.

.

Montag, 17. Dezember 2012

Deutsche Bank ruft zum "Mütchen kühlen" auf, WCIT "gescheitert" und zu wenige Geburten

Und dann war da noch...

... die Deutsche Bank, die unter der - unter den gegenwärtigen Umständen (Steuerbetrug, Anruf beim hessischen MP, etc.) - gewagten Überschrift "Mütchen kühlen" sich doch tatsächlich zum Thema Netzneutralität äußert. Der Kommentar verweist auf die sinkenden Umsätze der darbenden IKT-Industrie. Es gäbe, so der Artikel, schon heute Daten-Differenzierung; so seien Mails und IP-Telefonie schon heute von unterschiedlichen Geschwindigkeiten betroffen. Dabei wird geflissentlich übersehen, dass es ja vor allem um die Frage geht, ob der Umfang der Durchleitung nach Gebühren differenziert werden soll. Sollen die Mails der Deutschen Bank-Angestellten schneller durch die Netze geleitet werden als die Mails eines Hartz 4-Empfängers, der sich keine Zusatzoptionen zu seiner Datenleitung leisten kann. Gemäß der ökonomischen Theorie wird geschlussfolgert, dass eine Gebührendifferenzierung allokationseffizienter sei. Wahrscheinlich lehnt man sich demnächst am Modell der energieintensiven Industrie an; Unternehmen, die das Internet besonders stark nutzen, müssten von Anschlussentgelten befreit werden. Passend dazu anbei nochmals der Hinweis auf die Vodafail-Kampagne der Digitalen Gesellschaft e.V.; es geht um mehr als Geschäftsmodelle, es geht um selbstbestimmtes Verhalten und Freiheit im Netz.

CC BY-NC-SA Andrea Jnojic, www.netzpolitik.org


... die WCIT-Konferenz, die vorerst nicht dazu geführt hat, dass repressive Länder den europäischen und amerikanischen Staaten ihre Regeln für eine verstärkte Kontrolle des Netzes diktieren konnten (in Teilen der Medien wird fälschlicher Weise vom Scheitern der Konferenz gesprochen), ist es nunmehr essentiell , dafür zu sorgen, dass diese Regime nicht doch noch durch eine Dezentralisierung der Spielregeln zu einer Balkanisierung des Netzes beitragen. Nachdem der Iran und China bereit den Weg zu einer Re-Nationalsierung des Netzes beschritten haben, kommt es darauf an, die Übereinkunft der Länder, die grundsätzlich ein freies Netz unterstützen, zu stärken. Da auf der Konferenz Themen besprochen wurden, die alle Menschen weltweit interessieren und v.a. betreffen könnte, ist es nur konsequent, dass eine Chance besteht, Einblick in Konferenz-Dokumente zu erhalten. Die Seite "wcitleaks" ist hierfür eine geeignete Anlaufstelle.

... der ärgerlich defizitäre Umgang der sogenannten Qualitätsmedien mit datenbasierten Studien, der sich heute wieder mehr als deutlich in der Behandlung der Ergebnisse der neuesten BIB-Studie zum demographischen Wandel in Deutschland gezeigt hat. So finden sich in nahezu allen Texten der Printleitmedien Hinweise auf den "Geburtenrückgang" in Deutschland, obgleich die sehr differenzierte und gut erklärende Studie weitaus mehr Ergebnisse zu bieten gehabt hätte (nachzulesen im verlinkten Original). Die absolute Zahl der Geburten ist bedingt durch geringere Alterskohorten zurückgegangen, die Geburtenrate aber ist seit ca. 20 Jahren nahezu unverändert. So viel Zeit für eine ausgewogene Betrachtung sollte schon vorhanden sein. Wieso aber wurde heute ausschließlich von "sinkenden Geburtenraten" und "tradierten Rollenmodellen" geschrieben?

Es ist schon eine sehr auffällige Ironie, dass sich nun ausgerechnet die JournalistInnen, die die Berufsgruppe mit dem geringsten Anteil von Müttern und Vätern in Deutschland überhaupt bilden, empört über die Zustände aufregen. Es scheint mir etwas zu verkürzt, die Schuld an eigener Kinderlosigkeit pauschal "der Vereinbarkeitssituation" zuzuschreiben. Es gibt ausreichend Gegenbeispiele von berufstätigen Müttern und Vätern, die die Herausforderung der Betreuung alternativ gelöst haben.

Vielleicht kann man sich einfach nicht eingestehen, dass einem ein Leben lang der eigene berufliche Werdegang wichtiger war als die Perspektive, Kinder zu bekommen, und damit auf den nächsten Karriereschritt verzichten zu "müssen"?

Die Studie beantwortet leider nicht die Frage, wie die höhere Kinderzahl im Westen mit der traditionelleren Betreuungsvariante im Westen zu vereinbaren ist. Würde die These über den Kausalzusammenhang "Gute Vereinbarkeit = Hohe Kinderzahl" in dieser Pauschalität stimmen, müssten die Geburtenraten in Ost und West genau andersherum ausgeprägt sein. So stellt die Studie auch abschließend fest: "Letztlich ist die deutsche Fertilitätssituation auf das besondere Zusammenwirken struktureller und kultureller Faktoren zurückzuführen".

Dieses Ergebnis konnte man/frau heute aber in keinem Medium nachlesen.