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Mittwoch, 20. Februar 2013

Hatespeech als Ausdruck der Entfremdung zwischen Journalistinnen und Leserinnen?

Ähnlich der auf der letzten re:publica prominent angesprochenen Thematik des Hatespeech im Netz - s.a. auch den Auftritt von +Julia Schramm und +Julia Seeliger - hat sich vor kurzem auch die Reportage "Uppdrag Granskning" des schwedischen Fernsehens SVT der Thematik angenommen und damit eine Welle von Blogbeiträgen zu dem Thema ausgelöst, bei denen ein Blick über die Grenze lohnt, um sich einen Eindruck davon zu verschaffen, wo Unterschiede und wo Gemeinsamkeiten zur deutschen Debatte zu finden sind.

Die schwedische Blogosphere ist deutlich gesellschaftspolitischer und mehr in die öffentliche Debattenkultur integriert als dies in Deutschland der Fall ist. Ich habe an dieser Stelle schon häufiger beispielhaft das schwedische Bloggerportal Newsmill.se genannt, auf dem sich Bloggerinnen, Medien, Parteien und Wissenschaft meinungs- und lagerübergreifend zu gesellschaftlichen Themen äußern. Eine solche Plattform gibt es hierzulande leider nach wie vor nicht.

HATE
Foto: Daniel*1977, CC BY-NC-SA 2.0

Auf dieser Plattform wurde nun auch die Reportage des schwedischen TV zu Hatespeech ausführlich debattiert.
Anlass zur Debatte war nicht etwa die in der Reportage dargestellte Problematik des "Näthat" (Netzhass) von Männern gegenüber Frauen sondern - und dies ist aus deutscher Sicht die eigentliche Überraschung - die Debatte um die Rolle der öffentlich rechtlichen schwedischen Medien. In Deutschland gab es im Kontext der #aufschrei-Diskussion ansatzweise eine Grundlage für einen solchen Diskurs, als im ZDF-Blog die Social Shares auf verschiedene Plattformen in Folge des #aufschrei s genannt wurden. So erhielt im Monat Januar der Blogtext, der sich kritisch mit den #aufschrei-Vertreterinnen auseinandersetzte ("Dann mach doch die Bluse zu"), 145.000 Shares während der meist geteilte pro-Text (SPON: "Brüderle Debatte - Stopp!") gerade mal 5.800 Shares erhielt. Auch die empirische Analyse (wenngleich etwas rudimentär!) der #aufschrei-Tweets weist auf einen interessanten Gegensatz zwischen Wahrnehmung und tatsächlicher Relevanz des Themas hin. Nur 1,5% der #aufschrei-Tweets befassten sich inhaltlich und relevant mit der eigentlichen Problematik. Man hätte aus diesen Zahlen die Frage nach dem Verhältnis der Relevanz von traditionellen und Online-Medien ableiten können - tat dies aber nicht. Anders in Schweden.

Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in Schweden einen etwas anderen Kontext. Die aus Sicht vieler Schweden übertrieben rigorose Behandlung des Assange-Falles, die heftige Kritik an der katholischen Kirche, die Publikation der Läster-Facebook-Seite "Vita kränkta män" (Weisse gekränkte Männer) in Form eines Buches (mit der fragwürdigen Methode der negativen Assoziation einer gesamten Bevölkerungsgruppe mit dem stilisierten abstoßenden Gesicht...) und die aggressiven Äußerungen der Redakteurinnen in den Tageszeitungen sowie seltsame Doppelrollen dieser Redakteurinnen im Pirate-Bay-Fall, die durch den aktuellen Film "TPB AFK: The Pirate Bay Away From Keyboard" erneut thematisiert wurden, führen zu einer etwas differenzierteren Einschätzung von Hatespeech. Hatespeech gibt es demnach nicht nur von Männern gegenüber Frauen (sondern auch von Frauen gegenüber Männern sowie hier: "Der Mann ist ein Tier"), vom politisch bürgerlichen in das politisch linke Lager (sondern auch vom linken in das bürgerliche Lager) und nicht nur im Netz (sondern auch in den Printmedien). All diesen Debatten stellen interessanter Weise sehr konsistent die angestammte Rolle und Funktion der ÖR und Printmedien in Frage.

