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Dienstag, 19. März 2013

Feminismus und bessere Schulbildung für Jungen sollten kein Widerspruch sein


Das Denken in Geschlechterkategorien widerspricht globaler Komplexität

Es ist schon erstaunlich; da kümmert sich die EU um die Einführung der Blue Card und klagt der deutsche Mittelstand über Fachkräftemangel, während gleichzeitig 10.000den von Jungen jährlich das Abitur verwehrt wird - allein weil sie Jungen und keine Mädchen sind. Worin liegt diese offensichtliche Widersprüchlichkeit begründet?

In Gesprächen mit Gleichstellungsbeauftragen und Feministinnen wird immer wieder deutlich, dass häufig eine Entweder-Oder-Auffassung vorhanden ist und auch nur diese akzeptiert wird. Entweder man(n) sei für oder gegen Frauenförderung; allein schon der Hinweis auf die notwendige Unterstützung und Förderung von Jungen wird in konsistenter Weise als automatische contra-Frauenförderungsposition ausgelegt. Ich halte dieses Schwarz-Weiß-Denken für überholt und nicht mehr der Vielfalt der Lebensstile und -modelle für angemessen.

Eine Ausgestaltung von Politik entlang einer nur bipolaren Achse (männlich/weiblich) impliziert eine Reduzierung der Menschen auf ihr Geschlecht und schließt sämtliche akzeptierte weitere soziodemographische Merkmale aus. Diese Zweiteilung sogar der gesamten Weltbevölkerung in Gut und Böse hatten wir in Zeiten konservativer US-Präsidenten konsequenter Weise abgelehnt, da sie damals schon der globalen Vielfalt der Lebensstile nicht Rechnung trugen. Warum diese Schwarz-Weiß-Einteilung heute geeigneter sein sollte, die Gesellschaft fit für zukünftige Herausforderungen zu machen, erschließt sich mir nicht.


Mit gleicher Münze zurückzahlen?

Wie die Nicht-Berücksichtigung des gesellschaftlichen Kontextes und der Komplexität eine Sichtweise derart eindimensional werden lässt, kann man und frau gut am Beispiel des Bildungssystems erkennen. Ging es ehemals darum, Mädchen dieselben Bildungsschancen gegenüber Jungen einzuräumen, wird heute in Zeiten der Bildungsbenachteiligung von Jungen darauf verwiesen, dass Mädchen einfach häufig klüger, frecher, selbstbewusster seien. Man stelle sich vor, man hätte vor 20 Jahren mit dem Hinweis auf diese Attribute die damalige Benachteiligung der Mädchen gegenüber Jungen abgetan.

Während es jedoch vor 20 Jahren eher um die individuelle Bildungschance ging, stehen in der Gegenwart zunehmend komplexe und auch volkswirtschaftliche Interdependenzen dieser Problematik. Man und frau könnten auch sagen, dass die Benachteiligung von Jungen in der Schule auch ein feministisches Thema sein sollte, weil über diese Diskriminierung langfristig auch die (erwerbstätigen) Frauen von den negativen Folgen dieser Entwicklung betroffen sein werden. Zur Zeit wird man nach Ansprechen des Themas zumeist - so die persönliche Erfahrung - mit zwei Arten von Antworten konfrontiert:
  • "Ich vertrete als Gleichstellungsbeauftragte keine Interessen von Jungen."
  • "Wir haben 2000 Jahre Knechtschaft ertragen; jetzt sind die Jungen dran." (Zitat!)

Demographie: Niemand darf zurückgelassen werden!

Die Kausalität, die deutlich macht, warum solche Antworten kurzsichtig sind, ist vollkommen simpel, wird aber eben nicht gesehen oder zumindest übersehen.
  1. Höhere Bildung führt zu besseren Einkommen und damit Steuern, die die Finanzierbarkeit der sozialen Sicherungssysteme absichern. Angesichts des demographischen Wandels wird die Finanzierungsbasis staatlichen Handelns in Zukunft schrumpfen.
  2. Erreichen weniger Jungen höhere Bildungsabschlüsse, so werden in Zukunft die finanziellen Lasten deutlich mehr von Frauen übernommen werden müssen.
  3. Gleichzeitig steigt der Ausgabendruck, da schlechtere Bildungsabschlüsse in der Summe zu mehr Arbeitslosigkeit führt, die dann über die sozialpolitischen Maßnahmen die Finanzierungslast für Frauen (und Männer) weiter ansteigen lässt.
  4. Ebenfalls ist mit erhöhten Folgekosten sozialer Verwerfungen zu rechnen. Während alleinerziehende Mütter mit einem breiten sozialen Netz (auf niedrigem Niveau) rechnen können, fallen die nicht sorgeberechtigten und zunehmend geringer qualifizierten Väter durch das Netz und begründen u.a. den weit überdurchschnittlichen Anteil an der Zahl der Obdachlosen.
  5. Im privaten Bereich ist in Folge der Ungleichverteilung der Qualifikationen mit einer Tendenz zur Rückkehr zur Hausfrauenehe - nunmehr die Hausmännerehe - zu rechnen mit all den negativen Konsequenzen für die gesamtwirtschaftliche Erwerbsbeteiligung und die individuelle Zufriedenheit und Aufgabenteilung in den eigenen vier Wänden.
So wie die derzeitigen älteren Arbeitnehmer an der ausreichenden Qualifikation jüngerer Generationen interessiert sein sollten, um die eigene Rente finanziert zu wissen, sollten Frauen und Politikerinnen an besserer Bildung für Jungen interessiert sein, um die persönliche Finanzierungslast in Zukunft nicht noch weiter - als sowieso schon demographisch bedingt - ansteigen zu lassen.