist. Damit wird das Internet zukünftig eine der wichtigsten Gründe für das Leben auf dem Land werden bzw. umgekehrt die Gründe zum Wohnen in der Stadt neutralisieren:
  • Die Versorgung mit dem Internet auf dem flachen Land nimmt stetig zu. Damit ist es zunehmend möglich, die negativen Folgekosten des Wohnens außerhalb der innerstädtischen Infrastruktur abzusenken.
  • Die Virtualisierung medizinischer und pflegerischer Dienste sowie die mögliche Virtualisierung der Angebote der Schulen machen wichtige Argumente für die Nutzung einer innenstadtnahen Infrastruktur zunichte.
  • Einzelhandel über das Netz wird an Relevanz gewinnen und das klassische Argument von der Innenstadt als Marktplatz entkräften. Es interessiert die Bürger letztlich nicht, was sich Kommunalpolitik und örtliche Einzelhändler wünschen. Der Bürger stimmt mit seinem Ausgabeverhalten ab. 
  • Car- und allgemeines Konsum-Sharing wird durch das Internet immens erleichtert und damit auch zunehmend ein Thema in den Eigenheimsiedlungen vor der Stadt. Konsuminfrastruktur als Argument für das Wohnen in der Stadt nimmt damit allgemein ab.
  • Während die derzeitigen Renten- und Pensionsempfänger eine sehr geringe Armutsquote aufweisen und das (relativ) teure Einkaufen von Bio- und Regional-Produkten auf den Wochenmärkten Teil der Lebenseinstellung ist, lassen steigende Armutsquoten im Alter in Zukunft den Bedarf an Lebensmitteln vom Discounter ansteigen; diese gibt es aber aufgrund des fehlenden Platzes und hoher Quadratmeterpreise nicht in den Innenstädten. Damit entfällt ein wesentlicher Grund - kurze Wege - für die das Wohnen in der Innenstadt.
  • Die Kommunikation auf dem kommunalen Marktplatz oder dem lokalen Cafe wird zusehends durch soziale Netze und damit ortsungebundene Kontakte abgelöst. Das Internet ersetzt damit zu einem großen Teil die Stadt als unmittelbares soziale Lebensumfeld.
  • Die Teilnahmequote am Internet in den jüngeren Generationen wird perspektivisch die Akzeptanz internetbasierter Dienste deutlich erhöhen.
Neben diese internetbezogenen Gründen für ein Leben auf dem Land gibt es natürlich auch weiterhin Aspekte, die diesen Trend unterstützen werden:
  • Innenstädte werden zunehmend als Ort sozialer Brennpunkte wahrgenommen. Diese Wahrnehmung spielt insbesondere bei älteren Menschen eine besondere Rolle in der Bewertung der Qualität des Wohnumfeldes.
  • Die nach wir vor stark ansteigenden Wohnkosten in den zentralen Lagen beliebter Großstädte führen zur Frage nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis, wenn man sich in München oder Hamburg in der City Wohnraum mietet oder auch erwirbt
  • Zudem hat es den markanten Trend zur Rückkehr in die Innenstadt nur in den großen Metropolen gegeben, er ist aber nie ein Thema der relativ Lagen in unattraktiven Städten mittlerer Größe gewesen.
  • Die Generation der Baby-Boomer wird aufgrund des steigenden Gesamtangebots an Wohnraum bei Renteneintritt der eigenen Generationen Probleme haben, angemessene und erwartete Preis für die eigene Immobilie zu erhalten. Die Bedeutung der Immobilie als ideeller wird dadurch relativ ansteigen und den Trend zum Wohnen in der Innenstadt, in der auch neue soziale Kontakte aufgebaut werden müssten, abbremsen.
  • Der Trend zur Vereinzelung der Haushalte bei jüngeren Generationen hält trotz der gestiegenen Bedeutung von Alten-WGs an und lässt den Wohnraumbedarf auch in Zukunft weiter ansteigen. Das Ergebnis der Wechselwirkung der beiden letztgenannten Trends ist nicht absehbar.

Was tun?