Einen der meist gelesenen Artikel auf Newsmill.se ("Wenn die Macht(elite) die Bürgerinnen verachtet") zu dieser Rollendebatte stammt von Filippa Mannerheim und musste nach einigen Tagen wegen hitziger Debatten im Kommentarfeld geschlossen werden. Mannerheim fragt - und dies ist eine wohltuende neue Perspektive - nach den eigentlichen Gründen des im Netz stattfindenden Hasses. Sie schildert in ihrem Beitrag das Zustandekommen einer Zeitungs-Reportage zum Netzhass im sehr populären schwedischen Forum "Flashback". So hätten die Journalistinnen im Forum von Anfang an nur nach Fällen gefragt, in denen Frauen von Männern im Netz bedroht worden wären. Auf eine Debatte um eine tiefergehende Hass-Analyse - Ethik im Netz, gesellschaftliche Konfliktlagen, Meinungsfreiheit - hätten sich die Journalistinnen trotz vieler Hinweise der Foren-Benutzerinnen nie einlassen wollen und hätten dem entsprechend nach Erhalt der von ihnen gewünschten marginalen Informationen das Forum auf Nimmerwiedersehen verlassen. Die Journalistinnen hätten sich dann auch im anschließenden Beitrag "von oben" herab geäußert und damit deutlich gemacht, dass ihnen nie an einer Debatte um Augenhöhe gegangen sei (Randnotiz: "von oben" steht so wörtlich im schwedischen Text. Was sagt uns die Übernahme dieses deutschen Begriffs in die schwedische Sprache?). Gesamtgesellschaftlich erkennbare Probleme wie die steigende Arbeitslosigkeit, die Verarmung und die soziale Spaltung der Gesellschaft würden von den Traditionsmedien gar nicht mehr thematisiert. Die Redakteurinnen würden in ihrer eigenen Welt leben, nach wie vor aber eine große mediale Reichweite besitzen. Dieser Konflikt - Journalistinnen nehmen die Nöte der Bevölkerung nicht wahr und schreiben stattdessen mit großer Reichweite über Nischenthemen - führe zu einem Gefühl der Ohnmacht, das schließlich zu solchen durch Hass geprägten Entgleisungen führe. Sie stellt dazu recht prägnant fest: "Dafür dass die Tonlage der Netzhasser bedrohlich und sexistisch ist, ist der Ton der intellektuellen Elite roh und arrogant".

+Rick Falkvinge schreibt in seiner FB-Timeline, dass die Debatte um den Netzhass nur eine Modeerscheinung sei. Auf Nachfrage stellte er klar, dass man akzeptieren müsse, dass es im Netz genauso viel Hass gebe wie im Offline-Leben auch. Das ist richtig und sollte bei aller Kritik immer bedacht werden.

Gleichzeitig sollten wir aber natürlich nachfragen, wie Hass im Netz verhindert und abgebaut werden kann. Dabei muss über die von Mannerheim angesprochenen Kontexte gesprochen werden. Äußerungen werden subjektiv vollkommen unterschiedlich wahrgenommen. Es hat nicht nur immer eine Seite die Wahrheit gepachtet; die oben genannten unterschiedlichen Teile der Gesellschaft und ihrer Institutionen sollten sich ein Stück weit von Hysterie verabschieden und lernen, miteinander über die Regeln des Umgangs im Netz zu sprechen. Es kann nicht sein, dass Personen, die den Gender-Pay-Gap in Frage stellen und Sorgerechtsproblematiken ansprechen, mit ihren Anliegen auf Hatr.org landen. Das ist diskreditierend und verhindert eine vorurteilsfreie Debatte. Darüber hinaus verharmlost es damit implizit auch die schwerwiegenden Fälle, die auf Hatr.org gesammelt werden oder wie die o.g. Buchpublikation, die eine sehr viel größere Reichweite mit ihren Hassattitüde erzielen werden.