Es geht darum, die Diversität der verschiedenen Lebensstile und städtischen Funktionen (die Metropolregion Ruhr spricht von den "verinselten Funktionswelten") zu akzeptieren und auf diese Vielfalt in der Debatte um die Zukunft der Städte angesichts der Demografie auch einzugehen (beispielhaft hier). Es ist ein Unterschied, ob die Zukunft der Hamburger Innenstadt, der großen Städte in Asien oder in Gütersloh betrachtet wird. Berlin als die wichtigste deutsche internationale Metropole hat selbstredend ein anderes Leitbild für die Stadtentwicklung als eine Stadt in der deutschen Provinz.  Keine Wohnform bzw. keine städtische Wohnkultur ist "besser" oder "mehr wert" als die andere. Politik, Medien und Zukunftsforscher sollten diese Vielfalt im Blick behalten, wenn es um die Analyse des Ist-Zustandes und das Formulierungen von Handlungsempfehlungen geht.

Update, 01.02.2015

Nachdem der durchschnittliche kinderlose Baby-Boomer in den Großstadt-Redaktionen der deutschen Qualitätsmedien 2 Jahrzehnte den Lesern deutlich machen wollte, dass das Leben in der Stadt kulturell überlegen und das Leben mit Kindern vor den Toren der Stadt alles andere als ökologisch nachhaltig und hip sei, scheint sich nunmehr im Zuge der Digitalisierung auch in diesem Themenfeld die Meinung etwas zu ändern. In meinem Anfangs-Post (s.u.) hatte ich etwas provokativ gefragt, welche tatsächlichen Gründe es eigentlich noch für das Leben in der dichtbesiedelten Beton-Wüste gäbe, wenn erst einmal die digitale Infrastruktur flächendeckend vorhanden wäre. Mir fallen jedenfalls nach wie vor keine persönlich relevanten Gründe ein.


In der Zwischenzeit hatte es Dank @rebastion und @Ansch11 eine spannende Initiative des Internet und Gesellschaft Collaboratory unter der Überschrift "Smart Country" in Berlin gegeben. Ich empfehle jedem kommunalen Entscheider dringend einen Blick in den Bericht der Initiative, um die Perspektive endlich von öden Einkaufszentren- und Fußgängerzonen-Debatte weg und hin auf die anstehenden Zukunftsfragen zu richten. Die Digitalisierung wird auch bei diesem Trend disruptiv wirken und bisherige "Wahrheiten" ("Die Menschen ziehen im Zuge der Alterung wieder in die Innenstädte") mehr als in Frage stellen.


Nun aber gehen endlich auch Traditionsmedien auf diese veränderte Sichtweise, die ja schon länger in der digitalen Community diskutiert wird, ein. So hatte der Deutschlandfunk zu einer Gesprächsrunde mit dem Titel "Genervt vom Leben in der Großstadt" eingeladen, in der gefragt wurde, ob angesichts der Agglomerationsnachteile großer Städte nicht doch ein Leben auf dem Lande dem Leben in der Stadt vorzuziehen sei (hier geht es zum Beitrag). Es ist allerdings schade, dass zu dieser Gesprächsrunde keine digitalen und kommunalen Experten wie @wkaczoro oder @nowanda1 eingeladen worden waren. Die Diskussion wäre mit Hilfe bspw. dieser beiden Experten, die die kommunale mit der digitalen Sicht verbinden, vollständiger geworden. Aber vielleicht überlegt sich der @DLF es sich bei der nächsten Runde ja noch... ;-)


Update, 5.4.2014

27. NPO Blogparade

Die aktuelle NPO Blogparade befasst sich mit der interessanten Wechselwirkung von Demografie, Internet und der Bildung von Netzwerken (im ländlichen Raum):

"Netzwerke im demographischen Wandel aufbauen - Chancen und Hindernisse?"

Die Organisatoren der Blogparade fragen nach Input und Blogbeiträgen unter besonderer Berücksichtigung der folgenden Gesichtspunkte:

Wie man lokale Netzwerke erfolgreich aufbaut.
Welche Hindernisse zu überwinden sind.
Welche Online-Tools sich in lokalen Vernetzungsprozessen bewähren.
Was örtliche Initiativen von digitalen Aktionsnetzwerken lernen können.
Welche Chancen, aber auch Probleme, die Netzwerkstrukturen mit sich bringen.
Wie man Jung und Alt zum Mitmachen motiviert.
Welche Rolle Netzwerke für den Wissenstransfer spielen.

Die Themenstellung finde ich äußerst interessant, da die Frage des Netzwerkens und der digitalen Infrastruktur hier nicht als Selbstzweck gesehen sondern in einen inhaltlichen Kontext gestellt wird. Von daher habe ich mir mal erlaubt, meinen nicht mehr tagesaktuellen Post, in dem ich mich vor einiger Zeit mal mit den Wechselwirkungen befasst hatte, nochmals zu verlinken.